IV. Von Apidya bis Zelda: Das „Erste Symphonische Spielemusik-Konzert Europas“

Nachdem Headhunter, Final Fantasy und Outcast die Eröffnung begleiteten, erwarteten die Besucher im Hauptteil des Konzertes dreizehn weitere Stücke, fast die Hälfte davon Suiten. Bemerkenswert ist, wie hochkarätig die Auswahl schon im ersten Jahr der Konzertreihe war. Mit Legend of Zelda, Final Fantasy und Shenmue sind aus dem Stand einige der angesehensten Reihen japanischer Hersteller vertreten, die nicht zuletzt für ihre Soundtracks berühmt sind. Aber auch westliche Publisher sind mit echten Highlights dabei, darunter Splinter Cell und Mafia. Und auch Kennerstücken wie Chris Hülsbecks Musik zum deutschen Shoot’em-Up Apidya (1991) wurde die Ehre zuteil, im Rahmen dieses besonderen Konzerts interpretiert zu werden.

Neben den genannten Hochkarätern stehen einige Titel, die zumindest auf den ersten Blick eher unbedeutend anmuten und deshalb die Vermutung zulassen, dass sie allein wegen ihrer damaligen Aktualität ins Programm aufgenommen wurden. Harry Potter und die Kammer des Schreckens oder Rainbow Six 3: Raven Shield sind sicher nicht die ersten Games, die einem zum Stichwort ikonische, orchestrale Videospielmusik in den Sinn kommen. In Wirklichkeit dürfte aber auch (und gerade) bei diesen Titeln den Ausschlag gegeben haben, dass ihre Soundtracks schon im Original, also für die Spiele selbst, von Orchestern eingespielt worden waren.

Dass das ein Kriterium war, erklärt Böcker im zuvor schon erwähnten Gamasutra-Artikel. Anders als man vielleicht vermuten könnte, stand dahinter allerdings nicht der Gedanke, dass in solchen Fällen bereits Orchestrierungen vorgelegen hätten, auf denen man hätte aufbauen können (so einfach war das nämlich nicht). Ausschlaggebend war vielmehr der Wunsch, die Vorreiter orchestraler Spielemusik zu würdigen:

„I impressed upon the GC show management the idea that I would most like to honor publishers who worked with live orchestras in the past. I wanted the majority of the selected compositions to have been previously recorded with this kind of ensemble“, erklärt Böcker.

Unweigerlich bedeutete das, dass der überwiegende Teil der aufgeführten Stücke jüngeren Datums sein würde, da die Geschichte orchestral eingespielter Spielemusik damals nicht viel älter war als ein paar Jahre. Pioniere wie Outcast, Heart of Darkness und das erste Medal of Honor erschienen in und um 1999 herum. Ihren Durchbruch erlebten orchestral eingespielte Soundtracks aber erst mit der Generation PlayStation 2, GameCube und Xbox.

So wurde der Soundtrack von Rainbow Six 3: Raven Shield „im Original mit Mitgliedern des Montreal Symphony Orchestras sowie des Metropolitan Symphony Orchestras aufgenommen“, wie das Programmheft erklärt, und die Soundtracks von EAs Harry Potter-Versoftungen „zusammen mit dem Orchester der Londoner Philharmonie“. Letztere wurden übrigens von keinem Geringeren als Jeremy Soule komponiert, der zuvor und danach mit seinen Soundtracks zu Morrowind und Skyrim Legendenstatus erlangte. Ebenfalls kein No-Name: Christopher Lennertz, der nach der Musik für Medal of Honor: Rising Sun noch viele weitere Game-Soundtracks komponierte, mehrheitlich für EA, aber auch im Medium Film sehr produktiv ist. Die Suite aus Medal of Honor: Rising Sun war übrigens eine Vorabpremiere; erscheinen sollte das Spiel erst im November.

