Das Attribut »Kultspiel« hat »Metal Wolf Chaos« sich redlich verdient: Vor 15 Jahren erschien der Mech-Shooter Xbox-exklusiv in Japan. Leider sollte er dort auch bleiben. Dass dem Titel der Sprung in die USA verwehr blieb, hatte, wenn man so will, politische Gründe. Eine spitze Satire auf die Vereinigten Staaten und ihren Patriotismus, in der die Spielerinnen und Spieler von Anfang bis Ende eigentlich nichts anderes tun, als US-Soldaten über den Haufen zu schießen? Vor dem Hintergrund der Post-9/11-Konsolengeneration war das nicht nur dem ursprünglichen Förderer Microsoft ganz offensichtlich ein zu heißes Eisen.

Fünfzehn Jahre später: Eine sensationsgeile Medienlandschaft, die ihre Berichterstattung nach dem Wind der maximalen Empörung dreht, die Staatsgewalt als quasi faschistischer Unterdrücker, Bürgerkrieg und nicht zuletzt ein US-Präsident, der mit dem Feingefühl eines tonnenschweren Mechs durch die (Polit-)Landschaft poltert und ganz allgemein ein wenig dümmlich rüberkommt – man könnte meinen, die Satire von einst sei Realität geworden oder zumindest so sehr in den Bereich des Möglichen gerückt, dass die Nahzukunftsvision von 2004 heute kaum noch Anstoß erregen kann.

Dass »Metal Wolf Chaos« nach 15 Jahren doch noch seine Reise in den Westen antritt, dürfte allerdings nicht nur an seiner politischen Treffsicherheit liegen, sondern auch am inzwischen legendären Ruf seines Entwicklerstudios. Keine Geringeren als die Leute von FromSoftware zeichnen für das Spiel verantwortlich, die lange vor »Dark Souls« hauptsächlich für die Mech-Shooter der »Armored Core«-Reihe bekannt waren. Kann »Metal Wolf Chaos XD« seinem Ruf und dem seines Entwicklers gerecht werden, oder ist es vielleicht doch eines dieser Spiele, die ihren Kultstatus dem Umstand verdanken, dass sie in all den Jahren kaum jemand spielen konnte?


»To Take America Back«

Erzählerisch ist »Metal Wolf Chaos« eine Satire, die zumindest zu Beginn so wirkt, als ob sie nicht so richtig wüsste, was genau sie eigentlich auf Korn nehmen möchte. Den Patriotismus und Militarismus, die Politik- und Medienlandschaft der USA? Vermutlich. Oder doch vielleicht den oft naiven, oft unverständigen japanischen Blick auf die USA, wie er Verachtung und Bewunderung nicht selten in denselben Atemzug packt? Auch nicht auszuschließen.

Die Story zumindest ist schnell erklärt: Michael Wilson, seines Zeichens fiktiver 47. Präsident der USA, wird vom eigenen Vizepräsidenten aus dem Weißen Haus geputscht. Unterstützt vom Militär, erklärt sich Letzterer, mit Namen Richard Hawk, zum neuen Präsidenten a.k.a. mächtigsten Mann der Welt, deren Rest – und wie bei so vielem in diesem Spiel fragt man sich, ob das Absicht ist – aus dem Blickwinkel der USA keine Rolle spielt. Glücklicherweise besitzt unser entmachteter Präsident einen mehr als potenten Mech-Kampfanzug und kann sich damit bis zur Air Force One durchschlagen und an die amerikanische Westküste entkommen. Von Politik und Medien als Terrorist »Metal Wolf« verleumdet, macht er sich als bis an die Zähne bewaffnete Ein-Mann-Armee daran, die Vereinigten Staaten zurückzuerobern.

