Die handverlesen Games-Lesestipps der Woche – Folge 123. Diese Woche: Celeste aus tiefenpsychologischer Perspektive. Die Videospiel-Bezüge des Terroranschlags in Halle. Sprachfilter auf chinesischen Games-Servern. Eine Übersicht aller noch existierender englischsprachigen Videospiel-Printmagazine (die ein gutes Vorbild für eine solche Liste deutschsprachiger Magazine wäre). Und zwei einfach sehr gute Texte über das originale Zelda: Link’s Awakening und zu Deus Ex: Invisible War.

Pascal und Johannes stellen ihre Empfehlungen für Sehens- bzw. Hörenswert wie üblich weiter unten in eigenen Worten vor. Viel Spaß beim Lesen, Schauen, Hören, Kommentieren, und bis in zwei Wochen! [sk]


Lesenswert

[Celeste]: Spieglein, Spieglein… ein neuer Blick auf Madeleine: wie können wir verdrängte Aggression als Schlüssel zu Madeleines Psychodynamik verstehen?
(tiefengaming.blog, Jessica Kathmann)

[…] Ich möchte die Spiegelbild-Madeleine hingegen aus einer tiefenpsychologischen Perspektive nach C.G. Jung als Madeleines „Schatten“ deuten und aufzeigen, inwieweit Aggression sowohl als Ursache als auch als Lösung von Madeleines Depression und Panikstörung verstanden werden kann. […] Anteile, die wir vor anderen Menschen und vor uns selbst verstecken möchten, erhalten ihren Platz im sogenannten „Schatten“ – einem unbewussten Teil unserer Persönlichkeit. Madeleines „Spiegelschwester“ scheint daher der personifizierte Schatten zu sein […]. Die Abgeschiedenheit des Celeste-Bergs in Kombination mit der großen körperlichen Anstrengung scheinen Madeleines Abwehr so weit dezimiert zu haben, dass sich dieser Schattenteil nun in geballter Kraft manifestiert. […]

Terroranschlag in Halle: Was das Attentat mit Videospielen zu tun hat – und was nicht
(spiegel.de, Markus Böhm)

[…] Zwar nutzen auch Surfer oder Fahrradfahrer Helmkameras, im Bild ist dabei aber kein Waffenlauf. Zwangsläufig entsteht so eine Ästhetik, die wir in Deutschland bisher – zum Glück – nahezu ausschließlich aus Games mit Ich-Perspektive kennen. […] Auch Gewaltszenen aus dem Video lassen verschiedene Interpretationen zu. Wenn der Täter erneut auf eine augenscheinlich bereits tote Person schießt, kann man darin eine Spiele-Referenz sehen, weil mancher Spieler so etwas in Games schon mal tut. Es könnte aber genauso gut Unsicherheit, irrationales Handeln sein. […]

Can typing Winnie the Pooh really get you banned from Overwatch?
(scmp.com, Josh Ye)

[…] We played on the Chinese server, and I typed Winnie the Pooh in both Chinese and English. It worked. […] It was a different story in World of Warcraft. When I tried to type messages like Winnie the Pooh, Xi Jinping and Tibet independence, they turned into strings of punctuation marks. The weird thing is that both Overwatch and World of Warcraft are Blizzard titles — which means they’re both published by NetEase in China. They also both have dedicated China servers that international players cannot access. So it’s odd that Overwatch and World of Warcraft seem to have different filters.. […]

Every English-Language Video Game Magazine Still In Print
(gamehistory.org, Frank Cifaldi)

[…] One of the functions of the Video Game History Foundation is to maintain a library of print magazines that cover video games and the video game industry. […] While this library mainly consists of publications from the industry’s pre-internet past, we recently decided to not only focus our efforts on more recent publications, but on staying current as well. Which meant finding and subscribing to all of the English-language magazines we could find. […]

Why 1993’s Link’s Awakening is still worth revisiting
(videogameschronicle.com, Chris Scullion)

[…] The rest of the game from that point takes a rather dark turn, where issues like existentialism and sacrifice start coming to the fore. There’s a well-known philosophical problem called the ‘trolley dilemma’ – would you pull a lever to stop a train accidentally hitting five people if it meant you were deliberately letting it hit another person on a different track? – and it eventually becomes clear that the game is hurtling you towards a similar decision, while at the same time laying the guilt on thick. […]

Deus Ex: Invisible War – what’s good about the series‘ worst?
(pcgamer.com, Phil Savage)

[…] At least Ion Storm attempted something different with the story, although, in true Invisible War style, it doesn’t quite work. Throughout, Alex can choose to change her allegiance. But, whatever the choice, there’s never any consequence—to the point that the two initial factions are both puppets of the Illuminati. It’s a twist that’s mirrored within an excellent chain of sidequests about warring coffee shops. Both are, in fact, owned by the same corporation. A fitting end for a series in love with conspiracy, but such narrative nihilism ultimately renders your corporate espionage meaningless (albeit enjoyable). […]


Sehenswert

What Games Are Like For Someone Who Doesn’t Play Games
(youtube.com, Razbuten, 00:20:37)

Mit 4 Mio. Aufrufen ist dieses Video kein Geheimtipp mehr, aber die Viralität hat ihren Grund: (Der vorher recht unbekannte YouTuber) Razbuten ließ seine 100% Spiele-unerfahrene Frau ein Set verschiedenster Spiele spielen und fasst ihre Erkenntnisse über die hohen Einstiegshürden des Mediums zusammen. Es wird klar, dass Game Literacy unter Spieleprofis ein zu oft ignoriertes Thema ist. Grundlegende Kommunikation zwischen Spiel und Spieleneuling (z.B. Steuerung oder Spielerführung) schlagen zu häufig fehl. Ein Video voller kniffliger Probleme, die es zu lösen gilt. [pg]