Augenscheinlich gab es kaum einen großen (westlichen) Publisher, der in jenen Jahren nicht mit Orchestereinspielungen experimentiere. Auffallend oft fiel die Wahl dabei auf Orchester aus Tschechien: Beim von Sony in Cambridge entwickelten Primal (mit dem Prager Philharmoniker Orchester). Beim von Alexandre Desplat komponierten neuen Intro für Splinter Cell (mit dem Prager Sinfonie-Orchester). Und, natürlich, beim im tschechischen Brünn entwickelten Mafia (mit dem Böhmischen Sinfonie-Orchester). So zahlreich waren die Beteiligungen tschechischer Orchester, dass auch Böcker in seinem Artikel festhält: „Because Czech Orchestras are popular among game music recordings, a few of the players in the orchestra were already familiar with several of the scores, which made the rehearsals somewhat easier.“

Die Primal Suite stach im Konzert übrigens insofern hervor, dass sie das erste und 2003 das einzige Stück war, bei dem das Orchester von einer Sängerin – einer gewissen Eva Foretjovà – begleitet wurde. Ein erster Vorgeschmack auf die immer zahlreicheren Solistinnen und Solisten, später auch Chöre, die in den kommenden Jahren zu hören sein würden.


V. Weitere erwähnenswerte Titel

Neben den genannten Vorreitern orchestraler Einspielungen umfasst das Programm aber auch Stücke, die nie zuvor von einem großen Orchester eingespielt bzw. aufgeführt worden waren. So heißt es im Programmheft, dass die „Introduction“ aus SpellForce „ursprünglich mit einem kleinen Ensemble aufgenommen“ und „extra für das große Orchester arrangiert“ wurde. Auch „The Great Sea“ aus Zelda: Wind Waker wurde „speziell arrangiert“, vom deutschen Komponisten Fabian Del Priore. Und natürlich musste auch die Musik aus Apidya erst einmal für ein großes Orchester adaptiert werden.

Doch auch die meisten vermeintlich „orchestralen“ Spielesoundtracks waren damals noch MIDI-basiert (und sind es oft noch heute). Gerade in japanischen Produktionen, einschließlich der Soundtracks von Shenmue, Final Fantasy und Zelda. Allerdings war das Main Theme aus Shenmue „bereits für eines der Soundtrack-Alben durch das Kanagawa Philharmonic Orchestra aufgenommen“ worden, und die beiden Stücke aus Final Fantasy waren im Jahr zuvor „durch das Tokyo Philharmonic Orchestra vor großem Publikum aufgeführt“ worden.

Neben der Apidya Suite ist die Overture aus Quest for Glory V das älteste Stück im Programm. Das Programmheft verrät, dass die Soundtrack-CD zur Serie „mit 50.000 verkauften Einheiten zu den erfolgreichsten Spiele-Soundtracks“ gehöre. IGN wies anlässlich einer digitalen Neuveröffentlichung im Jahr 2012 auf die Gewandhaus-Performance hin. Einige weitere Infos zu diesem, im Original vom Salt Lake City Session Orchestra eingespielten, Soundtrack fand ich hier.

Für Fragezeichen über den Köpfen der Leserinnen und Leser dürften der „Prolog“ von James Walker und die Suite aus „Merregnon“ sorgen. Wer sich jetzt fragt, welches Spiel das bitte sein soll, sei beruhigt: Es handelt sich in der Tat nicht um ein Spiel, sondern um eine Art Konzeptalbum: eine Kollaboration verschiedener Komponisten, vor allem aus dem Games-Bereich, die gemeinsam eine Art Soundtrack geschaffen haben, bestehend aus 20 Stücken, die in Kombination mit den Bildern und Texten im Booklet eine Fantasy-Geschichte erzählen. Der von James Walker gesprochene Prolog ist Teil des Soundtracks und leitete die nachfolgende Suite ein.

