Die großen JRPG-Reihen unserer Zeit: »Final Fantasy«, »Dragon Quest«, »Persona« und »The Legend of Heroes«. Wie? Ihr kennt »The Legend of Heroes« nicht? Sagt euch vielleicht »Trails of Cold Steel« etwas? Letztere ist Teil der »The Legend of Heroes«-Saga von Nihon Falcom und hat im Jahr 2020 etwa den Status, den die »Persona«-Reihe anno 2010 hatte: Ein absoluter Geheimtipp, von dem die meisten JRPG-Fans sicherlich schon einmal gehört haben, aber sonst niemand.

Unter dem Banner »The Legend of Heroes« erscheinen diverse Sub-Reihen. »Trails of Cold Steel« ist wohl die bekannteste. Hier geht es allerdings um den Vorläufer »Trails in the Sky«. Beide Trilogien sind erzählerisch lose miteinander verknüpft. Sie spielen auf demselben Kontinent, sind zeitlich aber weit getrennt. Wie bei »Final Fantasy« müsst ihr also nicht die eine Trilogie spielen, um die andere zu verstehen – wieso solltet ihr dann dennoch mit der älteren »Trails in the Sky«-Trilogie einsteigen? Ganz einfach: Weil »Trails in the Sky« exakt so ist, wie wir die JRPGs der SNES-Ära nostalgisch verklärt in unseren Erinnerungen gespeichert haben.


Epos im Miniaturformat

»Trails of Cold Steel« wurde durch seine Parallelen zur »Persona«-Reihe bekannt: Schulalltag und soziale Interaktion geschehen im Wechsel mit Abenteuern um Leben und Tod. Insofern ist »Trails of Cold Steel« – zumindest im Gesamtkontext aller JRPGs – origineller. Der Vorgänger »Trails in the Sky« bleibt deutlich konservativer. Dies beginnt bei der PlayStation 1-ähnlichen Optik des Spiels: Isometrische Perspektive mit frei drehbarer Kamera, 3D-Umgebungen mit häufig groben Texturen sowie Charaktermodelle, die animiert sind wie die Figuren in »Donkey Kong Country«.

»Trails in the Sky« feierte sein Debüt im Jahr 2004 auf dem PC. Wieso entschied das Entwicklerteam sich also für diesen Grafikstil von 1995? Ganz einfach: Weil die Zurückhaltung zur Stärke wird. »Trails in the Sky« ist zweckmäßig modelliert und akribisch detailliert zur gleichen Zeit. Jedes Möbelstück in jedem Haus versprüht ein Gefühl von Belebtheit und Glaubwürdigkeit. Die Städte sind so nicht nur größer, sondern auch lebendiger als die fast aller anderen JRPGs. Gewissermaßen stellt »Trails in the Sky« Quantität über Qualität – und die Rechnung geht auf. Durch die Sparsamkeit der Darstellung vermag »Trails in the Sky« mit geringen Ressourcen eine Welt aufzubauen, deren epische Ausmaße ihresgleichen suchen.

Die Liebe zum Detail erstreckt sich auf die hunderten Charaktere, egal wie unwichtig diese sind. Sogar eigentlich unbedeutende NPCs faszinieren mit charmanten Zeilen, wie man sie sonst nur aus »Dragon Quest« kennt. Die Haupterzählung verwebt emotionale Geschichten über Familie und Freundschaft mit übergreifenden politischen Konflikten und einem sich anbahnenden Krieg. Eine altbewährte Formel – keine Frage – doch »Trails in the Sky« setzt sie auf einem derart hohen Niveau um wie kaum ein anderes JRPG.

Japanische Rollenspiele leiden häufig unter einer Laberkrankheit; sie erzählen viel zu viel und kommen dennoch nicht zum Punkt. In »Trails in the Sky« kleben meine Augen an jeder einzelnen Zeile. Die Dialoge sind durchweg intelligent und unterhaltsam. Sie sind zu jeder Zeit entweder rührend, spannend, lustig oder alles zugleich. Sogar die von Spielen oft unerreichte Königsdisziplin – die ergreifende Liebesgeschichte – meistert »Trails in the Sky« mühelos.

Dazu kommt ein überaus originelles Kampfsystem und das Paket ist perfekt geschnürt. Gefechte in »Trails in the Sky« geschehen traditionell runden- und menübasiert. Der besondere Twist ist die räumliche Platzierung der Charaktere im Kampf. Die Kämpfenden verharren nicht still an einer Stelle, sondern bewegen sich durch eine kompakte Arena. Die Position spielt eine große Rolle für Angriff und Verteidigung: Die meisten Fähigkeiten und Zauber haben eine spezifische Reichweite und Richtung – ein kleiner Kreis um den Gegner, die direkte Umgebung des Angreifenden oder ein langer Strahl durchs komplette Spielfeld. Dieses Auffrischen des klassischen rundenbasierten Kampfsystems sorgt für den nötigen Gewinn an Dynamik und taktischer Tiefe, der bis zum Ende unterhält. Wer bereits mit dem Nachfolger »Trails of Cold Steel« vertraut ist, braucht hier keine Abstriche zu befürchten.


