Der 300. Beitrag bei SPIELKRITIK.

Kurze Info: In diesem Text behandle und spoilere Northbound – Long Road Ahead, das ihr komplett kostenfrei auf Itch.io herunterladen könnt. Es beansprucht gerade mal eine halbe Stunde eurer Zeit und ist sehr zu empfehlen! Falls es euch gefällt, überlegt ebenfalls, den Entwicklern eine kleine Spende zukommen zu lassen. Sie arbeiten momentan an einer längeren, neuen Version des Spiels.


Es gibt mittlerweile eine ganze Menge an Videospielen, die es sich zum Ziel gemacht haben, mich als Spieler vielmehr zu entspannen als mit einer Fülle von Aufgaben zu stressen. Das sind meistens kleinere Titel, die mir durch ihre Ästhetik, ihren Soundtrack oder ganz allgemein durch ihre ruhige Ausstrahlung ein vollkommen positives Gefühl vermitteln und damit genau das geben, was ich in meinem Eskapismus von der kalten Realität suche. Stardew Valley oder Islanders fallen mir da sofort als passende Beispiele ein.

Dabei sieht das Narrative Game von Johannes Köberle und Arno Justus auf den ersten Blick nach genau so einem Wohlfühl-Titel aus: Zu Beginn trommelt der namenlose Protagonist seine alten Schulfreunde Fred und Jens zusammen, die sich alle schon etwas aus den Augen verloren haben. Sie planen einen gemeinsamen Roadtrip durch Skandinavien, an einen See, den sie in ihrer Kindheit jährlich besuchten. Es geht dann einfach darum, sich in einen alten Minibus zu quetschen und den Problemen des Alltags sowie den Problemen des Protagonisten wortwörtlich zu entfliehen. Dieser steckt nämlich in einer ganz schönen Lebenskrise. Sein Studium hat er gerade abgeschlossen und nun wohnt er wieder in seinem Elternhaus, wo er sich tagtäglich darüber den Kopf zerbricht, was er denn nun eigentlich mit seinem Leben anfangen möchte. Eine Situation, die sicherlich viele von uns nachvollziehen können. Geplagt von seinen Zukunftsängsten sowie seiner Ziellosigkeit, erhofft sich der Protagonist, durch den Ausflug einfach mal den Kopf frei zu kriegen.

Doch nach der von Nostalgie beflügelten Abreise wird schnell klar, dass Northbound ein ganz anderes Ziel hat. Denn die alten Freunde haben sich offensichtlich ziemlich auseinandergelebt. Fred, der unangekündigt seine Freundin Kari mitgebracht hat, steht im Gegensatz zu den anderen beiden als Manager einer Firma bereits mit beiden Beinen im Leben und macht unsere Spielfigur für die sich zunehmend verschlechternde Stimmung im Auto verantwortlich. Jens, der Besitzer des Busses, wurde vor Kurzem entlassen, bleibt jedoch sehr verschlossen über seine Situation. So verwandelt sich das eigentliche Weglaufen vor dem festgefahrenen Leben des Protagonisten in eine Konfrontation mit seinen Problemen. Das ist auch der Grund, weshalb dieser sich schnell unwohl fühlt und Jens gegenüber immer wieder betont, der Roadtrip sei doch keine so gute Idee gewesen.


In dem kleinen Bus kann ich während der Fahrt mit einigen herumliegenden Gegenständen interagieren: Hier eine Flasche Wasser trinken, da die Box mit asiatischem Nudelgericht verspeisen oder jemandem ein Bier zuwerfen. Ein cooles Feature ist dabei die Polaroid-Kamera, die man aufheben kann, um tatsächliche Instant-Bilder zu schießen, die dann auf dem Boden landen und bei einem Kapitelwechsel automatisch an die Korkpinnwand gehangen werden. In Kombination mit der jugendlichen Roadtrip-Ästhetik des Vans lassen kleine Details wie diese Northbound lebendig wirken. Es gibt aber auch durchaus lange Pausen, in denen die Mitreisenden schlafen oder schlichtweg nicht miteinander reden. Und nachdem man jede Bierdose getrunken und alle Beschreibungen zu Gegenständen gelesen hat, gibt es nicht mehr ganz so viel zu tun. Zwischen den Kapitelübergängen, die den Plot vorantreiben, macht sich dann gerne etwas Langeweile breit.

