Ein Gastbeitrag von Kevin Puschak

Emulation von Spielkonsolen auf dem PC war in den 90er-Jahren kein Ding der Unmöglichkeit, aber nicht gern gesehen von den Urhebern der jeweils emulierten Geräte. Unter dem Namen „bleem!“ („best little emulator ever made“) vertrieb die Bleem Company ab März oder April 1999 einen kommerziellen Emulator für PlayStation-Spiele. Sehr zum Ärger von Sony, die die Macher verklagten. Und obwohl sie damit scheiterten, läutete ihre Klage doch indirekt das Ende der Bleem Company ein. Lohnt es sich heute noch, mit diesem Stück Software PlayStation-Spiele auf dem PC zu spielen?


Wer schon eine dieser 1.500 oder gar 3.000 DM teuren, grauweißen Kisten – auch genannt Computer – besaß, wollte sicherlich das Potenzial seiner IBM-Kompatibilität erweitern und dem Gerät die Fähigkeit verleihen, die exklusiven Titel der Sony PlayStation zu spielen. „bleem!“ ermöglichte dieser Zielgruppe exakt diesen Wunsch und versprach zudem, die Spiele mit allerlei grafischen Verbesserungen spielen zu können. Je nachdem, wie leistungsstark die eigene Hardware war.

Mein Exemplar ergatterte ich vor einiger Zeit auf einer Retrobörse für kleines Geld. Das Preisetikett auf der Rückseite verriet mir, dass das Produkt durchaus auch in Deutschland vertrieben wurde. Der Vorbesitzer durfte 79 DM dafür bezahlen, es wurden allerdings auch Preise um 29,95 US-Dollar gesichtet. Trotzdem erhielt auch der deutsche Käufer ein englischsprachiges Exemplar samt Disk, Anleitung und Addendum. Die volle Funktion des Emulators gibt es natürlich nur mit dem Einlegen eines PlayStation-Spiels.

Die beiliegende CD ist die Key-CD und dient nach der erfolgreichen Installation des Emulators lediglich dem Kopierschutz. Wird die Anwendung gestartet, muss zunächst diese CD eingelegt werden. Erst danach erscheint die Aufforderung, eine PlayStation-Disk einzulegen. Hierbei sollte man sich vom Aussehen dieser Disks nicht täuschen lassen; sie können problemlos von jedem CD-Laufwerk im PC gelesen werden.


Erst die Arbeit, dann das Vergnügen

Auf den Nutzer warten einige Einstellungen. Im Bereich der Grafik können Spielereien wie hohe Auflösungen, höher aufgelöste Texturen oder die Aktivierung der 3D-Hardwarebeschleunigung vorgenommen werden. Unabdingbar ist das Mappen der Controller-Steuerung – PlayStation-Spiele spielt man normalerweise nicht mit Tastatur. Entweder entscheidet man sich für die automatische Konfiguration oder legt von Hand fest, welche Taste welchem Button des PlayStation-Controllers zugewiesen werden soll.

Ich wollte den Emulator auf einem PC ausprobieren, der die empfohlenen Systemvoraussetzungen problemlos erfüllt (Pentium II 300, 32MB RAM, 20x CD-Laufwerk, 3D-Grafikkarte mit mindestens 16MB VRAM). Mit einer PlayStation hätte man keinerlei Probleme, sämtliche Titel abzuspielen, unabhängig von ihren technischen Ansprüchen; bei einem Emulator ist das eine ganz andere Sache. Das wird auch auf der Verpackung beschrieben. Eine Kompatibilitätsliste auf der damaligen offiziellen Website sollte Klarheit darüber verschaffen, welche Spiele mit „bleem!“ laufen würden.

Offenbar wurde der Emulator jedoch nur für NTSC-Titel speziell angepasst, denn sämtliche PS1-Spiele aus meiner Sammlung liefen nur mit einer Warnung wegen Inkompatibilität. Sogar die, die auf der kleinen Liste auf der Verpackung standen. In diesem Fall werden sicherheitshalber die virtuellen Speicherkarten deaktiviert, mit denen von Spielen angelegte Speicherpunkte auf der Festplatte gespeichert werden. Diese müssen bei inkompatiblen Spielen zwar wieder händisch aktiviert werden, aber dann funktioniert das Speichern.


Die reinste Ruckelpartie

Wie sehr man sich doch über miserable Ports von Konsolenspielen im Laufe der Zeit beschwert hat; mit „bleem!“ sollte dieses Problem der Vergangenheit angehören. Jetzt laufen die originalen PS1-Spiele auf dem PC. Da ist es natürlich besonders verlockend, PlayStation-exklusive Titel spielen zu können, die für den PC nie erschienen sind. Und die PlayStation war zum Zeitpunkt des Erscheinens von „bleem!“ etwas über vier Jahre auf dem Markt; da könnte man meinen, die Hardware eines potenten Computers im Frühling 1999 sollte stark genug sein, mit diesen Spielen zurecht zu kommen. Teilweise ein Irrglaube.

