Kategorie-Archive: Kommentare

Kommentar: Götter, die das Leid nicht kennen – Krankheit und Behinderung im Videospiel

Harder, Better, Faster, Stronger

Es läuft bei uns, soviel ist klar: Wir erstellen einen Avatar frei nach unseren Wünschen. Größe, Hautfarbe, Stats. Natürlich sind wir gezwungen, Kompromisse zu machen, wir können schließlich nicht vom Start weg der unbesiegbare Held sein, im Umgang mit der Axt genau so versiert wie in Feuermagie und Heilzaubern. Doch das ist kein Problem, schließlich wissen wir, wir werden stärker werden. Jeder besiegte Gegner bringt uns voran, immer weiter, immer aufwärts, die Vollkommenheit vor Augen. Stufe 100, das Maximum – wir wissen, dass wir es erreichen können, wenn wir die Zeit nur investieren. Das ewige Level, auf dem wir nimmermüde Halbgötter unsere Schlachten schlagen – und nur das nächste Add-On, das den Levelcap erhöht, kann uns unsere Vollkommenheit noch nehmen.

latest-1Falls uns doch einmal so richtig zugesetzt wird: der Verbandskasten oder die Magic Potion werden’s schon richten. In modernen Ego-Shootern braucht es nicht einmal mehr das; es genügt, wenn wir wenige Sekunden hinter einer Ecke Schutz suchen und schwuppdiwupp: die Wunden sind geheilt. Und sollten wir von der Wahl unserer Skills irgendwann einmal gelangweilt sein – das notwendige Item, um sie zurücksetzen und die gesammelten Skill Points neu zu vergeben, wartet auch schon in unserem Inventar. Unheimlich komfortabel ist das alles. Als Konsumenten werden wir von den meisten Spielen umhegt und gepflegt wie der junge Siddhartha Gautama in seinem Palast, dem Alter, Krankheit und Tod vorenthalten werden – schließlich soll er Herrscher werden und nicht Buddha.

Norm und Normabweichung

Es ist einige Wochen her, dass ich Garcian Smith aus Killer 7 vorgestellt habe, im Rahmen einer neuen Reihe von Artikeln, deren Absicht es ist, beachtenswerte schwarze Videospiel-Protagonisten ins Rampenlicht zu rücken. Im Zuge dessen sind mir allerdings noch einige weitere, ungewöhnliche Dinge am Cast von Killer 7 aufgefallen, die es lohnt hier einmal anzusprechen. Weiterlesen →

Kommentar: Gastspiel und Bestandsaufnahme

Das Jahr 2016

Mit 2016 nähert sich ein Jahr seinem Ende, das in den Augen vieler von Ereignissen bestimmt war, die guten Grund zum Pessimismus bieten. Dass demgegenüber kein Mangel bestand an eindrucksvollen, oftmals innovativen und nicht selten kontroversen Spielen, ist ein Umstand, der den Verlauf der gesellschaftlichen Entwicklung in ihrer Gesamtheit ganz selbstverständlich nicht aufwiegen kann, der vor diesem Hintergrund aber auch nicht ohne Bedeutung ist: Die in den letzten zwölf Monaten erschienen Spiele und ihre Rezeption im Besonderen sind auch deshalb so interessant, weil sie mit all ihren Widersprüchen und ihren zahllosen gegenläufigen Entwicklungen ein Spiegelbild gesellschaftlicher Diskurse und Veränderungen im Kleinen sind.

Nach meinem Empfinden dürfte das Jahr 2016 mit Blick auf die seit Januar erschienenen Spiele und auch ohne scharfe Paradigmenwechsel innerhalb der Videospielkultur (wie sie mit einer zunehmenden Ausdifferenzierung des Mediums ohnehin zunehmend unwahrscheinlicher werden) zu den interessantesten dieses Jahrzehnts zählen. Dieser erfreulichen Entwicklung entgegen läuft die fortgesetzte Dominanz einer etablierten wie beschränken Form des Journalismus über Spiele, die den Entwicklungen, die das Medium in den vergangenen Jahrzehnten genommen, und dem kulturellen und gesellschaftlichen Stellenwert, den es erreicht hat, schon lange und in stetig zunehmendem Maße nicht mehr gerecht wird, die stattdessen charakterisiert ist durch überholte Prioritätensetzung und einem unkritischen und passiven Umgang mit den Mechanismen der Spieleindustrie zum einen und einer insularen Konsumentenspezies zum anderen. Weiterlesen →

