Erinnert ihr euch an Evan Harris? Neben der Heldin Max und der vielschichtigen Antagonistin Victoria ist der einzelgängerische junge Mann einer der talentiertesten Nachwuchsfotografen an der Blackwell Academy. Fast ohne Bedeutung für den Plot, trägt er dazu bei, dem Spektrum der männlichen Blackwell-Studenten Vielfalt und Glaubwürdigkeit zu verleihen. Wir können Evan bereits recht früh in Episode 1 begegnen, an einem Picknicktisch im Park vor dem Hauptgebäude der Academy. Aus Max‘ innerem Monolog erfahren wir, dass sie und Evan zwar in keiner engen Beziehung stehen, sie aber seine Fotos sehr mag. Um allerdings einen Blick in Evans Portfolio werfen zu dürfen, das vor ihm auf den Tisch liegt, muss Max sich deshalb zunächst mit der korrekten Beantwortung einer Frage als „würdig“ erweisen.

„You’ll have to answer a simple question“, sagt Evan. „Who photographed the famous ‚Falling soldier‘?“

Das Spiel stellt uns vier Optionen zur Wahl, allesamt berühmte Fotografen, deren Namen in Max‘ Kopf als mögliche Antworten umherschwirren: Eugene Smith, Robert Doisneau, Steve McCurry… Dank der zu diesem Zeitpunkt bereits etablierten Zeitreise-Mechanik von Life Is Strange ist es ein Leichtes, auch bei völliger Ahnungslosigkeit die korrekte Antwort zu wählen und so einen Blick ins Portfolio werfen zu dürfen (welches unter anderem Fotos von Rachel Amber enthält, ein favorisiertes Modell von Evan). Ich kann nicht behaupten, dass ich mich für Fotografie als Kunstform je sonderlich interessiert hätte und ehrlicherweise muss ich mich deshalb selbst zu den Ahnungslosen zählen. Doch immerhin einem der vier Namen konnte ich konkrete Fotos zuordnen: Robert Capa. Und ich wusste, das war die korrekte Antwort, auch wenn ich, wie sich später herausstellte, bei meiner Herleitung selbst einem Irrtum aufgesessen war.


„The Falling Soldier“

Robert Capa war Fotograf und Fotojournalist, und es ist sicher nicht übertrieben, wenn man sagt, seine Arbeit folgte den Kriegen des 20. Jahrhunderts. Als Sohn einer jüdischen Familie wurde Capa – der eigentlich Endre Friedmann hieß – am 22. Oktober 1913 in Budapest geboren. Wegen angeblicher Sympathien für die Kommunisten sah er sich im Alter von 18 Jahren gezwungen, Ungarn zu verlassen. Er ließ sich daraufhin in Berlin nieder, wo er Journalistik studierte, als Assistent in einer Dunkelkammer arbeitete und erste Fotos veröffentlichte. Als Folge der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten und der durch sie erlassenen Einschränkungen für Studenten jüdischer Herkunft sah sich Friedmann nach weniger als drei Jahren gezwungen, auch Berlin zu verlassen, und ließ sich nach kurzer Odyssee schließlich in Paris nieder.

Dort lernte er die ebenfalls aus Deutschland geflüchtete Gerda Taro (eigentlich Gerta Pohorylle) kennen, die seine Lebensgefährtin werden und als vermutlich erste weibliche Kriegsfotografin selbst in die Geschichte des Fotojournalismus eingehen sollte. Mit ihr gemeinsam erschuf Endre Friedmann kurz darauf die Kunstfigur Robert Capa – einen erfolgreichen, amerikanischen Fotografen. Der Schwindel flog schnell auf, doch Capa nahm den Namen für den Rest seiner Karriere an.

Gemeinsam mit Taro reiste Capa schließlich ab 1935 nach Spanien, um den dort herrschenden Bürgerkrieg zu dokumentieren. Im September 1936 entstand so eine der berühmtesten Kriegsfotografien aller Zeiten – der im Nachhinein so betitelte „Falling soldier“. Capas Foto zeigt einen republikanischen Soldaten im Augenblick seines Todes durch eine feindliche Kugel. Anfangs in seiner Authentizität nicht in Frage gestellt, wurden ab den 1970er Jahren Zweifel an den Umständen der Entstehung des Fotos laut und bis heute ist nicht endgültig geklärt, ob die Aufnahme nicht in Wirklichkeit gestellt war. Der Ikonenhaftigkeit des Fotos haben diese Zweifel allerdings nichts anhaben können.