Die folgenden Titel habe ich mit der Version 1.4 getestet:

  • Autobahn Raser II (1999)
    Ein müder Port der PC-Version, der erstaunlich gut läuft. Ohne aktivierte Framerate-Limitierung läuft das Spiel sogar viel zu schnell, sodass sämtliche Titel der Hintergrundmusik während eines einzigen Rennens abgespielt werden. Selbst die Zeit läuft viel zu schnell ab. Mit aktiviertem Limiter läuft das Spiel allerdings normal.
  • Forsaken (1998)
    Das bunte „Descent“ mit Weltraum-Motorrädern war zumindest auf dem PC eine Grafikbombe. Im Emulator lief das Spiel ungefähr genauso wie „Autobahn Raser II“.
  • Fear Effect (2000)
    Endlich ein Titel, den es nicht für den PC gibt. Doch der Käufer dieses Actionspiels wird keine Freude daran haben, denn hier muss eine große Schwäche des „bleem!“-Emulators betont werden: Videosequenzen. Diese ruckeln trotz eingesetzten Laufwerks mit hoher Lesegeschwindigkeit extremst. Und dieses Spiel arbeitet ganz besonders viel damit, denn die Spielhintergründe sind de facto Videos. Das Spiel ist somit unspielbar.
  • Gran Turismo (1998)
    Ein weiterer PlayStation-exklusiver Titel. Einige Menüs liefen ganz gut, manche liefen zu schnell und manche – insbesondere die mit Videos – liefen zu langsam. Das Spiel an sich war eine einzige Ruckelpartie, obwohl es nicht mit Videosequenzen arbeitet. Dabei ist „Gran Turismo“ angeblich einer der unterstützten Titel. Aber offenkundig nicht die PAL-Version.
  • Centipede (1999)
    Der Arcade-Klassiker in einer 3D-Variante. Ein harmloses Spiel, denn es läuft genauso wie „Autobahn Raser II“ – ohne Limiter zu schnell, mit Limiter so wie es sollte.
  • Transport Tycoon (1997)
    Ich bin zwar kein Freund von Wirtschaftssimulationen auf der Konsole, aber diese Version von „Transport Tycoon“ hat einen interessanten 3D-Modus. Während der 2D-Modus Darstellungsfehler aufwies, gab’s im 3D-Modus keine. Die am Anfang eingespielten Videos ruckelten natürlich, ansonsten lief das Spiel ganz vernünftig.
  • Shoot (2005)
    Selbst diese späte Sammlung eher mäßiger Shooterspiele habe ich mir vorgenommen. Diese ruckelten kräftig und erstaunlicherweise gab es hier sogar Tonprobleme. Manche Geräusche klangen eigenartig und übersteuert.

Die letzte „bleem!“-Version, Version 1.6b von 2001 habe ich mir ebenfalls angesehen, aber auf einem etwas leistungsstärkeren PC. Hier wurde vor allen Dingen das Videoproblem gelöst; bei jedem Spiel liefen die Videosequenzen nun vernünftiger ab. Allerdings fehlt in dieser Version aus unerklärlichen Gründen die Option zur Framerate-Limitierung. Das hatte bei allen Spielen das interessante Phänomen zufolge, dass alles viel flotter ablief, als es eigentlich der Fall sein sollte. So wurden insbesondere die Sounds von den Videos asynchron. Also auch eher suboptimal.

Der Einsatz von „bleem!“ mit der Aktivierung einiger Grafikoptionen hat den Effekt, dass die Auflösung etwas höher ist und alle Texturen und Schriften geglättet werden. Diese Glättung klingt in der Theorie ganz nett, allerdings lassen sich dadurch einige Schriften nicht mehr vernünftig lesen.

Wofür man eine modifizierte PlayStation benötigt, ist einem Emulator Jacke wie Hose: ein kopiertes Spiel. Zwar nicht gerade die feine englische Art, ein Spiel zu besitzen, aber für die Wissenschaft kann ich hier berichten, dass das problemlos funktioniert.

Last, but not least muss man in „bleem!“ beim Start eines PlayStation-Spiels auf den berühmten Startbildschirm mit Sony-Schriftzug und PlayStation-Logo verzichten. Direkt nach dem Einlegen der Disk startet das Spiel. Der Benutzer eines Emulators verpasst also etwas.


…und weg war er.

Sony wollte das kleine Unternehmen der „bleem!“-Macher verklagen, gewannen allerdings keinen einzigen Prozess. Das endgültige Aus für „bleem!“ soll dennoch durch die horrenden Gerichtskosten begründet worden sein. Damit verschwand einer der ersten PlayStation-Emulatoren für den PC nach gerade mal zwei Jahren vom Markt.

Heute ist „bleem!“ obsolete Software. Als einer der frühesten PlayStation-Emulatoren hat er jedoch dazu beigetragen, den Weg zu eben, PlayStation-Spiele auf vernünftige und komfortable Weise auf dem PC spielbar zu machen. Im Unterschied zu damals langweilt sich die heutige Hardware dabei sogar. Inzwischen können selbst günstige Konsolen mit Emulatoren und ARM-Technik problemlos PlayStation-Spiele ausführen, teilweise sogar die Spiele der Nachfolgekonsole.

