In den vergangenen Monaten habe ich mich wieder einmal etwas eingehender mit Perfect Dark beschäftigt, insbesondere auch mit seinen tatsächlich ziemlich interessanten Figuren. Dabei fiel mir auch „Der US-Präsident“ wieder ein, der in einigen Missionen des N64-Klassikers eine zentrale Rolle spielt. Schließlich dachte ich mir, warum nicht auch besagten Präsidenten einmal vorstellen, im Rahmen dieser Reihe, die ohnehin schon viel zu lange auf eine Fortsetzung wartet?


Der Zeitpunkt könnte passender kaum sein: Am heutigen 3. November 2020 wird zum 59. Mal der Präsident der Vereinigten Staaten der USA gewählt, wobei sich Joe Biden und Donald Trump Hoffnungen auf den Sieg machen dürfen. Perfect Dark derweil feierte am 22. Mai seinen inzwischen 20. Geburtstag. Im Jahr 2000 versetzte der von Rare entwickelte First-Person-Shooter seine Spieler in die damals ferne Zukunft des Jahres 2023. Die stellte man sich so vor:

Big businesses now merge with alien nations. An ancient war is being fought under the sea. The president is about to be cloned.

Nun, man kann nicht alles haben, und auch auf die fliegenden Autos aus dem Intro von Perfect Dark müssen wir bis heute verzichten.

Einige andere Vorhersagen kamen der Realität näher: Der Roman „Perfect Dark: Initial Vector“ (dt.: „Das Virus“) aus dem Jahr 2005 erzählt vom Ausbruch einer neuen Form der Grippe, die von Kanada ausgehend 37 Millionen Opfer fordert. Der im Jahr 2016 angesiedelte Prolog des Romans zeigt dabei so manche unheimliche Parallele zur realen Corona-Pandemie knapp vier Jahre später (und kann hier bei Google Books nachgelesen werden). Was jedoch die Wahl eines afroamerikanischen US-Präsidenten angeht, so sollte die Realität der Zukunftsvision von Perfect Dark um einige Jahre voraus sein. Denn auch wenn so gut wie sicher ist, dass im Jahr der Handlung von Perfect Dark (2023) abermals ein älterer weißer Mann im Oval Office sitzen wird, so bekleidete von 2009 bis 2017 ein Mann das Amt, in dem so mancher Fan von Perfect Dark eine frappierende Ähnlichkeit mit dem fiktiven, namenlosen Präsidenten im Spiel erkannte.


I. Der erste – oder der einzige? – schwarze US-Präsident in einem Videospiel?

Natürlich kann man im Jahr 2020 nicht länger über einen fiktiven schwarzen US-Präsidenten sprechen, ohne an den ersten und bislang einzigen tatsächlichen schwarzen US-Präsidenten zu denken, an Barack Obama. Am Anfang meiner Recherche stand deshalb die Frage, ob nicht vielleicht – wie Obama der erste reale afroamerikanische US-Präsident war – der „Präsident“ aus Perfect Dark der erste schwarze US-Präsident in einem Videospiel gewesen sein könnte? Spätestens dann wäre er eine Erwähnung im Rahmen dieser Reihe doch wert!

Ich stellte die Frage kurzerhand bei Twitter, recherchierte parallel dazu aber auch selbst. Dabei stieß ich auf eine Handvoll Listen der „Besten US-Präsidenten in Videospielen“ und ähnliche mehr oder weniger fundierte Listicles, aber auch auf einen aufschlussreichen Wikipedia-Artikel, der sich mit den popkulturellen Darstellungen afroamerikanischer US-Präsidenten generell beschäftigt. Nun erhebt dieser Artikel keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Weil er neben Perfect Dark allerdings kein anderes Beispiel im Medium Videospiel zu nennen weiß – und auch die diversen Top-Listen keinen anderen schwarzen US-Präsidenten zu nennen wussten, außer dem aus Perfect Dark – hielt ich es für angebracht, meine Fragestellung bei Twitter kaum eine halbe Stunde später zu erweitern: Gab es danach noch einen? Gab es also neben dem US-Präsidenten in Perfect Dark überhaupt noch irgendeinen schwarzen US-Präsidenten in einem Videospiel – also jemals!?

