Die Älteren unter uns erinnern sich: Als Mitte der 1990er 3D-Welten zum Standard wurden, dem sich kaum ein Entwickler verschließen konnte (oder wollte), hatte so manche etablierte Spielereihe aus der 2D-Ära mit dem Sprung in die dritte Dimension zu kämpfen. Einigen gelang die Transition in die Dreidimensionalität auf Anhieb wunderbar, wie Super Mario und der Zelda-Reihe. Andere tun sich mit der zusätzlichen Dimension bis heute schwer („Grüß dich, Sonic!“) oder kehrten nach semi-erfolgreichen Streifzügen durch Spaceland in die beruhigende Zweidimensionalität von Flatland zurück („Nein, keine Bananen mehr, Donkey!“). Das Thema ist nicht neu und das Internet voll von Forenthreads und Toplisten, die proklamieren, welchen Spielen der Sprung in die dritte Dimension am besten gelang und welche Titel scheiterten.

Seltener wird thematisiert, was folgte, wenn der Wechsel in die dritte Dimension erst einmal erfolgreich war. Während Spiele, die die Transition erfolgreich vollzogen, als große Klassiker gelten, stehen ihre unmittelbaren Nachfolger fast immer in ihrem Schatten. Dabei sind die – behaupte ich – in vielen Fällen die interessanteren, mutigeren Spiele. In dieser Reihe stelle ich fünf solche Spiele vor, die zwischen 2000 und 2010 erschienen sind. Welche das wohl sind?


I. Die Zeit drängt: The Legend of Zelda: Majora’s Mask

Das herausragendste Beispiel ist vielleicht The Legend of Zelda: Majora’s Mask (2000). Sein Vorgänger, The Legend of Zelda: Ocarina of Time (1998) war ein, gemessen an den Maßstäben seiner Zeit, nahezu perfektes Spiel, das sich im Rahmen der technischen Möglichkeiten des Nintendo 64 eigentlich kaum noch toppen ließ. Zumindest nicht auf konventionellen Wegen – dachte sich offenbar auch Nintendo und entwickelte einen Nachfolger, der auf Screenshots ausschaut wie „mehr vom selben“, in Wahrheit aber mutiger kaum hätte sein können.

Um das zu erreichen, schreckte Nintendo auch vor schamlosen Asset-Recycling nicht zurück: Das Gros der Figurenmodelle in Majora’s Mask war Ocarina of Time entnommen, obwohl, oder gerade weil, das Majora’s Mask nicht in Hyrule spielte, sondern in einer Parallelwelt, Termina. Bekannte Charaktere (oder präziser: ihre Polygon-Modelle) tauchten in neuen Rollen und unter anderen Namen erneut auf. Was Entwicklungszeit sparen sollte, entpuppte sich als Geniestreich, der den Bewohnern und der Welt von Majora’s Mask ungeahnte Tiefe und eine mitunter schaurige Doppelbödigkeit verlieh. Auch die meisten Gegner, sowie die Engine, das Interface und die Steuerung waren nahezu eins zu eins aus Ocarina of Time übernommen.

Diese Abkürzungen erlaubten den Entwicklern, Zeit und Energie auf andere Bereiche der Entwicklung zu fokussieren, und so mit fundamentalen Konventionen der Zelda-Reihe zu brechen und ein Spiel zu schaffen, dass dem Vorgänger in Sachen Innovationskraft in nichts nachstand – es vielleicht sogar überflügelte. Im Kleinen brachten die Masken und die damit verbundenen Verwandlungen frischen Wind in die Spielmechanik. Im Großen machte der in Echtzeit ablaufende Drei-Tage-Zyklus sowie die damit verbundene Neuinterpretation der Zeitreise-Mechanik Majora’s Mask zu einem singulären Meisterwerk, das selten kopiert und nie erreicht wurde.


Die Masken-Spielmechanik baut dabei auf der Maskenhandel-Nebenquest aus Ocarina of Time auf. In Majora’s Mask gibt es 24 solche Masken, die nun im Mittelpunkt des Gameplays wie auch der Spielerzählung stehen. Drei Masken kommt eine besondere Bedeutung zu, da sie Links Gestalt komplett verändern und den Helden in einen Angehörigen einer anderen Rasse Hyrules – bzw. hier Terminas – verwandeln: In der Gestalt eines Deku, Goronen oder Zora ruft er bei seinen Mitmenschen ganz andere Reaktionen hervor. Außerdem steht ihm, abhängig von seiner Gestalt, ein verändertes Aktionsrepertoire zur Verfügung.