The Environmental Impact of Physical Games
(youtube.com, HeavyEyed, 00:13:14)

Physische Spiele sind der Kern jeder stattlichen Spielesammlung und haben noch dazu etliche praktische Vorteile. Dass der CO2-Fußabdruck dieser Disks und Hüllen gewaltig ist, steht außer Frage. HeavyEyed beleuchtet, wie schockierend massiv die Kosten seit dem Begräbnis hunderter E.T.-Module bis heute wirklich sind. [pg]

Why Playstation All-Stars Just Didn’t Work
(youtube.com, TheGamingBritShow, 00:18:16)

Über den Smash Bros-Klon Playstation All-Stars wird gerne hergezogen, doch meist bleibt die Kritik oberflächlich. Charlie Chade erklärt detailliert, wieso das Konzept von vorne bis hinten nicht aufgeht. Sowohl ästhetisch (wieso kämpft Big Daddy gegen Sackboy?) als auch spielerisch. Playstation All-Stars sieht aus wie ein Casual-Spiel, aber es ist mechanisch zu anspruchsvoll… jedoch nicht anspruchsvoll genug für Fighting Game-Pros. [pg]

Games, Schools, and Worlds Designed for Violence
(youtube.com, Jacob Geller, 00:16:37)

Eine Analyse – kein Vergleich – der Architektur fiktiver und realer Gebiete für Gewalt. Wie werden amerikanische Schulen auf absurde Weise gegen Attentate gewappnet? Wie gestalten Game Designer ihre Kampfarenen für Shooter wie Gears of War? Geht beides nicht subtiler? [pg]


Hörenswert

Folge 0: Wer wir sind und warum wir diesen Podcast machen
(Games Insider; 06.10.2019; 00:51:08)

Eine Empfehlung zum Im-Auge-Behalten: Benedikt Plass-Fleßenkämper, Olaf Bleich und Sönke Siemens starten mit dieser Folge 0 ihren neuen Podcast, der einen Blick hinter die Kulissen des Spielejournalismus und die Games Branche verspricht. Eingeläutet wird dies mit einer mit Anekdoten gespickten Vorstellungsrunde, in der der Weg der einzelnen Mitglieder zur Spieleberichterstattung skizziert wird. Neugierig gemacht wird hier bereits auf vielzählige geplante Folgen, unter anderem über das Printsterben im Spiele-Fachjournalismus. [ja]

Die DDR im Computerspiel: Auf Spritztour mit dem Pixel-Trabbi
(Deutschlandfunk Kultur Zeitfragen; 02.10.2019; 00:07:28)

„Die DDR ins Spiel bringen. Digitale Spiele über die DDR und den Eisernen Vorhang“; so lautet der Name einer kürzlichen Ausstellung des Brandenburgisches Zentrum für Medienwissenschaften, die sich Marcus Richter für Deutschlandfunk Kultur genauer angesehen hat. Für ein kleineres Medienecho sorgte vor ein paar Jahren bereits das Spiel „1378km“, welches einen entweder in die Rolle eines Grenzsoldaten oder eines DDR-Flüchtlings steckt, und damit einen „Reflektionsraum durch Interaktivität“ bietet, der das historische Nacherleben dieser Situation ermöglicht. Trotz der Nennung weiterer ausgestellter Spiele, die sich mit dem Thema der unüberwindbaren Grenzen beschäftigen („Papers, Please“), oder die das geteilte Deutschland als flüchtigen Schauplatz verwenden („No One Lives Forever“), konstatiert Richter, dass es nur wenige Spiele gibt, die sich dediziert mit der Geschichte der DDR auseinandersetzen. [ja]

Sexismus und Gaming: Die Spielebranche erlebt ihren MeToo-Moment
(Deutschlandfunk Kultur Kompressor; 04.10.2019; 00:27:14)

Vor einigen Wochen sorgte ein Blogartikel der Gamedesignerin Nathalie Lawhead für Aufruhr, in dem sie den Spielekomponisten Jeremy Soule der Vergewaltigung beschuldigte. Dieser initiale Funke entfachte auf Social Media viele weitere lautstarke Stimmen, die sich über Fälle von Missbrauch und Toxizität in der Spielebranche beschwerten. Ausgehend von der Leitfrage: „Erlebt die Spielebranche gerade ihren MeToo-Moment?“ werfen Moderator Timo Grampes, Kulturwissenschaftler Christian Huberts und Journalistin Yasmina Banaszczuk einen gender-kritischen Blick auf selbige. [ja]

Online Rollenspiele: damals, heute und wieder zurück!
(Good Game to Go Podcast; 06.10.2019; 01:41:12)

Fabian und Pitt vom Good Game to Go-Podcast reden in dieser Folge über ihre Erfahrungen mit MMORPGs, sowie die Entwicklungen und Diversifizierung des Genres. Hier treffen sympathische Anekdoten auf einen feinen Blick für die Unterschiede zwischen früheren und heutigen Online-Rollenspielen. Besonders interessant dabei: Die beschriebenen Entwicklungen bezüglich der Formen der sozialen Interaktion und Kommunikation sowie der schleichende Schwund von „persönlicheren“ zwischenmenschlichen Momenten zugunsten der Implementierung von zeitsparenden Komfortfunktionen. [ja]


Lust auf mehr? Die Games-Lesetipps der Woche gibt es jetzt jeden zweiten Freitag auf SPIELKRITIK.com. Die vergangene Ausgabe von Lesenswert findet ihr HIER.