„Gefühlt war da noch mehr…“, lautete eine der Antworten. Eine andere: „War es nicht in irgendeinem Teil von MGS?“ Ich selbst hatte ganz ähnliche Gedanken, Vermutungen und Gefühle – doch konkret benennen bzw. belegen ließen sich davon keine. Was eigentlich auch schon ziemlich aufschlussreich ist, dieses Gefühl. Wie ist es zu erklären? Vielleicht damit, dass wir in unserer Erinnerung unterschiedliche Medien vermischen und dem Medium Videospiel etwas zuschreiben, was u.a. im Medium Film viel häufiger vorkommt. Oder damit, dass die Ausnahmen – weil sie Ausnahmen sind – eine so starke Präsenz in unseren Köpfen haben, dass wir irrtümlicherweise annehmen, da wäre mehr gewesen. Vielleicht irren wir uns auch einfach in Bezug auf die Position, die tatsächlich existierende afroamerikanische Charaktere hatten: Ob wir nicht deshalb an Metal Gear Solid denken, weil im ersten Teil der Reihe der DARPA-Chief, der gekidnappte Donald Anderson, Afro-Amerikaner ist? Doch US-Präsident, das ist er eben nicht (obwohl auch der in Metal Gear Solid eine Rolle spielt).

Schlussendlich förderten die Antworten auf meine Frage bei Twitter und meine eigene Recherche dann aber doch noch drei Vertreter zutage. Ich will sie kurz vorstellen, bevor ich auf den Präsidenten aus Perfect Dark selbst näher eingehe.


II. Andere schwarze US-Präsidenten in Videospielen
1. America Daitōryō Senkyo (1988)

So wies mich Magnapinna freundlicherweise auf die japanische(!) Politik-Simulation America Daitōryō Senkyo hin, die 1988 und nur in Japan für das NES erschien. Ich habe das Spiel selbst nicht gespielt, aber auf dem Papier klingt die Simulation, die in der englischsprachigen Wikipedia detailliert beschrieben ist, recht spannend und komplex. Der Spieler wählt einen von sechs fiktiven Präsidentschaftskandidaten, die realen Politikern bzw. realen Kandidaten der Präsidentschaftswahl des Jahres 1988 nachempfunden sind. Darunter auch ein gewisser „Zeckson“, basierend auf dem seinerzeit nicht komplett chancenlosen afroamerikanischen Präsidentschaftskandidaten Jesse Jackson.

Es ist sicherlich erfreulich, dass die Entwickler es nicht versäumten, Jesse Jackson als relevanten Bewerber zu identifizieren und als Vorlage für ihren Zeckson zu nutzen, einen von drei demokratischen Kandidaten im Spiel. Dennoch ist die implizite Botschaft, die dahintersteht, eine etwas andere als bei Perfect Dark: Letzteres stellt uns einen schwarzen US-Präsidenten als gegeben vor – als unumstößliches Faktum, das es zu akzeptieren gilt, auch oder gerade weil der Titel seinen Spielern die politischen Implikationen, die dabei zwangsläufig mitschwingen, nie unter die Nase reibt. Die Abstammung des US-Präsidenten in Perfect Dark weder hochstilisiert noch problematisiert, sondern schlicht und einfach gesagt: Das ist der US-Präsident der nahen Zukunft.

