Wann war eigentlich das goldene Zeitalter des Rennspiel-Genres? Zur Zeit der siebten Konsolengeneration, behaupte ich. Racing-Games hatten eine Qualität und Spielbarkeit erreicht, die hinter aktuelleren Genre-Vertretern nicht zurücksteht, hatten sich aber noch nicht in die Nische manövriert, in der sie heute feststecken (die bekannten AAA-Ausnahmen außen vor). Der einstige Mainstream-Appeal des Genres garantierte Vielfalt und begünstigte Innovationen, sodass auch die wilderen Konzepte eine Chance erhielten. Auf diesem Nährboden wuchsen Experimente wie »Split/Second: Velocity« (außerhalb Europas nur »Split/Second«).

Ein Beitrag aus der Reihe Reingestreamt: Speed-Dating mit der PS3-Bibliothek.


Nach dem Trash-Fest vom letzten Monat warf mir der Zufall diesmal eine echte Perle vor die Füße. Vom Namen her war mir »Split/Second« ein Begriff: Ich wusste, dass es ein Rennspiel ist, und ich meinte mich zu erinnern, dass es ziemlich gut sein sollte. Ein Geheimtipp? Beim Spielstart ein kurzes Befremden: Disney Interactive war mir als Publisher von Rennspielen nicht unbedingt bekannt. Die Präsentation hingegen wusste auf Anhieb zu gefallen: Das sieht schick aus, das sieht teuer aus, das könnte auch der Generation PlayStation 4 entstammen.

Noch bevor ich ein Hauptmenü zu sehen bekam, wurde ich auch schon in ein Tutorial-Rennen geworfen. Ein kluger Schachzug: Vom ersten Sekundenbruchteil an kann »Split/Second« mit einer griffigen Steuerung und der Illussion von vielen Pferdestärken unten den Hauben der schön designten Fantasy-Boliden überzeugen. Und mit audiovisueller Exzellenz: Die Grafik von »Split/Second« ist Peak-Generation-PS360 und der gnadenlos stampfende Soundtrack passt wie die Faust aufs Auge.


In besagtem Tutorial wird mir auch schon das Alleinstellungsmerkmal von »Split/Second« nahegebracht. Irritierenderweise scheint das Spiel davon auszugehen, dass seine Spieler zumindest soweit vorinformiert sind, dass sie wüssten, was dieses Alleinstellungsmerkmal ist. Da das bei mir nicht der Fall war, brauchte ich ein paar Minuten, bis ich verstanden hatte, was es mir denn eigentlich bringt, wenn ich – entlang des Streckenabschnitts vor mir – auf Knopfdruck Explosionen auslöse. Hier hätten zwei, drei erklärende Sätze nicht geschadet, aber sei’s drum: Spätestens nach ein oder zwei echten Rennen ist die Sache klar.

So dienen die besagten Explosionen – ›Power Plays‹ genannt – dazu, vor mir fahrende Kontrahenten aus dem Weg zu räumen oder alternative Routen – sprich Abkürzungen – zu öffnen. Das richtige Timing ist entscheidend, damit etwa ein Kran auch tatsächlich dann auf die Fahrbahn kracht, wenn er den – oder vorzugsweise die – Kontrahenten trifft, und nicht schlimmstenfalls mich selbst. Außerdem lassen sich die meisten Explosionen nur einmal pro Rennen auslösen. Wer den äußerst explosionsfreudigen Tanklaster bereits in der ersten Runde in die Luft gehen lässt, wird diese Möglichkeit in der letzten Runde – auf dem Weg zur Zielgeraden – möglicherweise vermissen.

Um die ›Power Plays‹ auszulösen, braucht es Energie. Akkumuliert wird diese Energie durch Driften, durch Fahrten im Windschatten von Kontrahenten und ein paar andere Manöver. Im Grunde also auf dieselbe Weise, auf die in vielen anderen Rennspielen – etwa in der »Burnout«-Reihe – ein Boost aufgeladen wird. Einen solchen gibt es in »Split/Second« nicht, was fast schon gewöhnungsbedürftig ist – und dann erfrischend anders. So komme ich nicht umhin, vor mir fahrende Gegner auch tatsächlich mittels ›Power Plays‹ aus dem Weg zu räumen.

Die gibt es übrigens auch in einer noch verheerender Level-2-Variante: Dann werden Frachtschiffe verschoben, Brücken gesprengt und Jumbojets zum Absturz gemacht, deren Aufprall die halbe Rennstrecke neu arrangiert. Über die Engine, die dieses audiovisuelle Feuerwerk möglich macht, kann ich nur staunen.


Innerhalb der ersten Spielstunde gelang es mir, die erste von zwölf Episoden abzuschließen. In sechs Herausforderungen konnte ich einen vergleichsweise umfassenden Eindruck vom Spiel erhalten und neben „gewöhnlichen“ Rennen auch schon Special Events kennenlernen, die das Gameplay auflockern.

Es besteht kein Zweifel, dass ich mehr Zeit mit »Split/Second« verbringen werde. Dann wird sich zeigen, wie lang der Spaß anhält und ob hinter den ›Power Plays‹ Spieltiefe steht – oder ob die explosive Präsentation nicht doch nur Schall und Rauch ist und ein seichtes Gameplay kaschiert. Doch in dieser Rubrik geht es um Ersteindrücke, und wenn es nur um die geht, hat »Split/Second« das Zeug dazu, eines meiner Lieblingsrennspiele zu werden.

Leider war »Split/Second« trotz mehrheitlich positiver Kritiken ein veritabler Flop. Disney Interactive stutzte das verantwortliche Black Rock Studio zusammen und erteilte einem potentiellen Sequel den Laufpass, sodass die Entwickler – auf der Höhe ihres Könnens – 2011 die Pforten schlossen. [sk]


Reingestreamt-Fazit: »Split/Second: Velocity« ist geschliffene Rennspiel-Action, bei der nichts daran erinnert, dass sie zwölf Jahre alt ist. Nichts? Doch, die aufgeräumte Spielstruktur und der fast vollständige Verzicht auf den Spielfortschritt hemmende Progressionssysteme. Seit Excite Truck auf der Wii hatte ich nicht mehr so viel Spaß mit einem Rennspiel.

  • Spielspaß: ♥♥♥♥♥
  • Zugänglichkeit: ♥♥♥♥♡
  • Fortsetzungswahrscheinlichkeit: ♥♥♥♥♥
  • Erkenntniswert: ♥♥♥♥♡

Split/Second: Velocity
Black Rock Studio / Disney Interactive Studios, 2010
Gespielt auf PlayStation 3 (via PS Now). Auch für Xbox 360, PSP, Windows.
Director: Nick Baynes
Producer: Alice Guy