Es ist an der Zeit, mal wieder etwas für die Rubrik „alte Spielezeitschriften“ zu tun. Und so gibt heute vier Seiten „News“ aus der Oktoberausgabe 2000 des deutschen Nintendo-Magazins big.N zubestaunen. Zum einen hat gerade die big.N (einst 64 Power, später N-Games, dann Relaunch als Wii-Games) etwas mehr Liebe verdient, da sie im Unterschied zur einstigen Konkurrenz nicht den besonderen Kultstatus der „Total!“ innehat, noch den Vorteil der N-Zone, schlicht und einfach noch zu existieren – und interessante Rückblicke auf die eigene Geschichte erfreulicherweise gleich selbst zu bringen. Zum anderen erscheinen die Neuigkeiten des Herbst 2000 heute, 17 Jahre später fast noch interessanter und frischer als damals. News, so alt, dass sie schon wieder neu sind!

Natürlich möchte ich die Scans auch diesmal nicht unkommentiert stehenlassen und habe einmal nachgeforscht, was aus den diversen Ankündigungen geworden ist bzw. wie sie heute einzuordnen sind.

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Gleich zu Beginn wird die traurige Neuigkeit verkündet, dass die Entwicklungen an Earthbound 64 bzw. Mother 3 eingestellt worden sind. „Ein unrühmliches Ende für ein Projekt, das schon fast seit Beginn der 64-Bit-Ära auf Ankündigungslisten mitschwimmt“, resümiert die big.N. „Shigesato Itoi, der Designer des Titels, begründete die Entscheidung damit, dass keine Zeit mehr sei, um sich er immensen Schwierigkeiten anzunehmen, die eine dreidimensionale RPG-Welt den Programmierern bereitet.“ Ein paar ältere Screenshots erinnern daran, wie das Spiel einmal aussehen sollte. Erschienen ist Mother 3 entgegen der damaligen Statements übrigens doch: mehr als 7 Jahre später, in 2D auf dem GameBoy Advance – und leider nur ein Japan.

„Machtübernahme“ oder „Notschlachtung“?

Neben einigen Sätzen zu dem Gerät, das letztlich der (entgegen den Versprechungen recht teure) Panasonic Q werden sollte, ist auch die kurze Notiz zu Hercules: The Legendary Journeys interessant: Dort wird auf den – glücklicherweise längst vergangenen – Trend auf dem US-amerikanischen Spielemarkt hingewiesen, bestimmte Titel (wie zuvor schon Daikatana und Duck Dodgers) zunächst nur im Verleih zu veröffentlichen. Eine kurioses Geschäftsidee aus einer Zeit, als der Videoverleih Blockbuster noch relevant und Spieleentwicklungen vergleichsweise günstig waren.

Ein Spiel, das selbst versiertesten N64-Veteranen kaum bekannt sein dürfte, ist das Rundenstrategiespiel Gendai Dai-Senryaku: Ultimate War. „Die Handlung findet 1990 in Korea statt, wo russische Streitkräfte eingefallen sind. In der Rolle der Amerikaner wird es zur Aufgabe des Spielers, mit Unterstützung der britischen, französischen und westdeutschen Streitkräfte von Japan aus einen Befreiungsschlag zu starten. Zugegeben, ein etwas ungeschickt gewähltes Szenario“, stellten die Redakteure der big.N dann auch fest, und es ist wohl bis heute den oftmals fragwürdigen Szenarien und gewissen nationalistischen Tendenzen anzurechnen, dass die Daisenryaku-Reihe in ihrer Gesamtheit nie den Sprung über den Teich aus Japan geschafft hat.