Bei America Daitōryō Senkyo hingegen wird den Spielern die Möglichkeit gegeben, einem schwarzen Kandidaten zur US-Präsidentschaft zu verhelfen. Jedoch ob dem einzelnen Spieler dies gelingt, und – wichtiger noch – ob er dieses überhaupt versuchen möchte, bleibt ihm überlassen. Dabei mag auch eine Rolle spielen, wie er zu den politischen Positionen steht, die Zeckson über seine afroamerikanische Herkunft hinaus charakterisieren. Der Wikipedia-Eintrag zum Spiel beschreibt den Kandidaten als:

A religious politician who vows to bring back Christian values to America.

Es stellt sich außerdem die Frage: Hätte ein afroamerikanischer Präsidentschaftskandidat seinen Weg ins Spiel gefunden, wenn es sein real existierendes Vorbild Jesse Jackson nicht gegeben hätte? Ich vermute ja: Es ist nicht ungewöhnlich, in einem Ensemble von sechs Figuren auch einen Schwarzen zu finden (eine wohlbekannte Quote) – wie auch eine Frau und ein Asiate unter den spielbaren Kandidaten sind (allerdings nicht an reale US-Politiker angelehnt, sondern an die damaligen britischen bzw. japanischen Premierminister Margaret Thatcher und Noboru Takeshita). Wer mehr über America Daitōryō Senkyo wissen möchte, dem sie die ausführliche Kritik bei HardcoreGaming101 empfohlen.


2. 24: The Game (2005)

Meine erweiterte Frage beantwortend, machte mich einige Tage später Johannes auf die PS2-Umsetzung der Fernsehserie „24“ aufmerksam: 24: The Game. Die Serie selbst ist eines der prominentesten Beispiele für die Darstellung eines fiktiven schwarzen US-Präsidenten in der Popkultur, ungeachtet ihrer ansonsten eher konservativen Ausrichtung. Mitunter wird die Vermutung angestellt, ob Dennis Haysberts Darstellung eines schwarzen US-Präsidenten in „24“ nicht insofern zum Erfolg von Barack Obama beigetragen habe, als sie Teile der amerikanischen Bevölkerung so sehr an die Vorstellung eines schwarzen US-Präsidenten gewöhnt habe, dass ein solcher auch in der Realität zunehmend vorstellbar (und deshalb wählbar) schien.

Eng an die Fernsehserie angelehnt und zwischen der zweiten und der dritten Staffel angesiedelt, hat Präsident David Palmer es auch ins Spiel geschafft, wo er ebenso von Dennis Haysbert gesprochen wird. Doch bleibt festzuhalten, dass der eigentliche Verdienst hier allein bei der TV-Serie liegt und das Spiel nicht mehr getan hat, als das Logische und Notwendige – sich an der Serie zu orientieren und bestehende Figuren zu übernehmen. Daher sehe ich hier (noch weniger als bei America Daitōryō Senkyo) auch keine besondere Leistung bzw. Vorreiterrolle des Spiels. (Ohnehin ist 24: The Game fast sechs Jahre später als Perfect Dark in die Läden gekommen.) Eine tiefergehende Diskussion der Darstellung des Präsidenten können wir uns ebenfalls sparen, da die TV-Serie in dieser Hinsicht maßgeblich ist und ich mir sicher bin, dass entsprechende Diskussionen zu Genüg existieren.


3. Barack Obama (2006-2012)

Last, but not least taucht Barack Obama selbst in mehreren Videospielen auf. Seine Auftritte in Sportspielen der Madden– und NBA 2K-Reihe sind der Rede kaum wert; etwas interessanter ist da schon sein Aufritt in NBA Jam (2010). Neben anderen US-Politikern wie Joe Biden(!), Bill und Hillary Clinton oder George W. Bush ist er dort nämlich auch spielbar. Das Spiel steht damit ganz in der Tradition seiner Vorgänger. The Political Machine (2008 & 2012) wiederum ist eine Reihe von mittelmäßigen Politiksimulationen, die wir ebenfalls nicht näher zu besprechen brauchen. Etwas spannender und über das Erwartbare hinausgehend ist lediglich Obamas Aufritt (neben Sarah Palin!) im Action-Game Mercenaries 2: World in Flames (2008).