Während diese Momente der Langeweile in manchen Kommentaren auf der Itch.io-Seite des Spiels als Kritikpunkt aufgegriffen werden, faszinierten mich diese mehr als fast alles andere. Durch sie wird eine extrem unangenehme Situation perfekt simuliert: Drei Freunde, die sich über die Jahre offensichtlich stark verändert und einander nichts mehr zu sagen haben, und die sich im Laufe des Trips sogar zeitweise anfeinden, sind auf engstem Raum zusammen. Alle gefangen in einem kleinen Bus, während eine Rückfahrt schon lange nicht mehr in Frage kommt. Die endlose Stille, das reine Starren auf die immer gleich aussehende Straße, das Herumblödeln mit kleinen Gegenständen – nur, um sich irgendwie zu beschäftigen – ist doch der eigentliche Kern von Northbound und seiner Aussage. Ich kann mich als Spieler nicht dieser Situation entziehen und muss sie wohl oder übel aushalten genau wie die Figuren selbst. Der ganze Aufruhr und emotionale Stress kumuliert dann im Finale, in dem die vier endlich den See, der den Namen Tolukinnen trägt, erreichen.

Doch der See aus ihrer Kindheit ist verschwunden. Er wurde in der Zwischenzeit zugeschüttet und ist einem einfachen Supermarkt gewichen. Der Roadtrip war somit ein einziges Debakel und versetzt alle ins Grübeln. Die Erkenntnis über die Unwiederbringlichkeit der jugendlichen Unbeschwertheit setzt ein und eine unangenehme Stille füllt den Raum, kurz bevor die Credits über meinen Bildschirm flimmern. Es ist der perfekte symbolische Abschluss für einen inhaltsschweren Indie-Titel.


Northbound ist ultimativ ein Spiel, in dem wahrscheinlich jeder ein bisschen sich selbst wiedererkennen kann. Vermutlich waren wir alle schon einmal an einem Punkt, an dem wir Veränderungen nicht zulassen wollten. An einem Punkt, an dem wir am liebsten noch einmal Kind sein möchten und wichtige Entscheidungen uns abgenommen würden. Aber gerade das Ende verdeutlicht mir, dass wir manchmal eben nicht zurück in diese Zeit können, als alles noch ein bisschen leichter war, und dass das konstante Verlangen danach eigentlich bloß zu Ernüchterung führt. Was für die einen die Erinnerung an einen Camping-Ausflug zum See war, ist für mich vielleicht eine durchgemachte Nacht mit meinem besten Freund und einem Videospiel. Oder die Erinnerung an das kindliche Versinken in irgendeiner Fantasy-Welt.

Doch Northbound zeigt mir, dass diese Erinnerungen eben nur genau das sind: Erinnerungen. Ein zugeschütteter See, ein abgeschlossenes Kapitel, eine vergangene Jugend. Manchmal ist es eben nicht so einfach, seinen persönlichen Problemen zu entrinnen. Und manchmal gibt es auch Veränderungen, bei denen wir keine andere Wahl haben, als sie zu akzeptieren. Dieses Spiel ließ mich zu Beginn im Glauben, mich auf einen bezaubernden, weichgezeichneten Roadtrip zu entführen, der mein eskapistisches Ich zufriedenstellen würde – bis es mir die hässliche Wahrheit offenbarte, mich in unangenehme Situationen zwang und mehr als mir lieb war zum Nachdenken brachte.

Northbound zeigt mir die Sinnlosigkeit meiner eigenen Nostalgie. [ao]


Northbound – Long Road Ahead
Johannes Köberle und Arno Justus, 18. April 2019
Windows PC, Mac

Quelle Titelbild: Pressematerial
Screenshots: eigene Screenshots