Einsamkeit im Garten Eden: Shinji Mikamis „Product Number 03“ zwischen Kybernetik und Existentialismus

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P.N.03 und das Dilemma seiner Heldin wollen mich noch immer nicht loslassen. Während ich den Hauptteil meiner Kritik noch schuldig bin, und nachdem ich mich in einem Doppel-Feature auch schon mit dem Entstehungsumfeld des Titels beschäftigt habe, möchte ich mich an dieser Stelle abermals der narrativen Seite des Spiels zuwenden.

Die narrative Seite, bitte? Reduziertes Arcade-Gameplay und eine durchgestylte Optik – und mitunter auch nur der Hintern der Heldin – sind die Attribute, die wir mit dem GameCube-exklusiven 3rd-Person-Shooter am ehesten verbunden sehen. Als ich dem Werk des Resident-Evil-Erschaffers Shinji Mikami nach zehn Jahren einen zweiten Besuch abstattete, geschah das vor allem deswegen, weil mir gestalterische Parallelen zwischen seiner Protagonistin Vanessa Schneider und der ungleich bekannteren Platinum-Games-Ikone Bayonetta aufgefallen waren. Es ergab sich daher auch, dass meine Betrachtungen im bereits veröffentlichten Part meiner Kritik – hinter dem, nebenbei erwähnt, die anachronistische Absicht stand, einen Eindruck von der Ästhetik des Spiels zu vermitteln, ohne auf Screenshots oder Videos zurückzugreifen – unter feministischen Vorzeichen erfolgten. Dass mich die eigentlich sehr karge Narration des Sci-Fi-Abenteuers aber auch in anderer Hinsicht noch lange beschäftigen und zu einer ganzen Kette von Assoziationen führen sollte – das hätte ich beim Betrachten der primitiven Schlusssequenzen wohl am allerwenigsten erwartet…

I. Vanessas Heldenreise

Für die meiste Zeit des Spiels hält sich die Geschichte – wohlwollend ausgedrückt – im Hintergrund. Dennoch oder gerade deswegen stellt sich spätestens nach der Schlusssequenz die Frage, welches der Sinn hinter alledem war. Ohne die Pointe der Erzählung schon jetzt vorweg zu nehmen: Heldin Vanessa sieht sich mit sich selbst konfrontiert und vor das Problem gestellt, welche Motivation ihrem Handeln tatsächlich zugrunde liegt und wie sie ihre Zukunft gestalten möchte. Dabei stellt sich die Frage nach der Natur der Beziehung zwischen Vanessa und ihrer Umwelt, die Frage tatsächlich, ob Vanessa die selbstbestimmte, schöpferische Herrin ihres Daseins ist, oder doch nur das funktionale Rädchen in einem Getriebe, dessen Funktion vor allem darin besteht, sich selbst am Laufen zu halten. Weiterlesen →

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Kommentar: „Man muss auch ehrlich sein.“ (II)

„I’m sorry but this review is inherently wrong.“

Hierbei handelt es sich um die Fortsetzung des Beitrags von letzter Woche. Ich hatte eigentlich gar nicht die Absicht, meinen Kommentar Metal-Gear-Solid-V-Ground-Zeroes-01zum Dead or Alive Xtreme 3 Review von NplusX.de zu einer solchen, recht umfangreichen Auseinandersetzung mit der Gattung des Spieletests im Allgemeinen zu entwickeln, aber was passiert ist, ist passiert… Doch zuerst noch einmal zurück zum Ausgangspunkt:

