Eine Woche lang feiern wir bei SPIELKRITIK den 15. Geburtstag der klassischen Xbox.

Heute können wir euch drei weitere Gastkommentare präsentieren, die einige unserer treuen Leser uns haben zukommen lassen. Björn stellt euch sein Lieblings-Xbox-Spiel vor, der Kollege von Yesterplay 80 erzählt, wozu die Xbox über die von Microsoft unterstützten Funktionen hinaus noch fähig war, und auch HooliNerd fasst aus seiner Perspektive noch einmal kurz zusammen, wieso ihm die Xbox unvergessen ist und welche Titel er am liebsten spielte. Alle Beiträge zum Special findet ihr hier. [sk]


Spieletipp: OutRun 2
(von Björn, aka. SpeckObst)

Die erste Xbox war so etwas wie die zweite Dreamcast und wurde daher gerade zu Beginn sehr stark von Sega unterstützt. Panzer Dragoon Orta, Crazy Taxi 3, Jet Set Radio Future, Shenmue 2. Alles hervorragende und bis heute interessante Spiele, die Microsofts Einstieg in den Konsolenkampf zu mehr als nur einer Anlaufstelle für westliche Action oder Shooter machten.

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Und obwohl über all diese Titel wahrscheinlich zu wenig gesprochen wird, ist es ganz eindeutig OutRun 2, das nie seine verdiente Aufmerksamkeit bekam. Ein fantastischer Arcade-Port, den wir heute in dieser Form niemals auf Disk gepresst bekämen. Schließlich wäre der Aufschrei über einen Vollpreis-Titel mit zugegeben wenig Spielinhalten ziemlich groß. Aber 2003 konnte – oder besser gesagt musste – man so etwas noch samt DVD-Hülle in die Händler-Regale stellen.

OutRun 2 besitzt keinen aufgesetzten Story-Modus, in dem ihr durch gutes Fahren eure entführte Freundin zurückholt. Es wirft euch nicht unnötige RPG-Elemente vor den Kopf. Keine leere Welt muss mehrere Minuten durchquert werden, damit ihr endlich auf ein interessantes Areal oder Mission stoßt. Stattdessen startet jede Runde ohne Verzögerung am selben Ort und führt euch in gerade einmal fünf Minuten durch ein knappes Dutzend Gebiete. Immer und immer wieder. Allein die Zusammensetzung eurer Route dürft ihr bestimmen.

Nein, der Titel prahlt nicht mit einer Masse an Gebieten, sondern bleibt seiner Arcade-Herkunft treu und ist vielmehr so etwas wie ein Remake des 80er-Jahre-Klassikers. Qualität vor Quantität. Jeder Ort ist einzigartig und pfeift komplett auf Konzepte wie Realismus oder geografische Kontinuität zwischen den Arealen. Es geht ausschließlich darum mit einem schnellen Sportwagen möglichst gekonnt durch wunderschöne Orte zu fahren, deren visuelle Umsetzung zu Segas Meisterwerken zählt.

Ihr fahrt. Mehr nicht. OutRun 2 fokussiert sich auf eine Spielmechanik und lässt bis auf ein paar Abwandlungen des Konzepts innerhalb anderen Modi keine Ablenkung zu. Mit großartigen Resultaten. In keinem anderen Spiel fühlt sich das Driften des Wagens so gut an wie hier. Wer die Zeit investiert, den Umgang mit der Steuerung meistert und die Strecken lernt, erreicht einen Zen-artigen Zustand, der von keinem anderen Arcade-Racer jemals übertroffen wurde.

Warum es nie ein OutRun 3 gab? Weil man Perfektion nicht verbessern kann.


15 Jahre alt aber nur 1,5 Generation zurück: Die Xbox
(von Retro-Blogger Yesterplay 80)

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann genau ich meine erste Xbox gekauft habe, es war eine Weile nach dem Release, aber ich weiß noch sehr gut, warum ich es tat: Nicht nur dass die Spiele einfach phänomenal gut aussahen, Xbox Live der erste zentrale und gut funktionierende Online-Spieledienst war und die Controller (in der S-Ausführung) nahezu perfekt in meiner Hand lagen. Nein, war die Xbox von Haus aus schon eine sehr leistungsstarke und vielfältige Konsole, konnte sie, mit einem Modchip ausgestattet, sozusagen direkt ein Portal in eine neue Ära der Konsolen öffnen!

Microsoft verpasste der Konsole damals erstmals eine Festplatte und machte damit nicht nur die nervigen, weil immer viel zu kleinen und ständig vollen Speicherkarten so gut wie überflüssig. Sie legten auch unbeabsichtigt den Grundstein für die heute ganz selbstverständlichen Multifunktionsgeräte, mit denen man nicht nur Spiele abspielen, sondern auch Videos und Musik aus dem Internet oder dem Heimnetz streamen, im Internet surfen, mit Freunden chatten und allerlei andere Dinge tun kann, die damals bestenfalls Dreamcast-Besitzer in Grundzügen genießen durften. Denn eine Xbox mit Modchip (oder Softmod), einer größeren Festplatte und dem Xbox Media Center (kurz XBMC, heute als Kodi bekannt) konnte schon damals so ziemlich alles, was auch eine 360 oder One heute kann. Und mehr.

Meine Xbox damals war bereits das Modell 1.6 und kam direkt mit einem Aladdin-XT-Modchip und einer Festplatte mit 160 GB. Ich betrieb sie zu Hause an einem 21-Zoll-Röhrenmonitor, wofür ich mir extra die VGA-Box X2VGA+ von Neoya kaufte. Denn noch ein Feature, das eigentlich erst eine Generation später Einzug halten sollte, wurde mit einer solchen Xbox möglich: Spiele und Filme in HD! Dazu musste nur die Xbox auf NTSC umgestellt werden, eine VGA-Box oder ein YUV-Kabel angeschlossen werden und voilà: 480p, 720p und sogar 1080i standen als mögliche Auflösungen zur Verfügung.