Im Spielverlauf wird die Satire schärfer, die Botschaft damit auch deutlicher. Dennoch können wir uns bis zum Ende und darüber hinaus nie wirklich sicher sein, was von alledem, was FromSoftware uns präsentiert, bewusst als Satire intendiert war, was ernst gemeint, und was vielleicht auch nur nur die Folge vieler kleiner Missverständnisse. »Metal Wolf Chaos« ist die Art Persiflage, die Donald Trump nicht begreifen würde: ein grotesk überzeichnetes, in Stars und Stripes gehülltes Durcheinander, das mich immer wieder vor die Frage stellte, wann das Spiel ein Charakteristikum der USA mit aufrichtiger Wertschätzung zelebriert und wann es sich in seinem übersteigerten, vorgeblich patriotischen Lobpreis nicht längst darüber lustig macht. Dass es mit seinem spezifisch japanischen Blick auf Amerika mindestens genauso viel über Japan verrät wie über die USA, kommt als eine weitere faszinierende Bedeutungsebene hinzu.

»Believe in your own justice!« – dieser im Verlauf des Spiels immer wieder artikulierte Leitspruch des Präsidenten bringt das Amerika-Bild von »Metal Wolf Chaos« und die Doppelbödigkeit seiner Erzählung besonders kondensiert zum Ausdruck. »Glauben Sie an Ihre eigene Gerechtigkeit!« – das lässt sich eben auch als Ausdruck eines rücksichtslosen und selbstherrlichen Gerechtigkeitssinns verstehen, der keinen anderen Maßstab akzeptiert, als den eigenen. »Für den Kampf um unsere Freiheit brauchen wir keine Gründe. Wir brauchen keine gerechte Sache«, proklamiert Wilson dann auch am Ende des Spiels – und wieder frage ich mich, ob diese Spitze so beabsichtigt war, oder Zufall, oder doch nur das Ergebnis einer ungelenken Übersetzung.


Altmetall

Sein Alter zeigt das Spiel beim Gameplay. Ich ging mit der Erwartung ins Spiel, dass »Metal Wolf Chaos XD« genau die Art Ballerorgie sein würde, die ich besonders schätze. In der Praxis dachte ich in den ersten Spielstunden mehrfach ans Aufhören. Zu primitiv und zu wenig originell, zu unspektakulär auch, war die Action, um die eklatanten Mängel wettzumachen, die in ihrer Summe doch erheblich aufs Gemüt schlugen. Die beginnen beim überkomplizierten Waffenwechsel, der nur im ersten Moment wie eine coole Idee anmutet, in Wahrheit aber auch 30 Spielstunden später noch kontraintuitiv und schwer lesbar ist, und setzt sich fort mit einigen Relikten unfairen Gamedesigns, die auch 2004 schon nicht gerade elegant waren: Während die Schilde und die Rüstung unseres Mechs einige Treffer vertragen können, wird ein Sturz über eine Klippe oder in ein mehr als halshohes Gewässer mit dem sofortigen Ableben bestraft. Die Missionen kennen keine Rücksetzpunkte und so kann man sich wohl vorstellen, wie verhältnismäßig es sich anfühlt, wenn ich mich 15 Minuten lang durch Heerscharen von Feinde geballert und eine komplette Militärbasis umgepflügt habe, nur um die Mission noch einmal von vorn beginnen zu müssen, weil ich – einen Helikopter anvisierend – einen falschen Schritt ins Hafenbecken gemacht habe.

Es bedurfte gut eines Drittels der Spielzeit, bis ich mich mit diesen Ärgernissen so weit abgefunden hatte, dass sie mir nicht weiter in die Quere kamen. Außerdem kann ich jedem nur raten, sich so früh wie möglich mit dem schrecklich dröge präsentierten Upgrade-System vertraut zu machen. Zwar gibt uns das Spiel von Beginn an ein Arsenal von acht Waffen an die Hand, die aber durch die Bank so schwach sind oder so wenig Munition haben, dass der Kampf gegen vermeintiche »bullet sponges« in den ersten Spielstunden eher ermüdend als aufregend war. Die Durchschlagskraft der fortschrittlicheren Waffen ist dann exorbitant höher, und wer erst einmal eine der extrem »overpowerten« MGs sein Eigen nennt, schneidet durch die Gegner als wären sie Butter. Damit verliert das Gameplay zwar abermals an Tiefe, macht aber endlich Laune – bis zum Abspann und dank einer Fülle an Boni und neuen Optionen auch darüber hinaus.