Einer der aktuellsten Emulatoren für PS1-Titel ist „ePSXe“, der kostenlos verfügbar ist. Hier lassen sich individuelle Plugins einsetzen, die eine Vielfalt an Optionen ermöglichen. Da der Emulator problemlos auf heutigen Systemen läuft, lassen sich die Einstellungen aufs höchstmögliche hochjagen und die Spiele laufen dann problemlos. In meinem kurzen Test war das auch der Fall; die Spiele liefen nicht zu schnell und nicht zu langsam, zudem gab es dank Full-HD-Auflösung ein knackscharfes Bild. Allerdings empfand ich die Bedienung als weniger „idiotensicher“ als bei „bleem!“.


Ran ans Original

Ab auf den Dachboden und aus der staubdichten Kiste die eigene PlayStation rausgekramt: Ein PAL-Modell SCPH-9002, Baujahr 1997, nicht vergilbt und voll funktionstüchtig. Wenig verwunderlich, dass beim Original alle Spiele, die ich mit „bleem!“ getestet hatte, so funktionieren wie sie sollten. Wenn auch nicht mit den schicken Bildverbesserungen, die der Emulator bietet. Ulkigerweise fallen die Ladezeiten einiger Spiele etwas länger aus, was dem Double-Speed-Laufwerk der PlayStation geschuldet ist. 1999 durfte sich kein PC-Besitzer mit so einem „lahmen“ Laufwerk blicken lassen.

Zum Speichern ist hier natürlich eine richtige Speicherkarte mit begrenzter Lebensdauer notwendig. Seien es die originalen oder die gedopten mit ordentlich Platz. Im Emulator werden die Spielstände auf der Festplatte des Computers gespeichert. Und selbst eine günstige Festplatte konnte 1999 eine ganze Menge dieser Speicherpunkte erfassen.

Beim Test der Spiele ist mir noch eine Kleinigkeit aufgefallen. Meine CD von „Forsaken“ hatte eine ordentliche Menge Kratzer auf der Rückseite, weshalb die PlayStation ihre Mühe hatte, die Daten zu lesen. Die Videos haben ähnlich geruckelt wie beim Emulator, allerdings konnte der Ladevorgang eines neuen Spiels nicht abgeschlossen werden. Ein wenig die CD geputzt, ein wenig den Laser gereinigt, und dann ging es.


Persönliches Fazit

Gehen wir noch einmal zurück ins Erscheinungsjahr von „bleem!“, ins Jahr 1999. Ich war gerade fünf Jahre alt und der PC war bereits meine Lieblings-Spieleplattform. Wenn ich da mitbekommen hätte, dass es tolle Rennspiele gibt, aber nur für die PlayStation, hätte ich erstmal darum gebeten, eine PlayStation zu kaufen, was allerdings eine teure Sache gewesen wäre. Doch mein Vater hätte mit diesem Emulator sicherlich einen etwas günstigeren Kompromiss gefunden. Dann hätte ich mit Müh und Not etwa ein „Gran Turismo“ auf dem PC spielen können.

Es ist eine Kostenfrage. Betrachtet man das gesamte Konstrukt, ist es eigentlich günstiger, gleich eine PlayStation zu besorgen. Ein leistungsfähiger Rechner mit Emulator und allem Drum und Dran wäre deutlich teurer, auch wenn die Möglichkeit gegeben ist, sowohl PC- als auch PS1-Titel spielen zu können.

Heute ist das eine andere Geschichte. Die Konsole ist mitunter ziemlich günstig zu haben; meine Sony PlayStation etwa bekam ich für gerade mal 15 Euro. Vernünftig funktionierende Emulatoren sind gratis, allerdings ist ein wenig Arbeit erforderlich, um die richtigen Einstellungen zu finden. Teuer wird es lediglich bei den Spielen, gerade wenn es um sehr bekannte oder seltene Titel geht. Dennoch: Wenn es schon ein Emulator sein soll, dann gehört „bleem!“ definitiv nicht mehr in die engere Auswahl. Zählte er damals wegen seiner einfachen Handhabung zu den besten Emulatoren, beheben heutige Programme seine Probleme (wie eingeschränkte Einstellungsmöglichkeiten) und laufen problemlos auf modernen Systemen.


Der Autor: Kevin Puschak (@kepuexe)

Gastautor Kevin Puschak ist Jahrgang 1994 und arbeitet als Content Manager bei einem Infoportal für angehende ITler. Daneben ist er freier Autor bei verschiedenen Spiele- und Technikblogs und festes Teammitglied bei QUICK-SAVE.de. Kevins eigene Website findet sich unter kepuweb.de und stellt neben anderen Dingen seine stattlichen Sammlungen vor, die erkennen lassen, wo seine Vorlieben liegen: bei PC-Spielen und PC-Technik der 90er und 2000er.


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