(Nachtrag: Unter Umständen müsste man Barack Obamas Darstellung in Mercenaries 2 allerdings ausklammern, da Obama zum Erscheinungszeitpunkt des DLCs noch gar nicht zum Präsidenten gewählt war. Es handelt sich streng genommen also nicht um eine Darstellung eines US-Präsidenten in einem Spiel, sondern um die eines damaligen US-Senators und Präsidentschaftskandidaten. Entsprechend wird Obama im Spiel auch nicht als Präsident dargestellt.)

Eine Übersicht von Videospielen, in denen Barack Obama auftritt, gab es bis vor kurzem in der englischsprachigen Wikipedia. Leider wurde die Kategorie jüngst gelöscht, ohne dass die Einträge in die übergeordnete Kategorie übernommen wurden. Im Internet Archive lässt sich eine Version der Seite aus dem Jahr 2016 allerdings noch aufrufen und meines Wissens enthielt die letztgültige Version vor ihrer Löschung auch keine zusätzlichen Titel. Alles in allem fallen die Auftritte Obamas in Spielen in den Zeitraum von Oktober 2006 (»President Forever 2008«) und 2012 (mehrere). Ob er im Verlauf der letzten Konsolengeneration tatsächlich in keinen Spielen mehr auftauchte oder ob die Liste einfach nicht mehr aktualisiert (und vielleicht deshalb gelöscht) wurde, kann ich nicht sagen, braucht uns aber auch nicht weiter zu beschäftigen.


Zwischenfazit

Die Darstellungen schwarzer US-Präsidenten in America Daitōryō Senkyo, in 24: The Game sowie die unterschiedlichen Darstellungen Barack Obamas haben gemeinsam und unterscheiden sich von Perfect Dark in dem Punkt, dass sie unmittelbar auf schon existierende (reale oder fiktive) US-Präsidenten bzw. US-Präsidentschaftskandidaten aufbauen. Zeckson in America Daitōryō Senkyo ist angelehnt an Jesse Jackson. David Palmer in 24: The Game ist die direkte Umsetzung derselben Figur aus der TV-Serie. Barack Obama wiederum taucht vornehmlich in humoristischer Absicht in diversen Spielen auf, wie es andere US-Präsidenten vor ihm taten. Bei Perfect Dark hingegen ist zwar ebenfalls davon auszugehen, dass es seine Inspiration aus Filmen zog (worauf ich später noch näher eingehe). Gleichwohl ist sein Mister Präsident nicht direkt an ein reales Vorbild angelehnt oder durch ein solches bedingt.

Gesetzt den Fall, dass ich ein Spiel übersehen haben sollte, das einen schwarzen US-Präsidenten darstellt, würde ich mich über einen Hinweis in den Kommentaren sehr freuen. Insbesondere frage ich mich, ob nicht über das „Genre“ der Filmumsetzung noch andere schwarze US-Präsidenten ihren Weg ins Videospiel gefunden haben, oder ob in der unüberschaubaren Fülle von Indie-Games der letzten Dekade weitere Vertreter zu finden sind?

Für den Augenblick will ich behaupten: Falls es einen gibt, den ich übersehen habe, dann handelt es sich offenbar um einen wenig bekannten oder einen sehr jungen Vertreter. Mindestens im Bereich der Mainstream-Titel scheint es keinen prominenteren Vertreter zu geben als den aus Perfect Dark, der damit nicht nur der mutmaßlich erste, sondern auch der einzige schwarze US-Präsident in einem Videospiel wäre, der originär in diesem Medium geboren wurde.

Umso mehr stellt sich die Frage nach dem Warum, zumal es in Film und TV in den letzten 50 Jahren immer wieder fiktive schwarze US-Präsidenten gab – und spätestens seit Barack Obama auch die Realität als Vorbild taugt.

Doch dazu in ein paar Tagen im zweiten Teil dieses Artikels mehr. [sk]


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