Kategorie-Archive: Club Nintendo Magazin

Feature: Die Banalität und die Magie des Club Nintendo Magazins (V)

Part V: Intention und Mittel, Fortsetzung der Fortsetzung

Holerö! In diesem mehrteiligen Feature möchte ich ergründen, wieso das deutsche Club Nintendo Magazin – ein regelmäßiges Printmagazin, dass Nintendo von 1989 bis 2002 kostenlos herausgab – in den Erinnerungen vieler Nintendo-Fans einen besonderen Stellenwert einnimmt, der mit Retro-Nostalgie allein nicht zu erklären ist und aus dem wir einiges lernen können – über gute Werbung und über das Geschichtenerzählen. Zum ersten Teil des Features gelangt ihr hier.

„Zudem könnt Ihr das T-Shirt Eures Charakters mit witzigen Sprüchen wie: ‚Mutter ist die Beste‘ oder ‚Schlag mich nicht…‘ versehen. Falls Euch diese Möglichkeiten noch immer nicht ausreichen sollten, könnt Ihr Euren Wrestler auch im Bikini in die Arena schicken.“ (WWF Attitude, Marcus Menold; Club Nintendo Ausgabe 4/99)

In den letzten beiden Teilen haben wir gesehen, wie die Club-Nintendo-Redaktion es schafft, mit ihren Spielevorstellungen einerseits zu informieren, andererseits zu begeistern. Obschon diese beiden Absichten leicht in Konflikt zueinander geraten können, zelda-coverzeigte sich, dass dieses so lang kein Problem ist, wie der Leser Informationen zum individuellen Spielinhalt sucht, den die Autoren zwar gern und oft als vermeintlich sensationell verkaufen, hinsichtlich der Fakten aber durchaus bei der Wahrheit bleiben. Anders verhält es sich, wenn man wissen möchte, wie gut ein inhaltlich und thematisch potentiell ansprechendes Spiel wirklich ist – eine Information, die sich in expliziter Form nicht in den Artikeln findet, da nicht nur auf Wertungen, sondern auch auf jegliche Form von Kritik generell verzichtet wird.

In diesem Teil wollen wir uns mit einigen Indizien beschäftigen, die uns als Leser dennoch einen Eindruck von der zu erwartenden Qualität eines Titels geben, wodurch Fehlkäufe selbst dann unwahrscheinlich werden, wenn prinzipiell alle Spiele wohlwollend besprochen werden. Wichtig ist nur, dass man sich das nicht so vorstellen sollte, dass der ungezwungene Leser die nachfolgend genannten Unterschiede in Quantität und Qualität bewusst durchschauen und aktiv hinterfragen würde, wie ich das in diesem Artikel versuche. Der latente Einfluss dieser Unterschiede auf den Grad der Begeisterung und damit auch auf das Kaufverhalten des Lesers dürfte durch diesen Mangel an Reflexion aber nicht geringer ausfallen.


First Look, Zoom In: Quantitative Berichterstattung

Das erste und vielleicht wichtigste Kriterium ist die Quantität der Berichterstattung. Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass fast alle veröffentlichten Spiele im Magazin Erwähnung finden. Der eine oder andere belanglose Titel mag in Zeiten hoher Release-Dichte außen vor bleiben; ebenso wird rigoroses Stillschweigen bewahrt, was indizierte (oder akut indizierungsgefährdete) Spiele anbelangt, oder Spiele ohne beabsichtigten Deutschland-Release – wie etwa Perfect Dark (anders in der österreichischen Auflage des Magazins, aber die wäre ein Thema für sich). Unerwähnt blieb meines Wissens auch Conker’s Bad Fur Day, das – nachdem THQ den Europa-Vertrieb übernommen hatte! – durch die USK zwar sogar schon ab 16 freigegeben worden war, demgegenüber Nintendo of Europe aber auch weiterhin Distanz wahren sollte. In jedem Fall variiert der Umfang der Club-Nintendo-Berichterstattung zwischen einzelnen Titeln ganz erheblich. Die Ausgaben 5 und 6 des Jahres 1998 (entsprechend Oktober und Dezember) sollen hier als Beispiel dienen, wobei wir uns auf die N64-Berichterstattung beschränken werden. Weiterlesen →

Feature: Die Banalität und die Magie des Club Nintendo Magazins (IV)

Part IV: Intention und Mittel, Fortsetzung

Holerö! In diesem mehrteiligen Feature möchte ich ergründen, wieso das deutsche Club Nintendo Magazin – ein regelmäßiges Printmagazin, dass Nintendo von 1989 bis 2002 kostenlos herausgab – in den Erinnerungen vieler Nintendo-Fans einen besonderen Stellenwert einnimmt, der mit Retro-Nostalgie allein nicht zu erklären ist und aus dem wir einiges lernen können – über gute Werbung und über das Geschichtenerzählen. Hier gelangt ihr zum ersten Teil.

