Toby Fox ist wieder da. Gerade einmal 24 Stunden Vorlauf gab der Entwickler von Undertale seiner ekstatischen Spielerschaft, um mit dem plötzlich losgetretenen Gefühlskarussell aus Vorfreude und Erwartungshaltungen klar zu kommen. Am 31.10. schließlich veröffentlichte der offizielle Twitteraccount von Undertale einen Downloadlink, der das nächste Kapitel in der Spielebiographie jenes Entwicklers einläuten sollte, der mit seinem Vorgängerwerk, einer eigensinnigen Ode an Earthbound und das Genre der JRPGs, bereits einen exorbitanten Erfolg verbuchen konnte. Der Name seines neuen Projekts: DELTARUNE.


Man braucht nicht sonderlich lange, um zu erkennen, dass sich hinter diesem Namen ein Anagramm von Undertale verbirgt. Die Nähe zu Fox‘ Indie-Hit aus dem Jahr 2015 wird in Deltarune alles andere als kaschiert – im Gegenteil. So wird jeder, der Undertale gespielt hat, zunächst verwirrt darüber sein, gewissen, bereits bekannten Gesichtern in unerwarteten neuen Kontexten zu begegnen. Das Rätselraten um die genaueren Umstände und Hintergründe dessen ist zum aktuellen Zeitpunkt allerdings Teil des faszinierenden Enigmas namens Deltarune. Knapp drei Stunden verbringt man mit diesem kostenlosen Gameplay-Eindruck, und ohne dabei nähere Details der tatsächlichen Geschichte verraten zu wollen (spielt es selbst, es ist wie gesagt kostenlos), muss ich doch anmerken, dass ich ziemlich beeindruckt war.

Im Kern bleibt Toby Fox seinem Vorgängermodell treu. Ihr erkundet im schlichten 2D-Pixellook die Spielwelt, begegnet dabei allerlei unkonventionellen, liebenswürdigen und charmant-trashig gestalteten Figuren und bekämpft diese, wahlweise kriegerisch oder durch kontextspezifische pazifistische Handlungen, in klassischer JRPG-Manier. Die bereits in Undertale verwendete und damals schon gut funktionierende Mischung aus Rundenkampf und Bullet Hell-Ausweichpassagen wurde für Deltarune grunderneuert und deutlich komplexer gestaltet. Grund dafür ist ein Party-System, das eine geschickte Abstimmung einzelner Aktionen innerhalb eurer Gruppe erfordert und euch damit Runde für Runde ein Weilchen länger grübeln lässt, als es noch bei Undertale der Fall war.

 

 

Auch bezüglich der Optik und der Qualität der Animationen wurde eine Schippe draufgelegt. Alles wirkt ein wenig schicker und sauberer, ohne dabei aber den bekannten Charme aus simplen Designs und albernem Slapstick missen zu lassen. Der Humor spielt mal wieder eine zentrale Rolle und kommt nicht nur auf erzählerischer, sondern auch auf mechanischer Ebene zum Tragen. Hier findet sich eine der größten Stärken in Deltarune, das unverkennbar in der Absicht eines ganzheitlichen Abenteuers gestaltet wurde, in welchem sich unterschiedliche Ebenen des Spiels gegenseitig beeinflussen und bekräftigen. Das elegante Spielen mit Bildschirmeinblendungen, Genrekonventionen und der vermeintlichen Statik der spielmechanischen Darstellungsebene ist omnipräsent. Bei Fox beherbergt die Gestaltung der Anzeigen- und Menü-Designs stets das Potenzial der Fluidität. Der große Fokus auf die jeweiligen spielerischen Kontexte erlaubt es seinem Ansatz, auf Gameplay-Ebene in jedem Moment neue Überraschungen parat zu halten und dadurch die von Fox kritisierte, oft statisch-monotone und unhinterfragte Natur von JRPG-Kampfsystemen aufzubrechen.

In Deltarune wird die sukzessive Neuanpassung der spielerischen Ebene durchgängig konsequent synchron zur narrativen Entwicklung von Story und einzelnen Figuren vorangetrieben. Wo euch bestimmte Eigenheiten mancher Figuren zu Beginn noch dazu zwingen, ausgleichende Maßnahmen zu ergreifen, profitiert ihr zu einem späteren Zeitpunkt auch in der Rundenstrategie von der erzählerischen Entwicklung bestimmter Figuren. Dabei gelingt es Deltarune ebenfalls in beeindruckender Weise, eine einzigartige Atmosphäre zwischen absurder Albernheit und tiefgehender Emotionalität und Einfühlsamkeit zu kreieren. Gemeinsam mit der ausgezeichneten Musik etabliert der sympathische und liebenswürdig verspielte Humor eine angenehme Grundstimmung, in der man sich als Spieler in Sicherheit wiegt und geborgen fühlt, nur um im nächsten Moment von der authentisch menschlichen und unerwartet ernsten Seite der Figuren auf dem falschen Fuß erwischt zu werden.

 

 

Im Versuch, weiterhin so vage wie möglich zu bleiben, lässt sich abschließend andeuten, dass das Projekt Deltarune mit den bisher gebotenen knapp drei Stunden offenbar noch nicht zu seinem endgültigen Finale gefunden hat. Und ich habe das Gefühl, dass es vor allem Toby Fox selbst ist, der gerade einmal damit angefangen hat, mit UNS zu spielen. Die Installation von Deltarune bedingt es nämlich (zumindest in der Windows-Version), Sicherheitsprotokolle des Betriebssystems zu ignorieren, welches Deltarune scheinbar als Malware klassifiziert. Online wird bereits spekuliert, ob das Spiel möglicherweise bereits vorhandene Speicherstände und Datensätze von Undertale identifiziert, um damit… was auch immer anzustellen. Das License Agreement, das bei der Installation bestätigt werden muss, lautet, ebenfalls Unheil verkündend: „YOU ACCEPT EVERYTHING THAT WILL HAPPEN FROM NOW ON“. Gruselig. Und damit dann doch wieder passend zum Datum, das man sich für die Veröffentlichung ausgesucht hat.

Deltarune hat mich zwar bereits begeistert, aber vor allem hat es mich neugierig auf das gemacht, was uns hier noch erwarten wird. Wer bereits seinen Spaß mit Undertale hatte, sollte auf jeden Fall die Chance nutzen, deltarune.com aufzusuchen und sich selbst ein Bild von diesem kostenlosen Ersteindruck zu machen. Und falls ihr das bereits getan habt, seid ihr herzlich dazu eingeladen, eure eigenen Eindrücke in den Kommentaren zu teilen! [ja]