Ein Gastbeitrag von Urs
im Rahmen des Gastautoren-Specials GASTSPIELER II.

Ich habe meine Zeit nicht gestohlen und trotzdem verschwende ich sie. Wenn ich endlich mal wieder einen Tag frei und nur für mich habe, verbringe ich diesen gelegentlich einfach damit, auf dem Sofa zu liegen und mir irgendwelche Videos bei Youtube anzuschauen. Dem Sofa direkt gegenüber türmen sich zwei Regale auf, voller ungeschauter Filme und ungespielter Spiele. Es sind Mahnmale meiner Kaufsucht und ich schäme mich. Auch digital häufe ich Spiele an, sei es auf Steam oder im PSN, und rühre diese lange nicht an. Gelegentlich starte ich etwas, Abspänne sehe ich selten. Wenn ein Spiel zehn Euro gekostet hat und ich es eine Stunde gespielt habe, denke ich, dass ich mein Geld immerhin nicht völlig verschenkt habe.

Aus meiner Lethargie reißen mich neue Spiele aus Lieblingsreihen oder von Lieblingsentwicklern. Die starte ich meistens sofort und ziehe sie dann auch durch oder spiele zumindest viele Stunden, bis die Luft dann raus ist. Aber manchmal, ja manchmal ist alles anders. Da kaufe ich mir ein eigentlich irgendwie doofes Spiel und ballere es gnadenlos durch. Was genau mich antreibt, ist nicht leicht zu sagen, obwohl es immer wieder passiert.


Bulletstorm ist das Musterbeispiel für ein doofes, mittelmäßiges Spiel. Es ist ursprünglich 2011 für PS3 und Xbox 360 erschienen und schaffte es höchstens aufgrund des Pimmelhumors, des übertriebenen Gewaltgrades und der Entschärfung desselben für die deutsche Version in die Schlagzeilen. Anfang 2017, wenige Monate nach der Deindizierung der ungeschnittenen Version, erschien die „Full Clip Edition“ betitelte Neuauflage in Deutschland und dem Rest der Welt. Die Fachpresse und viele Spieler_innen stellten sich die Frage, warum ausgerechnet dieses Spiel ein Remaster spendiert bekommen sollte. Und dann auch noch zum Vollpreis!

Auch ich wunderte mich über diese unsinnige Veröffentlichungspolitik von Gearbox, die nach EA das Publishing für Bulletstorm übernommen hatten. Zwar hatte mir das Spiel auf der 360 in seiner Doofheit durchaus Spaß gemacht, aber 60 Euro für ein sechs Jahre altes Spiel, das schon zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung kein Überflieger war? Wohl kaum! Es sollte sich herausstellen, dass nicht nur ich so dachte und nachdem sich die Full Clip Edition miserabel verkaufte, fiel der Preis rapide. Als der Spaß nur noch zwanzig Euro kosten sollte, schlug ich in einem Zustand geistiger Umnachtung zu.

Was haben diese doofen Spiele nur an sich, dass ich ihnen so viel Zeit widme? Den ebenfalls mittelmäßigen Shooter Singularity spielte ich seinerzeit an einem Wochenende durch und fühlte mich anschließen leer und beschmutzt. Bulletstorm stellte ich anfangs zu meinen anderen unangetasteten PS4-Spielen, unter denen sich immerhin Perlen wie The Witcher 3, X-Com 2, Tides of Numenara usw. befinden. Aber wieder befiel mich diese Umwölkung meines Verstandes und ich legte das Spiel ein und spielte es einfach, als wäre es nichts, als wäre es nicht saudoof und ich nicht ein ausgemachter Depp, dass ich mit solcherlei meine kostbare Lebenszeit verschwendete.

Bulletstorm unterscheidet sich in der Full Clip Edition nicht sonderlich von der Originalfassung. Die Auflösung wurden hochgeschraubt und Effekte sowie Texturen verbessert, all das lenkt aber nicht davon ab, dass es sich um ein Spiel der letzten Konsolengeneration handelt. Einzig nennenswerte Neuerung ist die Möglichkeit, das gesamte Spiel absurderweise als Duke Nukem durchzuspielen, was ich jedoch nicht tat, weil das selbst mir zu blöde ist. Als nach einigen Stunden der Abspann lief, empfand ich gar nichts und hatte große Teile des Spiels bereits wieder vergessen. Genau wie damals auf der 360.

Ein ähnlich belangloser Kandidat, dem ich mehr Zeit spendiert habe, als er verdient hätte, ist Mass Effect: Andromeda. Zwar habe ich es nicht beendet, aber doch viel länger gespielt, als nötig gewesen wäre um festzustellen, dass es an und für sich und eigentlich doch eine ziemlich dröge Angelegenheit ist. Doch obwohl mein Regal stets prallgefüllt ist mit erlesenen Spielen von heute, gestern und sogar vorgestern (s.o.), greife ich in geradezu erschreckender Regelmäßigkeit zu Titeln, die es eigentlich nicht verdient hätten, länger als einen Moment in Augenschein genommen zu werden. Woher rührt also die Faszination für das Mittelmäßige?