Das Spiel, das Nintendo-Veteranen am ehesten mit Advance Wars vergleichen können (welches 2000 allerdings noch nicht existiert hatte und dessen Vorgänger nie in Europa erschienen waren),  war ursprünglich für das erfolglose N64-Diskettenlaufwerk 64DD in Entwicklung und sollte – Stand Oktober 2000 – nun auf einem regulären Modul erscheinen. Laut Unseen64 ist aber auch das nie geschehen und der Titel von SETA, der ursprünglich sogar einen Onlinemodus für vier Spieler bieten sollte, erblickte das Licht der Welt nie. Übrigens: Während die abgedruckten Screenshots schwerlich belegen können, dass die Grafik „fast fotorealistisch“ und auf der aktuellen Konsolengeneration nahezu einmalig sei, belegt dieses verwackelte Video von IGN, dass die Kampfanimationen tatsächlich so einiges hermachten.

Ein anderes Stück Computerspielgeschichte dokumentiert die Meldung über die „bislang fast gänzlich unbekannt[en]“ Crytek Studios. Offenbar waren die Informationen der big.N aber generell etwas lückenhaft bzw. die Schlussfolgerungen etwas vorschnell, da sowohl Engalus als auch X-Isle über den Status von Tech-Demos vorerst nicht hinauskommen sollten. Wirkungsvolle Demos der späteren Cry-Engine immerhin, mit denen Crytek einen Fuß in die Türen der großen Publisher bekam und damit auch die Möglichkeit, X-Isle in Form von Far Cry fortleben zu lassen. 2004 war das und Nintendo-Konsolen blieben bekanntermaßen außen vor.

Die nächste Doppelseite hat ebenfalls zwei, drei Perlen zu bieten: Für sich genommen unspektakulär ist die Ankündigung eines Comics namens bzw. zu Picassio. Der einstmals als gewaltloses Actionspiel vermarktete Titel um zwei Kunstdiebe, die unentdeckt in Museen einbrechen, war einige Monate zuvor eines der ersten Spiele überhaupt, das für die später als GameCube bekannte Konsole angekündigt waren. Erscheinen sollte aber auch dieses Spiel nie.

Ferner wird über das laut der big.N erste Damenfußballspiel berichtet: Mia Hamm Soccer 64. „South Peak betonte hierzu ausdrücklich, ein leicht spielbares Produkt zu entwickeln, in das auch unerfahrene, weibliche Spieler schnell hineinfinden können. Inwieweit der Hersteller seinen Teil dazu beiträgt, bestehende Vorurteile zu bekräftigen, lassen wir mal dahingestellt. Ebenfalls fraglich dürfte sein, ob ein Damenfußballspiel nicht doch eher männliche als weibliche Fans anzieht, aber egal.“ So die Einschätzung der anscheinend selbst leicht verwirrten big.N-Redaktion. Mia Hamm Soccer 64 erschien – man muss es fast betonen – tatsächlich und wurde meist unterdurchschnittlich bewertet.

„Multimedialer Unfug“ von „Nintendos amerikanischen Werbegenies“

Eine unscheinbare aber heute noch genauso seltsame News betrifft schließlich das damals kurz bevorstehende Zelda: Majora’s Mask. Die Meldung ist leider nicht sehr ausführlich, die Thematik der angeblichen Fake-Website wirkt für eine so notorisch korrekte und vorsichtige Firma wie Nintendo recht gewagt, und die Verbindungen zu Majora’s Mask scheinen zwar einleuchtend aber auch viel zu vage um als wirkungsvolle Werbemaßnahme zu taugen, sodass ich mich gefragt habe, ob es sich bei dieser News nicht vielleicht um eine Ente oder bei der fraglichen Website lediglich um die Kreation eines kreativen Fans statt von Nintendo gehandelt haben könnte. Daher bin ich der Sache einmal auf den Grund gegangen…

…und tatsächlich! Überraschenderweise leitet die URL www.z-science.com sogar noch heute zu „nintendo.com“ weiter. Da die Fake-Seite schon lange offline ist und die URL als solche keine Verbindung zu Zelda: Majora’s Mask aufweist, ist es doch ungewöhnlich, dass Nintendo noch immer in ihrem Besitz ist. Die URLs der beiden anderen einstigen Fake-Websites – datadyne.com sowie, weniger bekannt, carringtoninstitute.com – führen heute nirgendwo mehr hin (nachdem sie von Rare nach deren Trennung von Nintendo zumindest eine Zeit lang noch verwendet wurden).

