From a Far Eastern Land across the Sea…

Mehr als 15 Jahre sind seit der Veröffentlichung von Shenmue II vergangen und mittlerweile dürften selbst die optimistischsten Fans kaum noch daran geglaubt haben, dass Shenmue III eines Tages tatsächlich noch Realität werden würde. Das lag längst nicht mehr nur daran, dass Shenmue I und II wirtschaftliche Misserfolge waren, die ihre horrenden Entwicklungskosten nie einspielen konnten, sondern auch daran, dass die einst so visionäre Prämisse von Shenmue nach heutigen Maßstäben relativ bescheiden wirkt: Die Spielwelten von damals wären im gegenwärtigen AAA-Kosmos eher klein und die spielerischen Möglichkeiten vergleichsweise limitiert. Nachvollziehbar, dass SEGA kein Interesse hatte, Millionen in eine Sache zu investieren, die schon in der Vergangenheit nicht funktionierte.

Serienschöpfer Yu Suzuki und 69.320 zahlenden Unterstützern bei Kickstarter ist es zu verdanken, dass Shenmue III nun aber doch vor der Tür steht; und während man der Spielemesse E3 im Juni noch ferngeblieben war, sollte es auf der Gamescom in Köln endlich so weit sein und neue Informationen zum Spiel öffentlich gemacht werden. Schon kurz vor Beginn der Messe wurde bekannt, dass der deutsch-österreichische Publisher Deep Silver den internationalen Vertrieb und das Marketing übernehmen und die weitere Finanzierung von Shenmue III sicherstellen wird. Yu Suzuki und Executive Producer Hideaki Morishita hatten es sich daher nicht nehmen lassen, den Weg nach Köln persönlich anzutreten und den anwesenden Journalisten Rede und Antwort stehen.


Neuer Publisher, neue Möglichkeiten

Dabei kamen Suzuki und Morishita nicht umhin, immer wieder die Vorzüge der gerade abgeschlossenen Partnerschaft mit Deep Silver zu loben. Als Resultat der so gegebenen Finanzierungssicherheit sei es möglich gewesen, den Spielumfang von Shenmue III in einer Weise zu erhöhen, die den Idealvorstellungen Yu Suzukis näher kommt, als es mit den per Crowdfunding eingeworbenen Mitteln allein möglich gewesen wäre. Konkret bedeutet das, dass die Ausdehnung des zweiten Spielareals (eine an einem malerischen Fluss gelegene, altertümliche Stadt namens Choubu) fast verdreifacht und die Zahl der dort lebenden NPCs von etwa 50 bis 60 auf ganze 200 erhöht werden konnte. Weil dafür mehr Entwicklungszeit nötig ist, habe sich eine Verschiebung des Spiels in die zweite Jahreshälfte 2018 allerdings nicht vermeiden lassen.

Die Handlung von Shenmue III soll exakt sechs Stunden nach den Geschehnissen von Shenmue II einsetzen und somit unmittelbar an den Vorgänger anschließen. Bailu Village, das aus Shenmue II bekannte Heimatdorf von Shenhua, wird diesmal frei begehbar sein. Daneben spielt Shenmue III an mindestens zwei weiteren Orten, die ebenfalls tief in den Bergen der Region um Guilin im Süden Chinas liegen. Die aus Shenmue II bekannten Schauplätze Hongkong und Kowloon werden hingegen nicht auftauchen. An allen Orten darf Ryo unterschiedlichen Jobs und Minispielen nachgehen. Insbesondere hob Suzuki ein Angelspiel hervor, welches das Angeln an mehreren Plätzen sowie den Verkauf der Fische ermöglichen soll. Außerdem soll es möglich sein, gegen Bezahlung Holz zu hacken, sich Glücksspielen hinzugeben, sowie – auf vielfachen Wunsch der Fans – abermals Gabelstapler zu fahren. Darüber hinaus möchte Yu Suzuki der Darstellung alltäglichen Lebens in all seinen Details erneut viel Aufmerksamkeit widmen und glaubt, dass die im Spiel abgebildeten asiatischen Tradition gerade für westliche Spieler interessant sein dürften.

Neben seinem fast schon an moderne Walking Simulatoren erinnernden Adventure-Anteil und diversen Minispielen bot Shenmue stets auch handfeste Action. Es war das Spiel, dass die berüchtigten Quick Time Events, kurz QTEs, zwar nicht erfunden aber populär gemacht hat, und auch in Shenmue III soll diese Form der interaktiven Zwischensequenz nicht fehlen.

Überraschend hingegen, dass das Beat’em-Up-Kampfsystem der Vorgänger einem von Grund auf neu entwickeltem System weichen soll: Griff man in Shenmue I und II auf die Fighting-Engine der Virtua Fighter-Reihe zurück, soll in Shenmue III ein System zum Einsatz kommen, das nicht länger reaktionsbasiert ist, sondern den Schwerpunkt auf das Treffen von Entscheidungen legt – wie das genau aussehen soll, verriet Suzuki zwar nicht, erklärte aber, dass das neue System besser zu Shenmue passen und Spielern den Einstieg erleichtern solle, die sich mit Prügelspielen schwertun.