Wieso mit dem Vorgänger einsteigen?

Wie eingangs erwähnt, überzeugt »Trails of Cold Steel« durch ein Schulsetting, das in seinen Auswirkungen auf die Spielstruktur an die Persona-Reihe erinnert. Dieses Merkmal ist Stärke und Schwäche zugleich. So ist »Trails of Cold Steel« für weite Strecken extrem formelhaft: Unterricht, Hausaufgaben, Ausflug mit Abenteuer – und wieder von vorn. Wenn »Trails of Cold Steel« wie Harry Potter ist, so ist »Trails in the Sky« wie Herr der Ringe. Eine aufregende Reise rund um die Welt – wenig Stillstand, immer wieder neue Begegnungen und plötzlich entstehende Wendungen.

Auch die augenscheinlich gestrige Optik des Vorgängers ist eigentlich ein Pluspunkt. Neben den eingangs erwähnten Vorzügen in Sachen Umfang, Details und Übersicht sieht »Trails in the Sky« weniger aus wie ein moderner Anime von der Stange, sondern erinnert eher an Anime zur Jahrtausendwende. Die Zeichnungen haben eine Ausstrahlung und Ausdrucksstärke, die sich positiv von den homogenen Normen aktueller Anime-Spiele abhebt. Ob »Trails in the Sky« seinerzeit auch nur aktuellen Trends gefolgt ist wie heute »Trails of Cold Steel«, sei an dieser Stelle dahingestellt.

Schließlich ist »Trails in the Sky« für den Westen eine JRPG-Reihe aus dem gerade eben verstrichenen Jahrzehnt. Erst 2011 debütierte die PSP-Version in Nordamerika und Europa. Ganze sieben Jahre lagen also zwischen Original und Lokalisierung des ersten Teils. Beim zweiten und dritten Teil der Trilogie waren es sogar neun, bzw. zehn Jahre. Kein Wunder, umfasst doch allein der mittlere Teil der Trilogie weit mehr Wörter als sogar die längsten Romane – insgesamt 716.401 Wörter an der Zahl. Zum Vergleich: Tolstois »Krieg und Frieden« kommt gerade einmal auf 587.287 Wörter. Ein enormer Übersetzungsaufwand für eine Nischenreihe, die selbst an vielen Genrefans vorbeigeht.

Seit 2017 ist die »Trails in the Sky«-Trilogie vollständig im Westen erhältlich. Doch auch jetzt segnet sie nicht die traditionellen JRPG-Plattformen. Die besten Versionen aller Spiele gibt es exklusiv für den PC. Die einzige Alternative sind die (ebenfalls absolut gelungenen) PSP-Ports der ersten beiden Spiele. Diese laufen natürlich ebenfalls auf der PS Vita. Doch man erkennt bereits: »Trails in the Sky« hat keine Präsenz auf lebendigen Konsolen. Vielleicht ist diese Isolation von beliebten JRPG-Plattformen wie PS4, Switch oder 3DS einer der Gründe, wieso nicht mehr Menschen über diese sagenhaften Geheimtipps reden.

Aber deshalb bin ich ja da und schreibe für euch dieses Plädoyer: Spielt »Trails in the Sky«!

Was sind eure Berührungspunkte mit der Reihe? Habt ihr gerade zum ersten Mal von »Trails in the Sky« gehört? Schreibt es uns in den Kommentaren oder unter unserem dazugehörigen Tweet. [pg]


The Legend of Heroes: Trails in the Sky
Nihon Falcom / Xseed Games, Ghostlight, 24. Juni 2004 (JP), 4. November 2011 (EU)
PC (Steam, GOG), PSP / PS Vita (abwärtskompatibel)
Director: Toshihiro Kondo

The Legend of Heroes: Trails in the Sky SC
Nihon Falcom / Xseed Games, 9. März 2006 (JP), 10. November 2015 (EU)
PC (Steam, GOG), PSP / PS Vita (abwärtskompatibel)
Director: Toshihiro Kondo

The Legend of Heroes: Trails in the Sky the 3rd
Nihon Falcom / Xseed Games, Ghostlight, 28. Juni 2007 (JP), 3. Mai 2017 (EU)
PC (Steam, GOG)
Director: Toshihiro Kondo