»Bug Fables« ist der Antikörper für »Paper Mario: Sticker Star«. Ein Indie-RPG, das die klassischen »Paper Mario«-Titel imitiert wie ein Pubertierender seinen Lieblingsrapper. Und wie die meisten Möchtegern-MCs der Mittelstufe riecht auch Bug Fables eher nach MySpace denn nach Plattenvertrag.

Dabei ist das Gerüst so stabil; das Fundament, auf dem es steht, so solide. Die ersten beiden »Paper Mario«-RPGs für Nintendo 64 und GameCube gehören zu meinen liebsten Spielen aller Zeiten. Wenige andere RPGs haben eine so ausgeprägte eigene Identität. »Paper Mario« haucht dem wirren Pilzkönigreich so viel Leben ein, dass mir selbst kleinste NPCs bis heute in Erinnerung geblieben sind. Wer hätte außerdem erwartet, dass die übliche Rettung der Prinzessin als Ausgangspunkt einer unverblümt aufregenden Geschichte mit grandiosem Erzählstil dienen könnte?

Das damals visionäre Kampfsystem mit seinen Quick-Time-Events war genau die Koffeinspritze, die müde, statische Rundenkämpfe gebraucht haben. Auch die interaktive Oberwelt lachte über rigide vorgerenderte Hintergründe der PlayStation-RPGs und vereinte JRPG mit »Zelda«. »Paper Mario« nahm alle Stärken des geistigen Vorgängers »Super Mario RPG« für SNES, spannte den Bogen neu und erweiterte sowohl Reichweite als auch Präzision.

Romantik spielt in meiner Beziehung zu »Paper Mario« sicherlich eine starke Rolle. Schließlich war dieses Verhältnis von einer Akquisitionsdramaturgie geprägt, wie nur die Kindheit sie schreiben kann: Dreimal in der Videothek geliehen, für jeweils ein Wochenende gespielt – und beim nächsten Mal hatte irgendein Schwein meinen Spielstand gelöscht. Monate später im Spielwarenhandel sah ich per Zufall eine komplette Palette neu verpackter »Paper Mario 64« für 10 Euro pro Stück. Der heutige Nettowert dieser Grabbelpalette auf ebay läge im fünfstelligen Bereich.

Der keimende Wunsch in meinem achtjährigen Hinterkopf war endlich erfüllt. Als RPG-Fan ohne PlayStation (oder SNES) bekam ich den langersehnten Fix. Paper Mario hat eine unmittelbare Zugänglichkeit, die das Geschehen einfach begreifbar macht. Dennoch wird der Mangel an oberflächlicher Komplexität nur selten spürbar.


Bug Fables läuft in die Falle, Paper Mario in fast allen Belangen zu kopieren, ohne einzelne Details zu meistern. Eigene Ideen hätten Bug Fables retten können, doch sind diese so selten oder nichtig, dass sie – abseits des Käfer-Settings – kaum spürbar sind.

Reden wir über Indie Games, die sich stark eines offensichtlichen Vorbilds bedienen, liegen direkte Vergleiche nah. Häufig allerdings sind Definitionen wie »Stardew Valley« = »Harvest Moon« nur bedingt akkurat. Wenn ich jedoch sage, dass »Bug Fables« sein Vorbild »Paper Mario« kopiert: Nehmt mich bitte beim Wort. Nicht nur ist das Gameplay in Design, Struktur und Gefühl praktisch identisch. Vor allem die Gestaltung geht so weit, dass einzelne Animationen oder Jingles scheinen wie 1:1 aus dem Quellcode einer »Paper Mario«-ROM übernommen.

Das Resultat ist eine initiale Welle brodelnder Nostalgie, die mir den Dunst der frühen 2000er unmittelbar zurück in die Nase treibt. Doch haben sich die Sinne erst an diesen Dunst gewöhnt, bleibt nicht viel übrig. Die besten Indies mit offensichtlichem Vorbild nutzen moderne Mittel, um ein älteres Werk zu erweitern oder gar zu übertrumpfen. »Bug Fables« hingegen wirkt von der ersten Minute an uninspiriert und generisch.

Die Prämisse der Erzählung ist eine ungeschönte Jagd nach arbiträren MacGuffins – eine Schatzsuche für Reichtum und Ruhm, die mich nicht im Geringsten interessieren. Das originelle Insekten-Setting wird leider nur wenig originell umgesetzt und dient größtenteils als Vorlage für Wortwitze. Doch was hatte ich eigentlich von einem Spiel erwartet, das den Begriff »Fables« im Namen trägt? Sämtliche Spiele, deren Titel im 21. Jahrhundert noch mit austauschbaren Wörtern wie »Fables«, »Quest«, »Dungeon« oder »Story« gespickt sind, betrachte ich grundsätzlich mit einer gewissen Skepsis.

Das eigentlich grandiose Kampfsystem – ebenfalls nahezu komplett aus »Paper Mario« übernommen – erhöht die Komplexität an Stellen, die die anspruchslosen frühen Kämpfe nicht interessanter, sondern größtenteils anstrengender machen. Zum Vergleich: »Paper Mario 2« für den GameCube spielt sich trotz zusätzlicher Mechaniken und Quick-Time-Events noch flüssiger als sein Vorgänger – selbst bei Standardgegnern und Hirn auf Autopiloten. »Bug Fables« hingegen bedient sich einer zusätzlichen zahlengetriebenen Komplexität, basierend auf der Angriffsreihenfolge der Figuren und ihrer Position. Dieses ständige Abwägen variierender Zahlen in jeder Runde jedes Kampfes läuft entgegen der Stärken des klassischen »Paper Mario«-Kampfsystems.

Es tut mir etwas weh, diese Zeilen zu schreiben, denn eigentlich hat »Bug Fables« so viel Potential. Das Spiel ist handwerklich blitzblank und steckt spürbar voller Leidenschaft. Bei einer angegebenen Spielzeit von circa 25 Stunden ist offensichtlich viel Arbeit in »Bug Fables« geflossen. Arbeit, deren langsam reifende Früchte ich weder gekostet habe noch kosten möchte.

Wäre »Bug Fables« ein Häppchenspiel der Sorte »MacBat 64«, könnte ich mir den ersehnten Nostalgiekick kurz abholen und danach von dannen ziehen. Für sowas brauche ich keine 25 Stunden. So kompetent und solide »Bug Fables« für seine etlichen Nischenfans auch sein mag: Ich sehe keinen Grund, nicht einfach noch einmal »Paper Mario 2« für den GameCube zu spielen. Dennoch bin ich gespannt, was dieses Studio uns als nächstes präsentieren wird. [pg]


Bug Fables: The Everlasting Sapling
Moonsprout Games / Dangen Entertainment
PC [6. Juli 2019], Switch, Xbox One, PS4 [28. Mai 2020]

Paper Mario
Intelligent Systems / Nintendo
Nintendo 64 [11. August 2000 (JP), 5. Oktober 2001 (EU)], Wii-, Wii U-Virtual Console

Paper Mario: Die Legende vom Äonentor
Intelligent Systems / Nintendo
Nintendo GameCube [22. Juli 2004 (JP), 12. November (EU)]