„Röhrende Motoren, heiße Reifen, blubbernde Bremsflüssigkeit und viel zu laute Musik hinterm Steuer: Willkommen bei Ridge Racer 64, dem Spiel, in dem ihr all die lustigen Dinge tun dürft, die im wirklichen Straßenverkehr nicht nur verboten, sondern auch nicht empfehlenswert sind. Die fröhliche Raserei hat im Inneren eines Moduls Platz genommen und schickt sich an, euer Leben via Nintendo 64 mit einem Geschwindigkeitsrausch der Sonderklasse zu bereichern.“ (Ridge Racer 64, Micky Auer; Club Nintendo Ausgabe 1/00)
„Müssten wir ständig auf Pferde auf- und wieder abspringen, durch knietiefen Schlamm robben und gegen übermächtige Krieger im Schwertkampf antreten, hätten wir wohl schon längst eine VIP-Karte für den Chiropraktiker. Aber für Xena, die heldenhafte Amazone, gehören all diese Aktionen zum Tagesgeschäft. Jetzt lässt die Kriegerin ihren gefürchteten Kampfschrei auch auf dem Nintendo 64 erschallen!“ (Xena: Warrior Princess, Micky Auer; ebenda)
„Die Fratze des Terrors: Jede Nation der Welt hat ihr schon ins Antlitz geblickt, doch keine konnte ihr trotzen. Nun keimt Hoffnung auf: Unter Teilnahme mehrerer Nationen wurde die Einsatztruppe Rainbox Six gegründet, die binnen weniger Minuten jeden noch so fernen Schauplatz des Terrors zu erreichen vermag. Schließt euch der Elite-Einheit an!“ (Rainbow Six, Marcus Menold; ebenda)

Es handelt sich hier um die Einleitungen dreier, aufeinanderfolgender Artikel mit einem Umfang von je einer Seite. In gewöhnlichen Reviews/Previews dienen derartige Einleitungen zunächst dem Ziel, die Aufmerksamkeit des Lesers zu gewinnen und ihn so zum Lesen des Artikels zu bewegen. Im Club Nintendo Magazin hingegen spielt auch hier die Werbe-Komponente hinein: Immer geht es darum, Begeisterung zu wecken – für das Spiel und für die Abenteuer, die im Modul schlummern. Auffällig ist, wie diese Abenteuer in direkter Beziehung zur Lebensrealität des Lesers gesetzt werden. Die Autoren verstehen es, dem Medium Videospiel in seiner Eigenschaft als interaktives Medium gerecht zu werden: Das Spielgeschehen wird vom Spieler nicht nur passiv konsumiert, sondern aktiv erlebt; Fiktion und Realität stehen gleichbedeutend nebeneinander. Auch deswegen steht im Zentrum der Betrachtung nicht die etwa „objektive Qualität“ des Videospiels, deren Beschreibung es erforderte, ein Spiel als abgegrenzten Gegenstand zu betrachten und kritisch einzuschätzen, sondern vielmehr das Spielerlebnis als solches, das im Schnittpunkt zwischen Lebenswirklichkeit und objektivem Spielinhalt individuell entsteht und von subjektiven Empfindungen geprägt ist – und zwar nicht denjenigen des Redakteurs sondern des Lesers/Spielers. Weiterlesen →

Feature: Die Banalität und die Magie des Club Nintendo Magazins (III)

Part III: Intention und Mittel

Holerö! In diesem mehrteiligen Feature möchte ich versuchen zu ergründen, wieso das deutsche Club Nintendo Magazin – ein regelmäßiges Printmagazin, dass Nintendo von 1989 bis 2002 kostenlos herausgab – in den Erinnerungen vieler Nintendo-Fans einen besonderen Stellenwert einnimmt, der mit Retro-Nostalgie allein nicht zu erklären ist und aus dem wir einiges lernen können – über gute Werbung und über das Geschichtenerzählen. Hier gelangt ihr zum ersten Teil.

„Rayman klettert flink die steilsten Wände hoch, hüpft behende über die gefährlichsten Hindernisse und rutscht waghalsig nicht enden wollende Schluchten hinunter. Raymans Power kennt keine Grenzen, so daß ihr die Level des 256 Mbit-Moduls bis in die letzte Ecke erkunden könnt!“ (Rayman 2: The Great Escape, Stephan Schwingeler & Micky Auer; Club Nintendo Ausgabe 5/1999).