Das herausragendere Feature ist aber der in Echtzeit ablaufende Drei-Tage-Zyklus sowie die damit verbundene Neuinterpretation der Zeitreise-Mechanik. In Ocarina of Time reiste Link zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwei weitgehend statischen Zeitebenen, die sieben Jahre trennten. In Majora’s Mask überbrückt das Spielen der Okarina nicht Jahre, sondern Tage. 72 Stunden um genau zu sein, und genau da liegt der Hund begraben: 72 Stunden bleiben der Welt Termina bis zur Apokalypse. 72 Stunden, bis der Mond auf die Erde stürzt. 72 Stunden im Spiel, die gerade einmal 54 Minuten in der Wirklichkeit sind. Viel zu wenige, um die Welt zu retten.

Daher muss Link, bevor den Bewohnern von Termina die Decke auf den Kopf fällt, die Okarina spielen und wieder und wieder an den Anfang des Drei-Tages-Zyklus zurückzureisen. Das Problem: Er schiebt auf diese Weise zwar die Katastrophe hinaus, macht aber auch alles bereits Geschehene wieder ungeschehen. Die gesamte Spielwelt wird zurückgesetzt auf den Zustand am Anfang des Drei-Tages-Zyklus. Die Bewohner Terminas erleben die folgenden drei Tage zum ersten Mal und Link steht buchstäblich wieder da, wo er angefangen hat.

Allerdings: Wie Bill Murray im Filmklassiker „Und täglich grüßt das Murmeltier“ behält auch der Spieler von Majora’s Mask das Wissen, das er in vorangegangenen Zeitschleifen erworben hat und kann so im nächsten Anlauf anders, klüger, informierter – und damit schlussendlich schneller und mit weniger Umwegen agieren. Und auch Link nimmt mit, was er in vorangegangenen Durchläufen erworben hat: Herzcontainer, Items, Masken. Diese müssen beim nächsten Anlauf also nicht erneut eingesammelt werden, sondern stehen von Beginn an zur Verfügung. So kann Link in jedem Durchlauf ein wenig weiter voranschreiten und irgendwann alles sammeln, was es braucht, um in einem letzten Durchgang die Apokalypse abzuwenden.


Ist Majora’s Mask am Ende ein „besseres“ Spiel als Ocarina of Time? Eine Frage des Blickwinkels. Seine ungewöhnliche Spielstruktur, die manchmal Zeitdruck erzeugt, und manchmal Wiederholungen und Wartezeiten, stieß erwartbarerweise nicht nur auf Gegenliebe. Anders als Ocarina of Time ist Majora’s Mask ein Spiel, das aneckt, das man, subjektiv betrachtet, lieben oder hassen kann. In diesem Punkt ähnelt es dem fast zeitgleich erschienenen Shenmue. Viele der Eigenarten, die Majora’s Mask so einzigartig machen und die seine Fans besonders schätzen, sind gleichzeitig die, die bei anderen Spielern auf Ablehnung stoßen.

Wer Ocarina of Time mochte, mag deshalb Majora’s Mask noch lange nicht, und hat es vielleicht noch nicht einmal bis zum Ende gespielt. Fragt man allerdings diejenigen, die es durchgespielt haben, so findet man mehr als ein paar, die Majora’s Mask in Ehren halten – wenn nicht für den besten Teil der Reihe. Kürzlich postete ich eine Umfrage bei Twitter, mit der ich mich explizit nur an Spieler richtete, die beide Spiele abgeschlossen haben, und nahezu die Hälfte der Stimmen (17 von 37) gingen an das ungleich unkonventionellere Majora’s Mask.

Mir selbst fällt die Entscheidung schwer. Ich halte sowohl Ocarina of Time als auch Majora’s Mask für nahezu vollkommene Spiele und stelle ich sie nebeneinander, so sehe ich in etwa genauso viele Argumente, die für Ocarina of Time sprechen wie für Majora’s Mask. Wenn ich aber „herauszoome“, den historischen Kontext der beiden Spiele ignoriere, und somit auch die besondere Leistung von Ocarina of Time, der Zelda-Titel gewesen zu sein, der die Reihe in die dritte Dimension führte, dann ist Ocarina of Time eben „nur“ A Link to the Past (1991) in 3D. Ketzerisch gesprochen. Und Twilight Princess (2006), das acht Jahre nach Ocarina of Time erschien, ist noch einmal Ocarina of Time. Ketzerisch gesprochen.

Majora’s Mask hingegen ist wie kein anderes Zelda-Spiel; und kein anderes Zelda-Spiel, das nach ihm kam, ist wie Majora’s Mask. Es mag vielleicht nicht „besser“ sein als Ocarina of Time, und es wäre ohne Ocarina of Time nicht möglich gewesen (und tatsächlich würde ich jedem, der Majora’s Mask genießen will, dazu raten, zuerst Ocarina of Time zu spielen). Es ist alles in allem aber das außergewöhnlichere und innerhalb der Zelda-Reihe – aber auch im Kontext der Spielegeschichte ingesamt – einzigartigere Spiel. Ein einzigartiges Spiel.

Und welches größere Kompliment könnte sich ein 21 Jahre altes Spiel verdienen? [sk]


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Quelle Bilder: Promo-Artwork von Nintendo. Screenshots: Moby Games