Licht und Schatten – und Gestank

Spielbar war Shenmue III auf der Gamescom leider noch nicht, auch nicht für Journalisten. Allerdings hatten Suzuki und sein Team einen ersten Trailer mitgebracht, der vollständig in In-Game-Grafik lief und einen Eindruck vom gegenwärtigen Entwicklungsstand geben sollte.

Uneingeschränkt überzeugen konnte das gezeigte Videomaterial aber weder mich noch die Fans in den sozialen Netzwerken. Auch wenn zu erwarten war, dass Shenmue III mit aktuellen Big-Budget-Produktionen visuell nicht würde mithalten können, komme ich nicht umhin festzustellen, dass das Spiel in seinem derzeitigen Stadium recht leblos ausschaut: Insbesondere die Figuren wirkten steril und fielen durch äußerst starre Gesichtsanimationen auf – das Gegenteil von dem, was am ersten Shenmue einst faszinierte.

Morishita und Suzuki bemühten sich daher auch, den kritischen Journalisten zu versichern, dass die Charaktermodelle von Ryo, Shenhua und den meisten anderen gezeigten Figuren lediglich Provisorien seien. Mittlerweile habe man die Modelle einiger Figuren zwar fertiggestellt, in den Trailer geschafft hätten es diese aber nicht mehr. Das gelte auch für die Gesichtsanimationen, die im Video ebenfalls nicht implementiert seien.

Davon abgesehen, wusste das Bildmaterial allerdings zu gefallen. Seit einiger Zeit schon ist bekannt, dass die fortschrittliche Unreal Engine 4 zum Einsatz kommt; zahlreiche eigens entwickelte Shader sollen unterdessen dafür sorgen, dass Shenmue III trotzdem wie Shenmue ausschaut. So lege Suzuki besonderen Wert auf die Ausleuchtung und darauf, ein Gefühl von Feuchtigkeit abzubilden. Derzeit arbeite man außerdem an einem System, dass die mannigfaltigen Gerüche des ländlichen China visuell darstellbar machen soll.

Mit Blick auf die Vertonung des Spiels sei es außerdem bereits gelungen, sowohl den japanischen als auch den englischen Sprecher Ryos erneut zu gewinnen. Man möchte das auch bei möglichst vielen anderen Figuren schaffen. Für Shenhua müsse aber höchstwahrscheinlich auf eine neue Sprecherin zurückgegriffen werden. Als musikalische Untermalung sollen vor allem ungenutzte Stücke aus Shenmue I und II zum Einsatz kommen.


Eine Frage der Erwartungshaltung

Die Frage, die Yu Suzuki von Journalisten am häufigsten zu hören bekam, war vermutlich die, wie er Spielern, denen die Vorgänger unbekannt sind, den Einstieg in die Geschichte von Shenmue ermöglichen möchte. Suzuki erklärte, auf verschiedene Mittel zurückgreifen zu wollen. So soll sich Ryo in Form von Rückblenden an Geschehnisse in der Vergangenheit erinnern und außerdem die Möglichkeit haben, mit Figuren aus den Vorgängerspielen zu telefonieren – darunter Heißsporn Goro und die mittlerweile in Kanada lebende Nozomi.

Die Spieldauer von Shenmue III soll mindestens 30 Stunden betragen. DLC nach Release ist ebenfalls geplant; worum es sich dabei genau handeln wird, wollte Suzuki aber noch nicht verraten. Mit der nächsten Präsentation des Spiels sei unterdessen erst 2018 zu rechnen.

Ob Shenmue III den hohen Erwartungen gerecht werden kann, dürfte vor allem eine Frage der individuellen Erwartungshaltung sein. Gerade Serien-Neulinge sollten wissen, dass Shenmue zwar oft ein Open-World-Spiel genannt wird, die erzählte Geschichte aber stets vollkommen linear und ziemlich kompakt war, und dass man ein Sandbox-Game mit vollkommener Handlungsfreiheit nicht erwarten darf. Wer allerdings in der Lage ist, Gefallen an einem Kleinod zu finden, dass der allgegenwärtigen Blockbuster-Gigantomanie Persönlichkeit und Intimität entgegensetzt, darf auf Shenmue III sehr gespannt sein. Eines merkte man Yu Suzuki in den Gesprächen auf der Messe nämlich stets an: Shenmue III ist ihm ein Herzensangelegenheit – und die wird ihn noch einige Zeit beschäftigen: Abgeschlossen soll Ryos Geschichte nämlich auch mit Shenmue III nicht sein. [sk]

Entwickler: Ys Net
Publisher: Deep Silver
Plattformen: PlayStation 4 und Windows PC
Release: 2. Halbjahr 2018


Diese Preview erschien zuerst im Oktober 2017 in Ausgabe #4 des GAIN-Magazins. Für SPIELKRITIK.com wurde er an wenigen Stellen aktualisiert und bearbeitet.

Für die kommende Ausgabe #5 schrieb ich den Artikel: „Wider den Zynismus: Das Thema Fremdenfeindlichkeit in Xenoblade Chronicles X“.

Das Heft kann auf gain-magazin.de vorbestellt werden und erscheint am 31. Januar. Es kostet 5 Euro und umfasst 94 Seiten.


Mehr zu Shenmue bei SPIELKRITIK.com: