Kein anderes Spiel auf der EGX Berlin 2018 vermochte mich so oft und regelmäßig an die Anspielstationen zu locken wie Hitman 2. Zugegeben, das hatte auch damit zu tun, dass die Besucher für Hitman 2 in der Regel nicht oder zumindest nicht sehr lang anstehen mussten. Vor allem lag es aber daran, dass mir Hitman 2 anders als die meisten anderen EGX-Demos gute Gründe gab, es mehr als einmal anzuspielen.

So hatte ich mir in den Kopf gesetzt, die gebotene Story-Mission endlich erfolgreich abzuschließen, was anders als etwa bei Resident Evil 2 oder Devil May Cry 5 keine Selbstverständlichkeit war. Außerdem bot Hitman 2 eine Vielfalt von Möglichkeiten, die Demo jedes Mal auf etwas andere Weise anzugehen, sodass mir auch beim sechsten oder siebten Anlauf nicht langweilig wurde. Gut zwei bis drei Stunden verbrachte ich an den drei Messetagen mit dem Spiel und konnte mir so ein relativ umfassendes Bild der gezeigten Mission und der Spielmechanik machen.


Spielbar war auf der EGX Berlin derselbe Level wie auch schon auf der Gamescom und der E3. Im Rahmen eines Motorsport-Events im sonnigen Miami gilt es, die Rennfahrerin Sierra Knox sowie ihren Vater Robert Knox auszuschalten, da beide nicht nur im Rennsport sondern auch beim Verkauf von Militärtechnologie an fragwürdige Kundschaft ganz weit vorn dabei sind. Dazu entlässt uns Hitman 2 einmal mehr in ein sehr belebtes Szenario: Zwischen Siegertreppchen und Zuschauertribüne warten Hunderte NPCs auf den Ausgang des Rennens, fotografieren Piloten und Boliden oder stehen für Autogramme und Erfrischungen an. Hinzu kommen halb-öffentliche Bereiche wie die Boxengasse und VIP-Lounges, sowie die exklusive Kronstadt-Konzernzentrale, die wir über eine Tiefgarage erreichen können und in der es deutlich ruhiger zugeht.

Ein durchaus ungewohntes Setting also, gerade für ein Schleichspiel, das allerdings ein wenig auf Kosten des Lokalkolorits geht, der die Schauplätze des Vorgängers auszeichnete. Eine moderne Konzernzentrale im sonnigen Florida, eine Boxengasse oder eine Tiefgarage wirken eben doch recht anonym, sodass zu hoffen bleibt, dass die weiteren Schauplätzen von Hitman 2 den „Touristenfaktor“ des Vorgängers noch etwas stärker aufleben lassen.

 

Spielerisch konnte die Demo-Mission hingegen voll und ganz überzeugen. Bevor ich näher auf das Gameplay eingehe, muss ich allerdings anmerken, dass ich den Vergleich zum Vorgänger nur bedingt ziehen kann, da ich von diesem bislang nur (wenn auch recht intensiv) die Tutorial-Missionen und das zeitweilig kostenlos erhältlich gewesene Marrakesch-Level gespielt habe. Soweit auf dieser Basis ein Vergleich möglich ist, hatte ich auf der EGX zunächst den Eindruck, dass Hitman 2 vor allem mehr vom Gleichen bietet – auf gewohnt hohen Niveau immerhin und gefühlt noch etwas „runder“. Letzteres bestätigte sich, als ich, wieder daheim, noch einmal den Vorgänger anspielte. Die gesamte Spielbarkeit von Hitman 2 wirkt tatsächlich noch eine Ecke intuitiver und flüssiger, ohne dass ich ganz genau festmachen könnte, woher das rührt. 

Daneben scheint sich Hitman 2 noch stärker als der Reboot von 2016 auf die Stärken und Alleinstellungsmerkmale der Reihe zu besinnen, wogegen dem klassischen Schleichen a la Splinter Cell zumindest in der Miami-Mission der Demo fast gar kein Bedeutung zukam. Ob das in anderen Missionen – vermutlich wird man sich nicht immer in derart belebten Umgebungen bewegen – anders sein wird, muss sich aber natürlich noch zeigen.