Da Thomas Böcker als Executive Producer des Merregnon-Projekts fungierte, und Andy Brick als einer der Komponisten, kann man die Aufnahme ins Konzertprogramm nicht ganz uneigennützig finden. Schließlich beschränkt sich der Bezug zu Spielen zunächst einmal darauf, dass vor allem Spielemusik-Komponisten an den Alben beteiligt waren. Berücksichtigt man jedoch die Ziele des Merregnon-Projekts und die Tatsache, dass sich daraus Erfahrungen und Kontakte ergaben, ohne die das Eröffnungskonzert der Games Convention so vermutlich nicht möglich gewesen wäre, dann ist die Aufnahme ins Konzertprogramm auch in meinen Augen allemal vertretbar. Übrigens existiert bis heute das Merregnon Studio unter diesem Namen und produziert unter anderem die Konzertreihe „Final Symphony“, die Pascal kürzlich besuchte.


VI. Vollständige Titelliste

Hier noch einmal, suchmaschinenfreundlich, die vollständige Titelliste im Klartext; aufgeführt sind die Titel der Spiele und ihr jeweiliges Erscheinungsjahr, gefolgt vom Titel des dargebotenen Stücks und dem Namen des zugehörigen Komponisten – alles wie im Programmheft angegeben.

  • Musikalische Eröffnung
  • Eröffnungsfanfare GC – Games Convention (2003) // Andy Brick
  • Headhunter (2001) // Suite // Richard Jacques
  • Begrüßung // Werner M. Dornscheidt // Vorsitzender der Geschäftsführung Leipziger Messe GmbH
  • Festrede // Andrew P. Mooney // Chairman of Disney Consumer Products Worldwide
  • Final Fantasy VII (1997) als „Musikalisches Zwischenstück“ // Aeris’s Theme // Nobuo Uematsu
  • Outcast (1999) // Suite // Lennie Moore
  • Eröffnung // Stanislaw Tillich // Staatsminister und Chef der Sächsischen Staatskanzlei
  • Erstes Symphonisches Spielemusik-Konzert Europas
  • Prolog // James Walker
  • Merregnon Soundtrack – Volume 2 (2003) // Suite // Fabian Del Priore, Markus Holler, Andy Brick, Olof Gustafsson
  • Tom Clancy’s Splinter Cell (2002) // Suite // Alexandre Desplat
  • Shenmue (2000) // Main Theme // Ryuji Iuchi, Takenobu Mitsuyoshi
  • Quest for Glory V – Dragon Fire (1998) // Overture // Chance Thomas
  • Mafia – The City of Lost Heaven (2002) // Main Theme // Vladimir Simunek
  • Harry Potter und die Kammer des Schreckens (2002) // Opening Theme // Jeremy Soule
  • SpellForce – The Order of Dawn (2003) // Introduction // Pierre Langer, Tilman Sillescu
  • Primal (2003) // Suite // Andrew Barnabas, Paul Arnold
  • The Legend of Zelda: The Wind Waker (2003) // The Great Sea // Koji Kondo
  • Tom Clancy’s Rainbow Six 3: Raven Shield (2003) // Main Theme // Bill Brown
  • Apidya (1991) // Suite // Chris Hülsbeck
  • Medal of Honor – Rising Sun (2003) // Suite // Christopher Lennertz
  • Final Fantasy (1987-2003) // Final Fantasy [Titelthema] // Nobuo Uematsu

VII. Fazit

Da dieser Beitrag ohnehin schon länger ist, als er jemals hatte werden sollen, will ich versuchen, mich mit meinem Fazit kurz fassen. Zunächst einmal war es, auch und gerade im Rückblick, faszinierend, dabei gewesen zu sein – beim ersten(!) symphonischen Spielemusik-Konzert Europas. Auf eine schwer zu fassende Weise sind (Fast-)(Welt-)Premieren doch immer etwas Besonderes. Nicht nur, weil man sich dann selbst ganz toll und privilegiert fühlen kann, sondern auch, weil man sich dann sicher sein kann, die Entwicklung und die Rezeption eines Werks, oder in diesem Fall einer Veranstaltungsreihe, ganz von Anfang an verfolgt zu haben.