Waren VGA-Boxen seit der Dreamcast zwar nichts mehr völlig neues, war deren Unterstützung durch die Entwickler zumindest im PAL-Umfeld noch sehr durchwachsen. Nicht so bei der Xbox; sehr viele Spiele liefen auch auf der auf NTSC umgestellten Konsole und unterstützten dabei mindestens die 480p, viele sogar 720p und einige liefen sogar noch mit 1080i. Formfaktorbedingt begnügte ich mich seinerzeit noch mit den 480p, da das Bild auf dem 4:3-Monitor in den höheren Breitbild-Auflösungen doch recht klein wurde und diese Auflösung, wie gesagt, fast immer lief. Aber ich wusste immer: Da geht mehr, allein das war ein tolles Gefühl.

Ein weiterer Punkt, der die Konsole für mich interessant machte, waren die Emulatoren, die dank der Modifikation darauf liefen. Somit bot die Xbox damals bereits das, was heute vielen ein Raspberry Pi ermöglicht: Die Möglichkeit, bis hin zur PSX so gut wie alles bequem am heimischen TV spielen zu können, Arcade-Games inklusive!

Und damit war das Maximum dessen, was möglich war, noch lange nicht erreicht. Ich schätzte die Möglichkeit, Spiele komplett auf die Festplatte zu kopieren und von dort zu starten, was natürlich deutlich reduzierte Ladezeiten mit sich brachte, sehr. Auch die Erweiterbarkeit des XBMC mit den unterschiedlichsten Plugins und den damit vielfältigsten Möglichkeiten Medien zu konsumieren, ist ein extrem nützliches Feature. Und manch einer machte aus der Xbox mithilfe eines Linux-Betriebssystems und mit Adaptern angeschlossener Tastatur und Maus (die Controller-Ports waren eigentlich nur anders geformte USB-Anschlüsse) einen kleinen PC.

Lange Rede, kurzer Sinn: Die Xbox war ein Meilenstein in der Entwicklung der Videospielkonsolen! Extrem leistungsstark, etablierte sie vor 15 Jahren bereits Features, die wir heute noch gerne und häufig nutzen. Das Spieleportfolio war fantastisch, selbst auf der Dreamcast gab es nicht so viele Kracher wie auf der Xbox. Und die Moddingcommunity entfesselte ein Potenzial, dass seinerzeit nahezu unendlich schien und mit Sicherheit die Entwicklung der späteren Konsolen nachhaltig beeinflusste. Und deswegen ist mein Geheimtipp kein bestimmtes Spiel, sondern der: Wer noch eine Xbox hat und es noch nicht getan hat – entfesselt sie! Moddet sie (oder lasst sie modden), nutzt ihr Potenzial und erlebt selbst, wie weit sie ihrer Zeit voraus war!


Die leistungsstärkste Konsole ihrer Generation
(von Spielkritik-Leser „HooliNerd“)

Die leistungsstärkste Konsole ihrer Generation. Im Vergleich hatte dieses System nicht sonderlich viele exklusive Titel. Persönlich kam ich etwas spät mit der Xbox in Berührung. Neben den Halo-Erlebnissen und -Schlachten waren für mich stets die IPs im neuen Gewand interessant: Besonders Shenmue II und Conker in etwas aufpolierter Grafik sind heute noch technisch gute Spiele. Oft wird außer Acht gelassen, dass die Xbox für einige Titel bereits eine HD-Auflösung in 16:9 bot (wenn auch die Spieleauswahl hierfür sehr begrenzt ist).

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Ich besitze den alten Xbox-Controller. Dieser ist wohl eines der unangenehmsten Steuerungsgeräte überhaupt. Mit der neuen Version hingegen wurde eines der angenehmsten Gamepads überhaupt geschaffen.

Die aktuelle Xbox assoziiere ich mit vielen Sportspielen. Das ist bei der klassischen Xbox nicht der Fall. Dennoch sehen viele Racing-Games der Generation auf keinem System besser aus als auf der klassischen Xbox. Nach wie vor bin ich immer wieder glücklich wenn ich einige Perlen für diese Konsole ergattern kann. Neben der PS2 und dem GameCube ist auch die Xbox ein wichtiger Vertreter ihrer Generation.


Nochmals herzlichen Dank an alle, die sich die Mühe gemacht haben, den Geburtstag der Xbox mit einem Gastkommentar zu zelebrieren und allen Lesern und auch mir diese merkwürdig stark in Vergessenheit geratene Konsole näher zu bringen! 🙂

Eigentlich hatte ich das gar nicht geplant, allerdings haben mir einige eurer Beiträge so gut gefallen, dass ich mich inspiriert sah, einen weiteren kurzen Kommentar zur Xbox niederzuschreiben und unsere Geburtstags-Aktion damit zugleich noch einmal Revue passieren zu lassen. Schaut deshalb morgen noch einmal vorbei, zum wirklich letzten Teil des Specials. Und in der Zwischenzeit: Habt ihr OutRun 2 gespielt? Eure Xbox gemodded? Und warum spricht eigentlich keiner von Ninja Gaiden? Der Kommentarbereich dürstet nach euren Einträgen! [sk]

Update: Den vierten und letzten Teil unseres Geburtstags-Specials könnt ihr nun HIER lesen.

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