Der Mann in der Menge

Fakt ist, in der Miami-Mission brillierte Hitman einmal mehr als Versteckspiel der besonderen Art, als faszinierendes Spiel um Schein und Sein, bei dem der Protagonist nicht hinter Mauern und in dunklen Ecken Schutz sucht, sondern inmitten der Massen, in der schützenden Anonymität entpersonalisierender Uniformen und hinter privilegierenden VIP-Pässen. Integration ist der Schlüssel zum Erfolg in diesem sozialsten aller Stealth-Games, und nach mittlerweile 18 Jahren haben IO Interactive das Konzept der Reihe mehr denn je auf den Punkt gebracht: Während wir von einer Rolle in die nächste wechseln, dringen wir immer tiefer in das Innere des Bienenstocks vor. Getarnt als Rädchen im Getriebe suchen wir nach den Lücken im System, stets bedacht, nicht das System als Ganzes zum Einsturz zu bringen. 

Dass das so gut funktioniert liegt zum einen an der meist sehr nachvollziehbaren (Massen-)KI, zum anderen an der wirklich ausgefeilten Konstruktion der Spielwelt, mit ihren ineinander verschachtelten Arealen und verschlungenen Systemen: Erst nach und nach erschließt sich dem Spieler die Größe des Levels, das auf dem ersten Blick noch relativ überschaubar wirkt. Doch sämtlich Gebäude haben Untergeschossene und Hinterhöfe, öffentliche, halb-öffentliche und verbotene Räume. Dabei ist es den Designer nicht nur gelungen, all diese Teil-Areale zum einem architektonisch glaubwürdigen Ganzen zu verbinden, sondern auch spielmechanisch ausnahmslos gut einzubinden. Ohne, dass ich es darauf angelegt hätte, kam ich Laufe meiner Spielstunden in die entlegensten Ecken und entdeckte selbst dort noch interessante Möglichkeiten.

Ob als Sanitäter mit Giftspritze oder als Maskottchen im Flamingokostüm: Chaos säen, und dennoch die Kontrolle behalten, unter aller Augen werkeln, und dabei unsichtbar sein. Darum geht es bei Hitman. Wirken die meisten Schleichspiele eher statisch oder stellen ihr Stealth-Gameplay zumindest zeitweilig hinter actionreicheren Sequenzen zurück, oszillierte die Demo von Hitman 2 auf wunderbare Weise zwischen Ordnung und Chaos. 

 

Negativ fielen mir eigentlich nur zwei Dinge auf, und auch das ist Meckern auf hohem Niveau: Zum einen wirkt die Spielwelt von Hitman mittlerweile so lebendig und natürlich, dass jegliche Brüche dieser Glaubwürdigkeit nur umso stärker ins Auge fallen. Während manch ein kleiner buchstäblicher „Fehltritt“ ziemlich unerbittliche Reaktionen nach sich ziehen konnte, erlaubte das Spiel anderswo ziemlich seltsame Verhaltensweisen: So sollte man doch meinen, dass ein Mann, dem man gerade noch geholfen hat, an seine Autoschlüssel zu gelangen – und der Verbotenes im Schilde führt – es irgendwie bemerken und missbilligen sollte, wenn man ihm im Anschluss minutenlang durchs Level folgt – aber nein, Agent 47 ist in diesem Fall geradezu unsichtbar.

Überdies hatte ich, wie auch beim Vorgänger, den Eindruck, dass es einen gewissen spielmechanischen Graben zwischen den stark geskripteten sogenannten Gelegenheiten und der Sandbox-artigen Kernspielmechanik gibt: Wenn man es schafft, einer der Gelegenheiten korrekt zu folgen, dann ist das abschließende Attentat meist lächerlich einfach – wenn auch schön schwarzhumorig unterhaltsam: So konnte man etwa Robert Knox durch seine eigenen Kampfrobotern erschießen lassen, indem man sich als Geschäftspartner verkleidet zu einer Demonstration einladen lässt und der KI anstelle der vorbereiten Testgrafiken ein Foto des so selbstsicheren wie ahnungslosen Konzernchefs vorliegt, das man zuvor aus der Titelseite eines Magazins gerissen hatte.


