Letzte Woche kommentierte ich an dieser Stelle das Aus der DreamHack Leipzig und warf dabei auch einen Blick auf die Lage anderer deutscher Gaming-Events im zweiten Jahr der Corona-Pandemie. Dabei musste ich leider auch das bislang kaum beachtete Aus der EGX Berlin konstatieren, sowie den Umzug der Gamevention von Hamburg nach Neumünster.

Doch wo die einen Veranstaltungen das Zeitliche segnen, entstehen auch Räume für Debütanten. Beim Schreiben meines Kommentars von letzter Woche war mir entgangen, dass für das kommende Jahr noch eine weitere Gaming-Großveranstaltung mit Messecharakter geplant ist: Am 6. Oktober kündigte sich die sogenannte #G4L für den 11. bis 13. Februar 2022 in Düsseldorf an, wie unter anderem bei GamesWirtschaft nachzulesen ist.


Lokalrivale: Die #G4L in Düsseldorf

Dazu drei Gedanken:

1. Der Februartermin. Auch wenn sich die Corona-Lage zusehends entspannt, scheint eine Terminierung auf den vergleichsweise frühen Termin im Februar, und damit auf einen Wintermonat, ein Stück weit gewagt, da natürlich nie auszuschließen ist, dass einzelne Corona-Maßnahmen noch einmal verschärft werden. Der Veranstalter, die Düsseldorfer Agentur Mega Geeks, geht hier also eine Wette ein.

2. Die räumliche Nähe von Düsseldorf zu Köln. Alle anderen Gamescom-Alternativen etablierten sich fernab von Köln und waren somit attraktiv für Besucher, denen die Reise nach Köln zu weit war. Dass nun gerade in Düsseldorf eine Alternative zur Gamescom etabliert werden soll, mutet redundant an. Andererseits: Im Nachgang der Corona-Pandemie könnte diese Nähe sogar ein Vorteil sein. Schließlich dürfte es genügend „hungrige“ Gamer geben, die unter anderen Umständen zum Stammpublikum der Gamescom gezählt hätten und es nach zweimaliger Corona-Pause gar nicht erwarten können, endlich wieder eine Spielemesse zu besuchen. Mit dem Februartermin kommt die G4L der Gamescom zuvor – und wenn es einen geeigneten Zeitpunkt gibt, in direkter regionaler Konkurrenz zum Platzhirsch zu treten, dann in dieser Phase der Corona-bedingten Disruption.

3. Die erwarteten bis zu 45.000 Besucher. Die erwartet der Veranstalter auf dem Düsseldorfer Messegelände. Ist das viel oder wenig? In Relation zu den mehr als 300.000 Besuchern, die eine Gamescom jährlich anzieht, scheint diese Prognose – als nach unten offenes Maximum – nicht ganz abwegig. Andererseits liegt sie weit über dem, was sämtliche anderen deutschen Gamescom-Alternativen bei ihren Premieren (oder sogar nach mehreren Jahren) vorweisen konnten. Wie letzte Woche gezeigt, rangierten die Besucherzahlen der Erstausgaben von DreamHack Leipzig und MAG Erfurt, EGX Berlin und Gamevention Hamburg ausnahmslos zwischen 10.000 und 20.000 Besuchern. Lediglich die DreamHack Leipzig schaffte es überhaupt über die 20.000er-Marke, allerdings erst im vierten Jahr ihres Bestehens.

Zugunsten der G4L ließe sich ins Feld führen, dass das Einzugsgebiet im Ballungsraum Nordrhein-Westfalen größer ist als irgendwo sonst; allerdings glaube ich, dass man diesen Punkt nicht überbewerten sollte. Als 2009 die Games Convention in Leipzig von der Gamescom in Köln abgelöst wurde, wuchsen die Besucherzahlen zunächst nur moderat: Von 203.000 Gästen in Leipzig auf anfänglich 245.000 in Köln. Auch die Besucherzahlen der anderen genannten Gaming-Events korrelieren kaum mit den Einwohnerzahlen der jeweiligen Veranstaltungsorte (und es ist auch nicht so, dass nicht auch in Hamburg und Berlin eine Menge Menschen lebten).


Multidimensionale Gigantomanie?

Somit bleibt die Frage, warum gerade nach Düsseldorf so viel mehr Besucher kommen sollten als irgendwo sonst in Deutschland. Das heißt, mit Ausnahme von Neumünster in Schleswig-Holstein: Denn dort rechnet die Gamevention, wie letzte Woche schon erwähnt, sogar mit bis zu 85.000 Besuchern, obwohl es bei der Premiere der Gamevention – 2019 in Hamburg – nur wenig mehr als 10.000 waren.

In beiden Fällen frage ich mich daher, ob man sich nicht gehörig verkalkuliert oder einfach bewusst (zu) große Zahlen in den Raum wirft, um Bedeutung zu suggerieren und Aussteller zu gewinnen. Feste Zusagen von hochkarätigen Publishern haben bislang nämlich weder die Gamevention noch die G4L vermeldet; und die Schwerpunkte, die die G4L nennt, sind der Minimalstandard: „Retro-Gaming, Brettspiele, Merchandise, Cosplay sowie ein Streaming-Programm auf der Festival-Bühne“, dazu fünfzig Indie-Entwickler unter der Regie von Secret Item Games.

In Gigantomanie vereint ist auch der Marketing-Sprech der Veranstalter. Spricht die Gamevention davon, „ein neues Multiversum […] zu erschaffen“, möchte der Geschäftsführer der G4L „eine Multi-Dimension […] schaffen“. Vielleicht bin ich altmodisch, aber eine gut organisierte Spielemesse würde mir schon genügen…


Und dann war da noch…

Doch apropos verkalkuliert: Noch ein weiteres Event will ich hier nennen, für den unwahrscheinlichen Fall, dass es von den Toten auferstehen sollte: Kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie wurde im November 2019 das „Global Masters – The eSports Celebration“ in Gelsenkirchen angekündigt, das vom 17. bis 19. Juli 2020 das weltgrößte eSports-Event werden wollte und dazu – nicht etwa „bis zu“, sondern „mehr als“ – 100.000 Besucher erwartete.

Daraus wurde natürlich nichts und im April 2020 musste das Event abgesagt werden. Eine Verschiebung ins Jahr 2021 wurde in Aussicht gestellt, dann wurde es still.

Lebenszeichen? Keine. Der offizielle Twitter-Account zählte zuletzt mickrige 295 Follower, was nicht nur für ein Event mit angepeilten 100.000 Besuchern wenig ist; und der letzte Tweet wurde vor weit über einem Jahr abgesetzt, darunter Replies von Leuten, die auf die Rückerstattung ihrer Eintrittskarten warteten. Die offizielle Homepage – ehemals globalmasters.gg – gibt’s gleich gar nicht mehr. Tja.

Doch dann: Ein Lebenszeichen, ein letzter Atemzug. Ein Verstummen. Der lange regungslose Twitter-Account wurde deaktiviert, noch während ich an diesem Beitrag schrieb. Es ist eben alles nicht so einfach. [sk]


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