NplusX-Redakteur Andreas Held mutmaßt nicht nur, dass „subjektive Grundhaltungen […] zu bestimmten gesellschaftspolitischen Themen“ Wertungen selbst dort negativ beeinflusst haben könnten, wo diese Haltungen im Rezensionstext nirgendwo zum Ausdruck kommen. Er ist auch der Ansicht, dass Sexismuskritik äußernde „Redakteure […] ein Review zu einem Videospiel als Plattform für ihre persönliche gesellschaftspolitische Agenda missbrauchen könnten“. Wenig später beklagt er: „[Es gibt] Aktivisten, die gegen solche Spiele vorgehen, als hätten wir keine größeren Probleme in unserer Gesellschafft [sic] – wie zum Beispiel Atomwaffen oder den IS.“ Ich brauche wohl kaum zu erklären, wie dumm dieser Vergleich ist (möchte allerdings anregen, dass vor einem solchen Hintergrund eine entschiedenere Kritik am reaktionären Militarismus gewisser Shooter-Franchises angebracht sein könnte). Doch sei’s drum. Was Held mit seinem krummen Vergleich eigentlich sagt, ist dieses: Sexismus in Videospielen ist irrelevant (womit er spätestens hier selbst eine „gesellschaftspolitische“ Position zum Ausdruck bringt, was er innerhalb von Videospiel-Reviews zuvor noch selbstgerecht als Missbrauch verurteilte). Ferner ist Helds Kritik an dieser Stelle nicht länger auf Spieletests beschränkt, sodass nicht klar ist, ob er damit der kritischen kulturellen und auch sozio-politischen Betrachtung von Videospielen grundsätzlich jede Legitimität absprechen möchte. Weiterlesen →

Kommentar: „Man muss auch ehrlich sein.“ (I)

Oder: Der Widerstand gegen Sexismus-Kritik an Videospielen

Ich versuche heute mal, mich kurz zu fassen und komme gleich zum Punkt:

DoAOb Dead or Alive Xtreme 3 nun ein leidlich unterhaltsames oder ein grottenschlechtes Spiel ist, ob die sexualisierten Darstellungen der Protagonistinnen als sexistisch zu werten sind, und wie entschieden man diesen Sexismus verdammt, oder verharmlost, oder ob man das Spiel nicht ohnehin doch gerade wegen diesen sexualisierten Darstellungen spielt, und inwiefern das dann wiederum verwerflich wäre – das sind Fragen, auf die hier nur ganz am Rande eingegangen werden wird und auf die an anderer Stelle eine Antwort gesucht werden sollte. Einen besonders klugen Beitrag zur aktuellen Debatte um (angeblichen) Sexismus und (angebliche) Zensur habe ich vor einigen Tagen erst verlinkt.

Mir soll es an dieser Stelle einmal nur darum gehen, auf welche Weise NplusX.de und Redakteur Andreas Held mit der Problematik umgehen, und auf welcher Basis sie argumentieren. Ich muss gestehen, dass ich mit NplusX.de (zuvor WiiUX.de, davor NintendoWiiX.net und GameCubeX.net; und irgendwann hatte die Site im deutschsprachigen Raum sogar mal eine gewisse Relevanz) ohnehin so meine Schwierigkeiten habe, aber der aktuelle Importest zu Dead or Alive Xtreme 3 ist, wie ich finde, ein weiterer Tiefpunkt in der Berichterstattung. Es zeigen sich an diesem Beispiel aber auch sehr schön einige grundsätzliche Probleme, die einer sinnvollen Entwicklung solcher Debatten immer wieder im Wege stehen.

Die Verschwörungstheorie

Eigentlich kann man ans Helds merkwürdig verkrampftem Artikel allerhand kritisieren, aber ob er langweilig und schlecht strukturiert ist, tut hier wenig zur Sache. Interessanter und auch bezeichnender ist, wie sich der Autor dagegen erwehrt, wenn kritische Ansichten zur sexualisierten Darstellung der Protagonistinnen die Wertungen für Dead of Alive Xtreme 3 mutmaßlich negativ beeinflussen. Held spricht solchen Sichtweisen nicht nur ihre Legitimität ab (worauf ich weiter unten zu sprechen komme), er wittert auch eine regelrechte Verschwörung. Weiterlesen →