Schöne Aussichten

Grafisch erreicht Hitman 2 zwar nicht ganz die visuelle Opulenz von Titeln wie Days Gone oder Assassin’s Creed Odyssey, spielt aber noch immer ganz weit oben mit: Im Vergleich zum Vorgänger, den ich allerdings nur von meiner Standard-PS4 kenne, sah die Messe-Fassung noch eine Ecke besser und vor allem natürlicher aus. Insbesondere gefiel mir der warme, filmische Look mit exzellent eingesetzten Unschärfen und weichen Lichteffekten. Manche Texturen wirkten dagegen eher schlicht und um die Framerate war es nicht immer zum Besten bestellt, wenn besonders viele NPCs zugleich den Bildschirm bevölkerten (ein Problem, mit dem Hitman 2 auf der EGX nicht allein war, sondern mit dem auch Days Gone zu kämpfen hätte). 

Dass sich in dieser Hinsicht noch etwas ändert, ist immerhin nicht auszuschließen. Schließlich schien es sich bei der Demo um dieselbe „Pre-Beta“ Version zu handeln, die auch schon auf der E3 im Juni spielbar war, und die auch sonst nicht wirklich rund lief. So erlebte ich mindestens zwei Spielabstürze, in beiden Fällen mit Beginn eines ungewollten Schusswechsels. Im Angesicht der eher langsamen Spielmechanik wirkte sich die Framerate allerdings nie auf das Gameplay, sondern allenfalls auf das ästhetische Empfinden aus. Ich fand das ganz und gar unproblematisch, andere (oder vom PC verwöhnte) Spieler mögen das freilich anders sehen.

 

 

Ich bin sehr froh, dass die Hitman-Reihe leicht abseits des Triple-A-Mainstreams ihre offenkundig ausreichend breite Nische gefunden hat, um auf hohem inszenatorischen Niveau existieren zu können. Dass IO-Interactive – inzwischen ohne die Rückendeckung von Square Enix – den durchaus nicht selbstverständlichen Erfolg des Vorgängers nicht etwa zum Anlass nehmen, um mit Hitman 2 nun stärker auf den Mainstream zu schielen, verdient Anerkennung. Daher stört es auch nicht, dass man auf Basis des bereits Geleisteten eher auf Nummer Sicher geht: Große Innovationen sind wohl keine zu erwarten. Der spielerische Anspruch ist allerdings derselbe, bekannte Stärken werden der Demo nach zu urteilen noch besser auf den Punkt gebracht. Zugleich wirkt Hitman 2 dynamischer und spielt sich intuitiver. 

Unter der Ägide von Warner Bros. erscheint Hitman 2 am 13. November für PS4, Xbox One und Windows. Anders als beim Vorgänger verzichtet man diesmal auf eine episodische Veröffentlichung und wird vom Start weg die komplette zweite Season mit insgesamt sechs Missionen anbieten. Das finde ich persönlich etwas schade, da das episodere Konzept außerordentlich gut zum Spiel gepasst hat, ist aber kein Beinbruch. Außerdem lässt die Nummer im Spielen Gutes vermuten – war doch schon das alte Hitman 2: Silent Assassin ein früher Höhepunkt der Reihe. [sk]


Update: Zwei kurze Off-screen Gameplay-Videos von der EGX Berlin findet ihr nun hier und hier bei YouTube. Im zweiten ist einer der Spielabstürze zu sehen, wie sie häufig bei Beginn eines Schusswechsels auftragen.

Entwickler: IO Interactive
Publisher: Warner Bros.
Plattformen: PlayStation 4, Xbox One und Windows PC
Release: 13. November 2018


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