In Teilen sichtbar sind alle drei Fake-Sites aber weiterhin auf der Internet-Archivierungs-Seite Wayback Machine.

Sogar im Angesicht von heutigen, viralen Marketingstrategien erstaunt doch, wie authentisch – authentisch langweilig – die Seiten wirken und wie subtil die Bezüge zu den Spielen eingeflochten sind. Gerade die Inhalte von „z-science.com“ sind über die Maßen seltsam und haben mit Majora’s Mask abseits des Paralleluniversums-Motivs fast gar nichts gemeinsam. Wem die Fake-Natur der Seite nicht bewusst ist, könnte Nintendo sogar in ein etwas dubioses Licht gerückt sehen: Einer der wenigen eindeutigen Bezüge findet sich nämlich unter dem Menüpunkt Sponsorships, wo Nintendo of America (vor drei Fake-Firmen) als wichtiger Geldgeber aufgeführt ist: „Were it not for the financial support of these groups over the last 23 years, JRAMOA would never have made such amazing advancements in fields such as magnetospheric physics and astralplanology. Very recently, a JRAMOA scientist by the name of Dr. Tarin Rugeshi became the first human to ever lay eyes on the fascinating beauty of a parallel universe.“ Nintendo als Unterstützer einer esoterisch angehauchten, pseudo-wissenschaftlichen Vereinigung? Das Marketing der Zeit konnte auf jeden Fall recht originell sein.

Fraglich ist, ob diese Fake-Websites jemals einen signifikanten Effekt hatten. Die für eine umfassende virale Verbreitung notwendigen Kanäle (wie Youtube, Facebook und dergleichen) existierten 2000 schließlich noch nicht, während andererseits gerade deren Fehlen und die demzufolge eingeschränkte Vernetzung der Spielerschaft dafür sorgten, dass solche Mysterien vergleichsweise lang Mysterien bleiben konnten (siehe auch hier). In jedem Fall bringt es die big.N. ziemlich gut auf den Punkt, wenn sie fragt: „Ist es nicht beachtlich, welche Energien Nintendo bei der Erstellung von gefälschten Homepages aufwendet?“

Erwähnenswert ist schließlich noch die knappe Meldung zum gleichsam mysteriösen „Ura-Zelda“ und Miyamotos Aussage, dass das Spiel längst fertig sei. „Ob es jemals veröffentlicht wird oder aber als seltenes Relikt in Nintendos Aktenschränken verschimmelt, konnte (wollte) er leider nicht sagen.“ Erstaunlicherweise ist selbst heute kaum mehr bekannt, da nach wie vor zweifelhaft ist, ob es sich bei „Master Quest“, das Anfang 2003 der Erstauflage von Zelda: The Wind Waker als Bonus-Disc beigelegt war, tatsächlich um das verschollene Ura-Zelda handelt oder nur um Fragmente desselben. Miyamotos Aussage scheint ohne Kenntnis des genauen Wortlautes etwas zu unspezifisch, um darin einen eindeutigen Beleg für irgendetwas zu sehen.

Und das Fazit? So manche Idee von einst wäre selbst noch heute originell und einige Dinge weniger haben Geschichte geschrieben. Das meiste von dem, was damals heiß gekocht wurde, sollte hingegen nicht von Dauer sein – oder tatsächlich gar nicht erst auf den Markt kommen.

Ein weiteres Relikt der Vergangenheit sind telefonbasierte Versandhändler wie Gamestore. Deshalb seht ihr als Bonus noch Scans einer doppelseitigen Anzeige, die Perfect Dark und Turok 3 als „Mega Tophits“ ausweist, Vorbestellung von Half-Life für die Dreamcast anbietet und Donkey Kong 64 inkl. Expansion Pak für heute 35 Euro raushaut. Feuchte Gamerträume in Deutschen Mark und – nein, es ist nicht Comic Sans, aber ganz nah dran. [sk]

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