Graue Grafik ist grau

Schwächstes Glied von »Metal Wolf Chaos XD« ist seine Technik. Zwar kann man sich leicht vorstellen, dass das Spiel vor 15 Jahren ein stattliches Grafikfeuerwerk war. Doch heute ist es allenfalls die schiere Dichte der Action, die noch Eindruck macht, da wir mit Ausnahme der größeren Gebäude beinahe alles um uns herum in seine Einzelteile zerlegen können. Ansonsten ist »Metal Wolf Chaos XD« technisch wie ästhetisch leider sehr spröde, im scharfen HD von heute fast noch mehr als damals auf der Original-Xbox. Ein modernes Beleuchtungsmodell und zeitgemäßere Effekte hätten Wunder wirken können, doch so wie es ist, präsentiert sich das Spiel fast immer grau in grau – wolfsgrau sozusagen.

Der Soundkulisse fehlt es an Räumlichkeit und Bumms. Die arcadige Hintergrundmusik ist hingegen recht gefällig. Außerdem lassen sich durch die Befreiung von Musikern alternative Musikstücke freischalten, von denen einige einen herrlich absurden Kontrapunkt zur Action setzen, was dann auch schon wieder Laune macht. Die Sprachausgabe – die bereits im Japan-exklusiven Original auf Englisch vorlag – ist auf amüsante Weise schlecht; und wie bei so vielen Dingen in »Metal Wolf Chaos« kann man sich auch in diesem Punkt nicht sicher sein, wie viel davon Absicht war, und wie viel Dilettantismus.


Fazit

Ist »Metal Wolf Chaos« ein vor dem Vergessen geretteter Klassiker, den man unbedingt gespielt haben muss? Wohl kaum. Dürfen wir uns freuen, dass es 15 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung doch noch den Sprung nach Europa geschafft hat? Definitiv. »Metal Wolf Chaos XD« ist auch im Jahr 2019 ein rundum kompetentes Actionspiel. Nachdem ich mich mit der tristen Grafik und den Gameplay-Ärgernissen von anno dazumal erst einmal arrangiert hatte, hatte ich mit »Metal Wolf Chaos« so viel Spaß, dass ich mir nach Abschluss der 14 Missionen sogar wünschte, dass die Kampagne noch ein wenig länger wäre. Das Herausragende am Spiel ist allerdings seine Narration. Es kommt schließlich nicht oft vor, dass ein Videospiel als voll entwickelte Satire auf den Plan tritt: »Metal Wolf Chaos« macht sich einige der gröbsten und verbrauchtesten Klischees US-amerikanischer Kultur zu eigen, dreht alle Regler auf Anschlag und stopft das groteske Resultat in einen Mech-Roboter. Was dabei herauskommt, ist ein japanisch-amerikanischer Alptraum, die Prophezeiung einer sich selbst zerfleischenden Nation, die ihr Heil in der Verteidigung von Werten sucht, die sie nur noch als Zerrbilder ihrer selbst kennt. Oder einfach: das Dark Souls der Polit-Satire. [sk]


Diese Kritik erschien zuerst im Oktober 2019 in Ausgabe #11 des GAIN Magazins. Ein kostenloser Download-Code wurde mir bzw. dem GAIN Magazin vom Hersteller zur Verfügung gestellt.

Für die aktuelle Print-Ausgabe #12 des GAIN-Magazins schrieb ich Kritiken zu Shenmue III sowie zur Retrokonsole Capcom Home Arcade. Das Heft kann auf gain-magazin.de bestellt werden.


Metal Wolf Chaos XD
FromSoftware/Devolver Digital, 06. August 2019
PlayStation 4, Windows PC, Xbox One
Director: Keiichiro Ogawa
Producer: Masanori Takeuchi
Composer: Kota Hoshino

Quelle Screenshots: Eigene Screenshots aus der PS4-Version