„The Picture of the Last Man to Die“

Dumm nur: ich selbst kannte das Foto nicht, bis ich erstmals mit dem Gedanken spielte, ein paar Worte zu Life Is Strange und Robert Capa zu schreiben. Denn wie ich weiter oben schon andeutete, ich hatte mich geirrt: Auch wenn ich mit „Robert Capa“ die korrekte Antwort auf Evans Frage gab – meine Herleitung war falsch. Das Foto, das ich mit dem Titel „Falling soldier“ assoziierte, war ein anderes. Fälschlicherweise war ich davon ausgegangen, dass eine Sequenz von Bildern gemeint sei, die ebenfalls einen von einer Kugel getroffenen, sterbenden Soldaten zeigt, und die ich deshalb kenne, weil sie ganz in meiner Nähe entstanden ist – die tatsächlich aber unter dem Titel „The picture of the last man to die“ bekannt wurde.

Nachdem Capa 1944 zunächst den D-Day in der Normandie dokumentierte und die berühmten „Magnificient Eleven“ schoss, begleitete er 1945 den Vormarsch amerikanischer Infanteristen nach Leipzig (wo Gerda Taro bis zu ihrer Flucht aus Deutschland gelebt hatte). Am 18. April 1945 rückte die 2. US-Infanterie-Division, die schon an der Landung in der Normandie und an der Befreiung Frankreichs und Belgiens beteiligt war, schließlich von Westen nach Leipzig. Unter den Soldaten war auch ein gewisser Raymond J. Bowman, Mitglied eines MG-Trupps, der von einem Balkon aus die Erstürmung einer nahegelegenen Brücke decken sollte.

Capa fotografierte ihn und seine Kameraden zunächst beim Laden und Aufstellen des MG auf dem Balkon – kurz bevor Bowman, nur Sekunden später, von der Kugel eines deutschen Scharfschützen zwischen die Augen getroffen wurde. Vom Zimmer hinter dem Balkon aus schoss Capa nun jene bemerkenswerte Sequenz von Fotos, die den nach hinten zu Boden gefallenen, mit dem Oberkörper halb im Inneren des Zimmers liegenden Bowman zeigen. Er war sofort tot – wie in Zeitlupe dokumentieren die Aufnahmen die sich von der Wunde über den Fußboden ausbreitende Blutlache. Veröffentlicht wurden Capas Fotos am 14. Mai 1945 im amerikanischen Life Magazine im Rahmen eines Artikels mit dem Titel An Episode: Americans Still Died.

Das Gebäude, auf dessen Balkon die Fotos entstanden, ein imposantes Jugendstil-Eckhaus, das den Krieg überstand, wurde in späteren Jahren als Capa-Haus bekannt, allerdings ist der Umstand, dass es bis heute erhalten geblieben ist, keine Selbstverständlichkeit: Seit Ende der 1990er leerstehend, war es nach einem Brand in der Silvesternacht 2011/12 vom Einsturz bedroht und sollte abgerissen werden. Eine Bürgerinitiative stellte sich dem erfolgreich entgegen. Von 2013 bis 2016 wurde das Gebäude unter der Jahnallee 61 in Leipzig-Lindenau schließlich denkmalgerecht saniert: In einem Nebenraum des im Erdgeschoss befindlichen Café Eigler befindet sich heute sogar ein Ausstellungsraum, der unter dem Motto „War Is Over“ an das Kriegsende und das Wirken Robert Capas in Leipzig erinnert.

Darüber hinaus trägt seit 2015 eine der anliegenden Straßen den Namen Capastraße – als „Fotograf und Antifaschist“ wird Capa auf dem zugehörigen Erklärschild gewürdigt – sowie seit 2016 die an sie anschließende Bowmanstraße den Namen des gefallenen Soldaten. Da die Gesichter der Soldaten auf den Abbildungen im Life Magazin anonymisiert wurden, war dessen Identität lange unbekannt und konnte erst 2011 durch die Recherche von Militärhistorikern geklärt werden. An Capas Verlobte, Gerda Taro wird ebenfalls, allerdings in anderen Stadtteilen Leipzigs, durch die Tarostraße und seit 2018 auch im Namen eines Gymnasiums, der Gerda-Taro-Schule erinnert: Sie starb bereits 1937 mit nur 26 Jahren im Spanischen Bürgerkrieg (nachdem sie von einem Panzer versehentlich überrollt wurde).

