Die handverlesenen Games-Lesetipps der Woche – Ausgabe Nr. 139.

Ich hab es in der letzten Ausgabe schon gesagt, ich muss noch einige Artikel aus dem Lesenswert-Hiatus vom September nachreichen. Diesmal eine Reihe von Artikeln, die sich sehr grob mit „Frauen und Gaming“ überschreiben lassen, wobei sich die Games-Kultur auch diesmal nicht mit Ruhm bekleckert. Sei es das Vorurteil, dass Videospiele „für Männer“ seien, Doppelstandards in der Bewertung der Gewaltausübung unterschiedlicher Geschlechter, unverhohlener Sexismus im Gaming in China, oder aber misogyne Belästigung – bis hin zum Mord – in der kompetitiven Retro-Gaming-Community.

Daneben gibt es einen lesenswerten Doppelartikel von Nina Kiel über die Schwierigkeit, Sex in Videospielen darzustellen. Jörn Skowronek beleuchtet in einem neuen Teil der Reihe „durchgeblättert“, wie aus Conker’s Quest zunächst Twelve Tales: Conker 64 und schließlich Conker’s Bad Fur Day wurde. Matthias Mirlach schrieb eine originelle Review zu Hades. Wenige Zentimeter jenseits des Tellerrands wartet eine Geschichte der Bildschirmschoner sowie stimmungsvolle Originalfotos von der Fertigungslinie des Amiga 600 in Hongkong.

Für Abwechslung und einer ausgewogenen Balance und Ernst und Unterhaltung sollte also gesorgt sein. Ich wünsche viel Spaß und/oder spannende Erkenntnisse! Bis zum nächsten Mal. [sk]


#durchgeblättert (3): Conker’s Bad Fur Day (N64)
(retrovideospiele.com, Jörn Skowronek)

[…] Neben der großen Ähnlichkeit zu Banjo litt Conker an etwas, dass ich hiermit auf den Namen „Bruder von“-Problematik taufe. Zwar nahm die Spielpresse Conker durchaus positiv auf und wahr, aber nie ohne eine Parallele zu dem als überlegen wahrgenommenen Banjo zu ziehen. […] Wie durch ein Brennglas lässt sich das Doppel-Problem für Conker in der Berichterstattung der Total! erkennen. Nach zwei Seiten über Banjo folgt eine einzelne Seite über Conker‘s Quest, die da einleitet: „Denn das kommende N64-Spiel Conker‘s Quest gleicht Banjo-Kazooie, als hätte eine Zwillingsgeburt stattgefunden. Nicht wenige hielten die beiden Titel auf den ersten Blick für ein und dasselbe Spiel.“ Der zweimal so lange Artikel über das Bären-Vogel-Duo verzichtet auf diesen Hinweis. […]

Entsetzen in Retrogaming-Community nach mutmaßlichem Frauenmord
(derstandard.at, Redaktion)
[siehe auch Cat DeSpiras Artikel über den mutmaßlichen Mörder aus dem Jahr 2016(!): Radical Felines: When Harassment Becomes a Game]

[…] Der Fall erschüttert die Community, denn Ferrettis bedrohliches Verhalten war alles andere als unbekannt. Langjährigen Mitgliedern der Retro- und Arcade-Gaming-Szene zufolge hatte man die Community und die Polizei jahrelang vor Ferrettis Drohungen und seinem aggressiven Verhalten gewarnt. Fast ein Jahrzehnt lang, heißt es von Mitgliedern der Community, habe Ferretti andere Spieler, insbesondere Frauen, belästigt, verfolgt, bedroht und einige aus der Nischenspielszene verdrängt. Er ließ auch Waffen in Youtube-Videos aufblitzen und prahlte auf Facebook damit, dass er sie zu Veranstaltung mitbringen würde. […]

Männer zocken auf dem Mars, Frauen auf der Venus?
(zeit.de, Christian Huberts)

[…] Im 19. Jahrhundert beschleunigte die Industrialisierung diesen Prozess […]. Während Mädchen unverändert in den Haushalt eingebunden bleiben, müssen die vermeintlichen Muttersöhnchen nun auf neuen Wegen eine männliche Identität herausbilden. Sie tun dies unter anderem durch aggressive Abgrenzung von der mütterlichen Welt – misogyne Grenzverletzungen, Rebellion, Raufereien und freies Erkunden der näheren Umgebung. Laut Rotundo entsteht eine neue, autonome Jungskultur. Damit erkämpften sich junge Männer „complete freedom of movement“, eine komplette Bewegungsfreiheit, wie der Kulturwissenschaftler Henry Jenkins schreibt – die jungen Frauen lange verwehrt bleibt und die sich von der Kinderliteratur bis zu heutigen Computerspielen hält. […]

(Tipp: Sollte euch anzeigt werden, dass der Artikel nur für Zeit-Abonnenten verfügbar ist, versucht es einfach einmal mit einem anderen Browser. Ich hatte das Problem wiederholt unter Safari, nicht aber mit Firefox.)