Diesen Sätzen aus einem umfangreichen Artikel zu Rayman 2 auf dem Nintendo 64 dient tatsächliches Spielgeschehen zwar als Grundlage, doch sind die im ersten Satz genannten Aktionen – klettern, hüpfen, rutschen – so sehr Standard, dass man hier kaum von Informationsgewinn sprechen kann. Unter Rückgriff auf spektakuläre Formulierungen zielen die Autoren einzig auf das Wecken von Begeisterung ab. Dem zweiten Satz kann man leicht vorwerfen, er sei vollends nichtssagend. Allerdings trägt auch er oberflächlich dazu bei, die Abenteuerlust des Lesers anzusprechen und nutzt nebenher noch die Gelegenheit, auf die Modulgröße zu verweisen – vor allem in den 90ern ein oft angebrachtes, vermeintliches Qualitätskriterium, dessen Erwähnung ein fester Bestandteil in den Artikeln des Clubmagazins war (und dabei gar nicht mal so dumm: Da größere Module mit höheren Produktionskosten einhergingen, lässt sich an der Modulgröße, wenn auch nicht die tatsächliche Qualität, so doch sehr oft der Produktionsstandard ablesen: 256 Mbit deuten klar auf eine Triple-A-Entwicklung hin).Club_Nintendo_Germany_1999-6

Und damit willkommen zurück. Nachdem die ersten beiden Teile dieses Features der Einführung in die Geschichte und Bedeutung des deutschen Club Nintendo Magazins dienten, möchte ich von nun an der Frage nachgehen, was Nintendos offizielles „Propaganda-Blatt“ seinen Lesern tatsächlich bieten und mit welchen Mitteln es sich im kollektiven Gedächtnis der Spielergemeinde verankern konnte. Ich möchte diesen Fragen so ausführlich und systematisch wie möglich nachgehen, weswegen es im Folgenden zunächst ein wenig abstrakter werden könnte – und umfangreich sowieso. Weiter unten werde ich meine Beobachtungen aber mit vielen Beispielen veranschaulichen.


Information und Begeisterung

Will man der Wirkung des Club Nintendo Magazins auf den Grund gehen, ist es sinnvoll, beim Verhältnis zwischen Herausgeber und Leser, zwischen Intention und Rezeption zu beginnen. Die erste Frage lautet dann: Was erhoffte sich Nintendo von der Veröffentlichung des Club Nintendo Magazins, d.h. welche bewussten Absichten legitimierten die Finanzierung in wohl nicht unerheblicher Höhe? Weiterlesen →

Feature: Die Banalität und die Magie des Club Nintendo Magazins (II)

Part II: Spätphase: Redesigns und Abgesang

Holerö! In diesem mehrteiligen Feature möchte ich versuchen zu ergründen, wieso das deutsche Club Nintendo Magazin – ein regelmäßiges Printmagazin, dass Nintendo von 1989 bis 2002 kostenlos herausgab – in den Erinnerungen vieler Nintendo-Fans einen besonderen Stellenwert einnimmt, der mit Retro-Nostalgie allein nicht zu erklären ist und aus dem wir einiges lernen können – über gute Werbung und über das Geschichtenerzählen. Hier gelangt ihr zum ersten Teil.

„Wenn sich das Quietsche-Entchen in der Wanne schüttelt, aus dem Fernsehbildschirm Salzwasser tröpfelt und die Zuschauer vor Spannung an Eurer nagelneuen Schwimmweste nagen, könnt Ihr davon ausgehen, daß Wave Race 64 in Eurer Nintendo64-Konsole steckt und über den Bildschirm flimmert.“ (Wave Race 64, John D. Kraft; Club Nintendo Ausgabe 3/1997).

Und damit herzlich willkommen zum zweiten Teil. Bevor es ab dem nächsten Mal ans Eingemachte geht, möchte ich hier noch einen kurzen Blick auf die letzten Jahre der Magazinhistorie werfen. Von 1989 bis 2002 in Deutschland erschienen, erfasst die Geschichte des deutschen Club Nintendo Magazins ganze vier Heimkonsolengenerationen und sämtliche Modelle des Game Boy – und damit jenen Zeitraum, den man vielleicht als die „klassische Phase“ in der Videospielgeschichte Nintendos bezeichnen kann. Gerade in Hinblick auf seine bescheidenen Ursprünge und die Äquivalente in zahlreichen anderen Ländern ist die Geschichte des Club Nintendo Heftes zweifellos sehr interessant, soll der Schwerpunkt dieses Artikels allerdings nicht sein (wobei ich anmerken möchte, dass mir keine umfassende Darstellung der kompletten Magazinhistorie bekannt ist; und sollte sich einer befähigt fühlten, das zu ändern, ich würde mich sehr freuen). Ich werde an dieser Stelle nur auf die Entwicklung der Jahrgänge eingehen, die schließlich die Grundlage für die nachfolgende Analyse bilden sollen. Ich persönlich verbinde mit dem Club Nintendo Magazin nämlich die Jahrgänge 1997 bis 2000. Das entspricht ungefähr der Ära des Nintendo 64. Einen schönen Überblick über alle Heftcover findet ihr unter diesem Link.