Robert Capa selbst sollte schließlich ein ähnliches Schicksal ereilen: Der Kriegsfotografie eigentlich schon den Rücken gekehrt habend, ließ er sich 1954 überzeugen, für das Life Magazine nach Vietnam zu reisen und den Ersten Indochinakrieg zu dokumentieren. Weniger als einen Monat vor Ende des Krieges starb Capa dort mit nur 40 Jahren durch eine Landmine. Eines seiner letzten Fotos zeigt wohl just den Erdwall, auf dem er Sekunden oder Minuten später, auf der Suche nach einer geeigneten Fotoposition, auf die Mine treten sollte.


„Little Pieces of Time“

In der Tat würde das „Picture of the last man to die“ im Kontext von Life Is Strange wohl eine mindestens genauso treffende Referenz abgeben wie das bekanntere Foto des „Falling soldier“. Man muss Life Is Strange nicht einmal kennen, um sich beim Betrachten der Sequenz bei dem Gedanken zu ertappen, die Zeit zurückdrehen zu wollen, um den sterbenden Soldaten nur irgendwie zu retten. Robert Capa fotografierte Bowman so unmittelbar vor und nach seinem Tod, dass seine Fotos zwangsläufig die Frage des „Was wäre wenn…?“ in sich tragen, den Wunsch nach Korrektur, nach der „Berichtigung“ des bereits Geschehenen, der ein so zentrales Motiv in Life Is Strange ist und die Heldin des Spiels schließlich dazu verleitet, durch das letzte zu Lebzeiten entstandene Foto des Vaters ihrer besten Freundin in die Minuten vor dessen Unfalltod zurückzureisen, das vermeintlich Unvermeidliche abzuwenden und ihn so vor einem todbringenden Autounfall zu bewahren. Nur um auf diese Weise, als nicht abzusehende Folge eines Schmetterlingseffekts, eine alternative Gegenwart herbeizuführen, in der Chloe zwar ihren Vater nicht verloren hat, allerdings selbst dem Tod entgegenblickt, Schmerzen hat, schwerbehindert und auf einen Rollstuhl angewiesen ist, und kaum ihr Zimmer verlassen kann.

Doch es braucht keine Gedankenspiele um Zeitreisen und alternative Realitäten, um beim Betrachten von Capas „Last man to die“ die unzähligen und zugleich unsichtbaren Beziehungen zwischen einzelnen Menschen und den sie umgebenden Dingen ungewohnt deutlich, wie vergrößert wahrzunehmen. Es braucht keinen sich über Jahre erstreckenden Schmetterlingseffekt, um Leben und Tod als gleich wahrscheinliche Möglichkeiten nebeneinander zu erkennen, sondern nur einen unvorsichtigen Panzerfahrer, eine Landmine auf einer als Fotoposition attraktiven Anhöhe, einen Scharfschützen in einem längst verlorenen Krieg. Leben und Tod rücken überall dort in unmittelbare Nachbarschaft, wo Gewalt und Waffen in erhöhtem Maß präsent sind. So auch in der Urkatastrophe von Life Is Strange – Nathan Prescotts Streit mit Chloe Price auf der Mädchentoilette – wo Nathan, ohne es wirklich zu wollen, den Abzug der Waffe drückt – einer Waffe, die er nicht haben dürfte – und damit mehrere Leben auf einmal zerstört, sein eigenes eingeschlossen.

Und so beginnt auch Life Is Strange mit einem Schuss – nur um ihn kurz darauf wieder rückgängig zu machen und diese Art Schusswechsel für den Rest des Spiels durch eine andere Form des Schießens zu ersetzen – die Art, die auch Robert Capa wählte und die auf den Fotos des Falling Soldier und des Last Man to Die auf so schicksalhafte Weise mit den Schüssen aus Gewehrläufen zusammenlaufen. Die sich in den Sekundenbruchteilen er Verschlusszeit kreuzen, auf einem Balkon fernab der Heimat der Beteiligten, und dabei eines dieser „little pieces of time“ hervorbringen, die Max‘ Lehrer Jefferson am Beginn von Life Is Strange zitiert und (wohl fälschlicherweise) Alfred Hitchcock zuschreibt. [sk]


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