Andererseits, und da will ich ehrlich sein, fehlte mir damals noch mehr als heute das musikalische Verständnis, um die Darbietung auch auf der interpretatorischen und kompositorischen Ebene so richtig würdigen zu können, geschweige denn, dass ich sie qualitativ einordnen könnte. Als die Musik aus Shenmue und Zelda: Wind Waker den Saal erfüllte, da war das zweifellos etwas Besonderes, nicht zuletzt weil ich diese Spiele erst wenige Monate zuvor gespielt hatte. Auch Final Fantasy – von dessen Musik immer alle schwärmten, während ich selbst noch nicht einmal eines der Spiele gespielt hatte – war irgendwie außergewöhnlich. Es gab allerdings auch Stücke, die ich als vergleichsweise gleichförmig und fast schon „langweilig“ empfand – das übliche, an Fantasy- oder Kriegsfilme angelehnte, orchestrale Einerlei, zumindest für meine unmusikalischen Ohren.

Doch auch wenn mir das Musikverständnis fehlte, um über die Darbietung der mir bekannten Stücke hinaus in Wallung zu geraten, ließ mich nicht zuletzt das ganze Drumherum nachhaltig beeindruckt zurück: Allein schon in der Stadt sein, für eine echte, große Spielemesse, fand ich damals richtig klasse. Das erste echte Symphonie-Konzert meines Lebens war es noch dazu. Fast genauso außergewöhnlich wie das Konzert empfand ich deshalb die feierliche Stimmung danach: Inzwischen war es dunkel geworden, und wie wir vom Rangfoyer aus, durch die riesige Fensterfront des Gewandhauses nach draußen auf den Augustusplatz und die hell erleuchtete Oper direkt gegenüber blickten, das brannte sich in mein Gedächtnis und beeindruckte mich als Beinahe-noch-Kind nachhaltig.


Nicht zuletzt fühlte ich mich auch der Games-Branche ungewohnt „nahe“. Zwar gab es in jenem Jahr noch keine Autogrammstunde mit Komponisten (obschon einige, darunter Nobuo Uematsu, vor Ort bzw. im Publikum waren). Und ich kannte damals auch noch kaum irgendein Gesicht der Branche. Aber als ich auf dem Weg nach Draußen den damaligen Managing Director von Nintendo Deutschland, den medial immer ziemlich präsent gewesenen Axel Herr, in Fleisch und Blut erspähte, fand ich auch das einfach ziemlich toll. Umso „betroffener“ war ich, als Herr Herr Nintendo nur wenige Monate später und ziemlich hals über Kopf verließ. Ein Nachfolger ließ dann auch fünf Monate auf sich warten; schlussendlich übernahm der von BMG kommende Bernd Fakesch.

Damit ich euch nicht ganz ohne eine fundierte Einschätzung der musikalischen Darbietung entlassen muss, habe ich noch eine waschechte Konzertkritik ausfindig machen können. Auch wenn es nichts Gutes vermuten lässt, dass die Kritik eines Spielemusik-Konzerts nun gerade mit „Harry Potter und Co. im Gewandhaus Leipzig“ überschrieben ist: Die Kritik von Christoph Jacobs ist unvoreingenommen, fundiert und überwiegend positiv. Normalerweise versteckt sie sich hinter einer Paywall – dank eines Captures im Internet Archive lässt sie sich aber auch ganz wunderbar und legal kostenlos lesen.

Und das war es nun wirklich. Ich freue mich darauf, auch diesmal den einen oder anderen Kommentar von euch zu lesen und so vielleicht noch etwas weiter zu diskutieren. Wenn ihr noch Fragen habt, fragt. Der nächste Teil dieser Reihe wird noch eine Weile auf sich warten lassen, ich werde mir aber Mühe geben, dass es zumindest im Herbst hier weitergeht, und mich dann eingehend mit dem zweiten Eröffnungskonzert, dem des Jahres 2004 beschäftigen. Mit neuer Musik und neuem Orchester, neuem Programmheft, ersten Autogrammen(!) und neuen Eindrücken auch von der Games Convention selbst, die ich 2004 dann zum ersten Mal mit Freunden und über mehrere Tage hinweg besuchte. [sk]


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Orchesterfoto im Titelbild: Quelle