Ein Beitrag von Dennis Gerecke
anlässlich des Specials: 20 Jahre GTA III

Ich habe »Grand Theft Auto III« zum ersten Mal im Jahr 2021 gespielt. Den ersten Startversuch gab es zwar schon kurz nach der Veröffentlichung der PC‑Version im Jahr 2002. Mein damaliger PC konnte für das Spiel aber leider nicht die benötigte Leistung aufbringen. Mit dem damit einhergehenden Spielabsturz war es für mich vorerst vorbei.

Als Nintendo-Fan hat mir die GTA-Serie auf dem GameCube gefehlt. Ich besaß nie eine PlayStation 2 oder Xbox und musste mich mit der durchschnittlichen Alternative »True Crime: Streets of LA« zufriedengeben. Während der nächsten Konsolengeneration konnte ich dann mit einer geliehenen Xbox »GTA: Vice City« und mit einem neuen PC »GTA: San Andreas« durchspielen.

Beide Spiele konnten mich restlos begeistern: Die freien Handlungsmöglichkeiten, die liebevoll gestalteten Städte und die abwechslungsreichen Missionen – es war ein grenzenloser Spielspaß, den mir zuvor nur »Perfekt Dark« auf ähnlichem Niveau bieten konnte. Das vielfach portierte »GTA V« konnte bei mir hingegen weniger Begeisterung auslösen. Es bietet zwar viel Spektakel, doch die geskripteten Missionsverläufe lassen den freien Spielspaß der vorherigen Ableger vermissen. Eventuell liegt es aber auch nur an mir selbst: Hat sich die GTA-Formel für mich bereits abgenutzt? – Nein! Mein diesjähriger »GTA III«-Durchlauf hat das Gegenteil bewiesen.


Denn »GTA III« respektiert meine freien Entscheidungen zu jedem Zeitpunkt. In einer Mission muss ich eine Zielperson – die in ein Taxi steigt – zum Hafen verfolgen. Ich kann entweder dem Taxi unauffällig hinterherfahren oder ein Taxi stehlen und die Zielperson selbst zum Hafen fahren. Die freie Spielwelt kann innerhalb der Missionen grenzenlos genutzt werden. Ich darf einen Schusswechsel jederzeit verlassen, mir eine überlegende Waffe oder ein überlegenes Fahrzeug besorgen und die Gegner variationsreich ausschalten. Moderne Rockstar-Open-World-Titel zwingen mich hingegen, ein bestimmtes Ereignis mitzumachen – der Ablauf ist meist fest vorgegeben. Ich habe nur wenige Freiheiten bei der Wahl meiner Ausrüstung und Missionen scheitern, sobald ich mich zu weit vom Ort des Geschehens distanziere.

Somit sticht das Open-World-Urgestein »GTA III« auch nach zwanzig Jahren noch aus der Masse heraus. Es hat einerseits die gängigen Open-World-Elemente etabliert, aber auch Akzente gesetzt, die seiner Spielwelt bis heute eine eigene Identität verpassen.

»GTA III« unterscheidet sich mit seinen arcadelastigen Nebentätigkeiten sogar von seinen PS2-Nachfolgern, die spielerisch einiges verbessert haben. Die Spieler erhalten Geld für die unglaubwürdigsten Aktionen: Ich kann Autos sprengen, mit ihnen Stunts hinlegen oder einfach nur irgendwo gegen fahren. Der anarchische Spielspaß ist verdammt lukrativ – die vielseitigen Minispiele ebenso. Mich erwarten Fahrzeug-Parcours, Rampage-Herausforderungen und Attentate mit Spielzeugautos. Diese müssen allesamt in einer vorgebenden Zeit bewältigt werden. Die Aufgabenbewältigung fühlt sich ein wenig nach einem »Tony Hawk’s Pro Skater« für Erwachsene an. An jeder Ecke gibt es großartigen Spielspaß zu finden.

Großartig ist auch, dass »GTA III« sich nicht allzu ernst nimmt: Von einer auf Realismus getrimmten Gangsterballade ist hier kaum etwas zu spüren. Es ist vielmehr eine cartoonartige Krimikomödie ohne viel Tiefgang. Das damalige Rockstar – noch unter dem Namen DMA Design – hat sich vollkommen auf Unterhaltung fokussiert. Und genau das ist »GTA III« auch nach zwanzig Jahren für mich: unverfälschte Open-World-Unterhaltung. Und mehr braucht ein Spiel manchmal nicht zu sein.

Damit wünsche ich »GTA III« ein unterhaltsames Jubiläum und herausragende Fortsetzungen für die Zukunft.


Der Autor:
 Dennis Gereckedennis-1

SPIELKRITIK-Redakteur Dennis wuchs mit dem Nintendo 64 und der N-Zone auf. Spielekritiken sind für ihn mehr als Qualitätschecks, sondern fördern auch den kulturellen Wert von Videospielen. Darum hat Dennis sich zum Ziel gesetzt, Spielkultur weiterzutragen und ihre Errungenschaften zu analysieren. Daneben ist er auch als Videoredakteur aktiv. Auf seinem YouTube-Kanal Videogame Analyse verbindet er seine beiden Leidenschaften.