Unsere Leben sind von Hektik und Zwängen geprägt. So müssen wir jeden Tag zur Arbeit gehen, was uns mal besser und mal schlechter gefällt. Auch wenn uns die Arbeit meistens Freude bereitet, hingehen müssen wird auch dann, wenn wir eigentlich lieber etwas anderes täten, denn andernfalls bekommen wir kein Geld. Wie gemein. Auch das Privatleben ist nicht immer einfach, selbst wenn es die meiste Zeit schön ist. Irgendwie müssen wir immer handeln, immer nachdenken, uns immer anstrengen. Oft wird sogar die allein verbrachte Freizeit mit Anregendem und Sinnvollem gefüllt, was zwar Spaß macht, aber nicht zwingend erholsam ist.

Auch ich bin ein vielbeschäftigter Mensch und bin in der Regel von dem Gedanken beseelt, meine Freizeit möglichst sinnvoll zu verbringen. Das heißt nicht, dass ich regelmäßig Weltliteratur wälzen muss, um mich erfüllt zu fühlen, aber von einer gewissen Qualität sollten die von mir konsumierten Erzeugnisse der (Pop)Kultur schon sein. Doch gelegentlich werden diese Regeln außer Kraft gesetzt. So habe ich in den letzten Jahren vermehrt festgestellt, dass ich gelegentlich einen Grad an Erschöpfung erreiche, bei dem mir selbst mitreißende, „gute“ Unterhaltungsprodukte zu anstrengend werden können. Dies kann zum Beispiel der Fall sein, wenn die Arbeit eine Zeit lang besonders aufreibend war oder nach einem Umzug.

In solchen Phasen fühle ich mich geistig derart ausgelutscht, dass mir selbst ein Videospiel zu aufreibend werden kann, wenn es mich zu stark mitreißt. Perfekt für diese Phasen sind Egaltitel, wie die oben genannten. Katastrophal schlecht sein dürfen sie jedoch auch nicht. Ein dampfendes Wrack von einem Kackspiel einzulegen mag zu gewissen Zeitpunkten vielleicht unterhaltsam sein, in einem Erschöpfungszustand ist es aber auf seine Art zu kräftezehrend und muss unbedingt vermieden werden.

Besonders wohltuend in Zeiten der Ermattung sind Spiele, die angemessen unterhalten, aber keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Nach Feierabend einige Stunden spielen, feist auf dem Sofa lümmeln und ab dem Zeitpunkt, an dem vorm Zubettgehen die Konsole ausgeschaltet wurde, keinen Gedanken mehr an das Gespielte verschwenden. Sind die Kräfte wieder regeneriert, muss auch wieder ansprechendere Kost her: Zum Nachdenken anregende Titel oder auch einfach nur sehr gut gemachter Unterhaltungskram. Denn wenn das Hirn auf voller Leistung fährt, dann taugt das Mittelmaß nicht mehr, dann ödet es nur noch an.

Ich habe in Mass Effect: Andromeda stundenlang irgendwelche Gesteinsbrocken gescannt und bin über langweilig leere Planetenoberflächen gelatscht, ohne dass es mir etwas ausgemacht hätte. Diese Art von hohlem Quatsch war zu diesem Zeitpunkt genau das Richtige, weil ich durch äußere Umstände wieder einen Erschöpfungsgrad erreicht hatte, der es mir unmöglich machte, mich mit Uncharted: Lost Legacy, Resident Evil 7, Prey oder sonst einem vermutlich irgendwie ziemlich guten Spiel ernsthaft zu beschäftigen. Nachdem mein mentales Tief einigermaßen überwunden war, stoppte ich meinen Ausflug in die Galaxie der Ödnis umgehend und wandte mich anregenderen Dingen zu.


Ihr seht, dass ich mittelmäßige Spiele mitnichten auf einen Thron heben, aber auch nicht in Gänze verdammen möchte. Zwar ist es mitunter ein rechtes Ärgernis, wenn eine Spielereihe von hervorragender Qualität in die Bedeutungslosigkeit abdriftet (Mass Effect). Aber das Mittelmaß hat trotzdem seinen Platz in unserer Welt und auf unseren Festplatten und in unseren Regalen. Und wer jeden Tag nur Erlesenes zu sich nimmt und spielt, der weiß es bald nicht mehr zu schätzen. Also lehnt euch zurück, gönnt euren strapazierten Großhirnrinden eine Pause und widmet euch einem mittelmäßigen Spiel. Ihr werdet sehen, dass ihr euch daran erquicken und laben könnt, um anschließend von euch behaupten zu können: „Ja, ich bin ein Mensch voller Fehler. Aber dass ich Bulletstorm durchgezogen habe, tut mir überhaupt nicht leid, denn es war einfach nötig.“

Und das ist doch eine wunderschöne Sache. Besonders zur Weihnachtszeit.


Der Autor:

Urs (@muskeljesus)
Schreibt auf Polyneux.de.

Der 36-jährige Wahl-Münchener spielt Spiele seit den 80ern und 90ern, auf dem Atari VCS, C64, Amiga und SNES. Heute ist Urs Sozialpädagoge und Kulturwissenschaftler – sein Versuch in die Videospiel-PR zu kommen, scheiterte dagegen an der alles zermürbenden Langeweile. Genervt ist Urs auch von Open World Games, nur nicht von Zelda: Breath of the Wild. Das ist sogar sein momentanes Lieblingsspiel, obwohl das vielleicht anders wäre, wenn die anderen nicht ungespielt in den Regalen stünden. Urs mag es Dinge gut zu finden, schreibt aber trotzdem sehr charmante Rants – seit mehr als drei Jahren auf Polyneux.de. [sk]