Meinen ersten Kontakt mit dem Magazin hatte ich Mitte der 1990er. Von Ausgabe 1/1997 an war ich schließlich ein begeisterter und regelmäßiger Leser, auch wenn ich bis dahin nur ein transparentes Modell („Play It Loud!“) des klassischen Schwarz/Weiß-Game-Boys mein Eigen nannte. Um Nintendos Handheld war es damals vergleichsweise still geworden, der Game Boy Color lag noch in einiger Ferne, und so galt der Fokus der Presse und des Marketings ganz dem Nintendo 64. cn02Anlässlich des bevorstehenden Deutschland-Releases der Konsole erfuhr das Layout des Club Nintendo Magazins mit besagter Ausgabe 1/1997 eine umfassende Modernisierung. Obwohl im Zuge dessen sogar das Logo, das zuvor an den gewohnten Nintendo-Schriftzug angelehnt war, dem aktuellen 3D-Hype folgend angepasst wurde, markierte diese Neugestaltung noch keinen grundsätzlichen Bruch mit der farbenfrohen, reich bebilderter Aufmachung des Magazins. Dazu sollte es erst zwei Jahre später kommen, mit Ausgabe 1/1999. Diesmal war es das Logo, das unverändert blieb, während das Layout und einige Rubriken ein radikaleres Re-Design erfuhren als je zuvor. Professionell und wertig wie eh und je, zeigte sich das Magazin nun spürbar moderner und erwachsener. Das Layout erschien nun deutlich aufgeräumter, farbige Hintergründe und poppige Gestaltungselemente wichen schlichtem Weiß und einem progressiven Techno-Look. Einzig am unkonventionellen, auf eine junge Zielgruppe gemünzten Schreibstil änderte sich nach meinem Empfinden wenig oder nichts. Weiterlesen →

Feature: Die Banalität und die Magie des Club Nintendo Magazins (I)

Part I: Rahmenbedingungen
„Hier fliegt nicht die Kuh, sondern der Gleiter, und damit man das auch so richtig wahrnimmt, unterstützt das Spiel das Rumble Pak.“ (WipEout, Anne Faust; Club Nintendo Ausgabe 6/98).

Holerö! In diesem mehrteiligen Feature möchte ich versuchen zu ergründen, wieso das deutsche Club Nintendo Magazin – ein regelmäßiges Printmagazin, dass Nintendo von 1989 bis 2002 kostenlos herausgab – in den Erinnerungen vieler Nintendo-Fans einen besonderen Stellenwert einnimmt, der mit Retro-Nostalgie allein nicht zu erklären ist und aus dem wir einiges lernen können – über gute Werbung und über das Geschichtenerzählen.

Für einen Großteil derer, die sich in den 1990er Jahren als Nintendo-Fans sahen, hat das deutsche Club Nintendo Magazin Kultstatus. Club_Nintendo_Germany_1997-3Für sie waren die 90er das Jahrzehnt des Super Nintendo, des Nintendo 64 und des GameBoy in seinen unterschiedlichen Iterationen.

Dass die 90er auch ein Jahrzehnt des Internets waren, ist eine eher retrospektive Erkenntnis. Noch 1997 war der Anteil der Internetnutzer an der deutschen Gesamtbevölkerung verschwindend gering. In den folgenden Jahren stieg diese Zahl jedoch rapide und bereits um die Jahrtausendwende hatte das Internet gesamtgesellschaftliche Popularität und Relevanz erreicht – war aber immer noch weit davon entfernt, das zentrale und alltägliche Informations- und Kommunikationsmedium zu sein, das es heute ist; von Web 2.0 oder der Führungsrolle nun auch als Unterhaltungsmedium ganz zu schweigen.

Ferner besaßen Video- und Computerspiele selbst einen ganz anderen gesellschaftlichen und kulturellen Stellenwert als heute. Sicher, Sonys Playstation hatte dafür gesorgt, dass Videospiele „cool“ und erwachsener geworden waren, woraufhin sich die Hauptzielgruppe zunehmend in Richtung der (männlichen) jungen Erwachsenen verschob und Videospielästhetik auch in anderen Kunstformen Einzug zu halten begann. In der Mitte der Gesellschaft waren Games allerdings noch nicht angekommen. Weiterlesen →