Sexism in gaming is rife in China and more stark than ever following comments from CEO behind Black Myth: Wukong
(scmp.com, Xinmei Shen)

[…] As a game concept artist based in Chengdu, Scor Mu knew that having “pretty” and “sexy” female characters was an unspoken industry rule. But the 28-year-old still could not believe a one set of instructions she received last year for designing a new character. “It needs to give people an urge to masturbate,” the document read, according to Mu. In another document she received for feedback, the company that commissioned Mu’s concept art blatantly said, “Just imagine that she’s the type you most want to f***.” […]

The Last of Us Part II Shows a Gender Double Standard for Violence
(fanbyte.com, Natalie Flores)

[…] And yet, violence seems to be received very differently for Ellie than it was for Joel. Since The Last of Us Part II was released, I’ve read pieces and constantly seen people calling Ellie the worst character in the series because of her atrocious violence; she’s too destructive, unforgivable, and the villain of the game. Meanwhile, I can’t help but feel Joel’s violence in the first game still hasn’t gotten a similar degree of ire seven years later. It’s made me think about how differently we perceive violence when it’s committed by men and women — how there is a double standard, an extra amount of discomfort with female characters causing as much destruction as male characters. […]

Warum Sex gerade in Konsolenspielen so keusch ausfällt
(gamepro.de, Nina Kiel)
[siehe auch den ersten Teil der Artikelreihe: Press F to F*** – Sex in Spielen… und warum er so unbefriedigend ist]

[…] Die Konsolenhersteller orientieren sich an den Regeln speziell des ESRB, weil es über den finanziellen Erfolg eines Titels maßgeblich mitbestimmen kann: Kassiert ein Spiel das „Adults Only“-Rating, darf es nicht mehr öffentlich beworben werden und zahlreiche große Geschäfte verweigern die Aufnahme ins Sortiment, deswegen lehnen auch Sony, Nintendo und Microsoft die Aufnahme entsprechender Produkte in ihr Portfolio ab. Während die in Deutschland übliche, damit vergleichbare Indizierung aber vor allem drastische Gewaltdarstellungen ins Visier nimmt, wird das gefürchtete „AO“-Etikett fast nur in Reaktion auf sexuell explizitere Inhalte vergeben, wobei deren Definition des ESRB mitunter für Stirnrunzeln sorgt. […]

Tausend Tode
(wall-jump.com, Matthias Mirlach)

[…] Vielleicht muss ich anderen Spielen, die das Scheitern des Spielers nicht so eindeutig kodieren, nicht so gut motivieren, nicht so gut zeigen, wo ich schon besser geworden bin, einfach mit mehr Geduld begegnen. Vielleicht sind sie einfach nicht so gute Lehrmeister wie Hades. In jedem Fall sollte ich den Tod in Spielen nicht mehr ausschließlich mit Niederlage gleichsetzen. Denn wie ein in anderer, bedeutender österreichischer Psychoanalytiker (und Sänger) namens Falco schließlich so prägnant fragte: „Muss ich erst sterben, um zu leben?“ […]

Fliegende Toaster: Der Windows-Screensaver-Boom
(heise.de, swi)

[…] Ein regelrechter Bildschirmschoner-Boom brach los, als eine kalifornische Firma namens Berkeley Systems die kostenpflichtige Screensaver-Sammlung After Dark veröffentlichte. Die erste Version erschien schon 1989 für den Macintosh, drei Jahre später in der Version 2.0 auch für Windows. Ähnlich dem Windows-eigenen Screensaver enthält After Dark eine Auswahl von Modulen, von denen eines Kultstatus erlangen sollte: Flying Toasters lässt bei Aktivierung des Bildschirmschoners eine einstellbare Zahl geflügelter Toaster und einzelner Brotscheiben geräuschvoll über den Bildschirm flattern. Geräuschvoll? Richtig – auch die Lautsprechermembranen wollen vor Schäden durch zu lange Untätigkeit geschützt werden. […]

Lost Treasures – The Commodore Production Line in Hong Kong
(dustlayer.com, actraiser)

[…] Good friends of mine from Hong Kong recently started a company. It turned out that next to their new office, there was a former Commodore production line. They got their hands on a CD with some old photos from December 1992. […]


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Beitragsbild dieser Ausgabe: Days Gone, Sony 2019. Eigener Screenshot.