„Are you really swallowing all that?“

Es geschieht mir nicht zum ersten Mal; ich habe mich mal wieder überarbeitet, bei strömenden Regen bis spät nach Mitternacht das Feld beackert, und nun ist mir sterbenselend am Morgen. Ein Glück, dass ich im Laufe der letzten Monate eine Liebschaft mit der Winzerstochter Karen begonnen habe! Die steht nun sorgenvoll an meinem Bett und reicht mir „hot honey wine with lemon and sugar“. Kaum dass ich das gehört habe, denk ich mir: So macht das Kranksein Spaß! Und ich hätte nichts dagegen, das Bett noch etwas länger zu hüten!

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Sicherlich ist mein Spieldurchlauf durch Harvest Moon 64 auch deshalb so alkoholgeschwängert, weil ich gerade Karen zu meiner Zukünftigen auserkoren habe. Die entstammt nicht nur einer Winzersfamilie und trinkt auch selbst sehr gern ein Gläschen: An den Abenden arbeitet sie als Aushilfe in der örtlichen Kneipe, sodass ich dort wohl sehr viel häufiger vorbeischaue, als ich das unter anderen Umständen getan hätte. Aber auch ohne diesen zusätzlichen Anreiz ergibt sich beim Besuch der Bar eine der ersten großen Versuchungen im Spiel. Die Karte stellt 5 Getränke zur Wahl: Wein, Likör, Bier, Milch und Wasser. Wer sich für Alkohol entscheidet, den bestärkt Bartender Duke in seiner Entscheidung: „See? Having a drink after work is fantastic!“ (nicht, dass ich dem widersprechen würde). Wer hingegen Milch oder Wasser ordert, bekommt ein verächtliches „Well, aren’t you the healthy one?“ zu hören.

Und auch sonst wird in Harvest Moon 64 gesoffen wann immer sich die Gelegenheit dazu ergibt: von der Beerdigung des Großvaters, um nicht so deprimiert zu sein, bis zu den unterschiedlichen Festivitäten, die meine Karen nur deshalb interessieren, weil sie Anlass zum Trinken bieten. Ein besonders edler, alter Wein, den man vom Barkeeper als Geschenk erhalten kann, trägt den verheißungsvollen Namen „Door(way) to Heaven“, und wer Karen Erdbeeren zum Geschenk macht, erfährt das Rezept für „Strawberry Champagne“. Ganz wie in The Legend of Zelda kann man auch in Harvest Moon 64 eine leere Flasche erwerben, die man mit Wasser füllen und sich so inmitten harter Feldarbeit erfrischen kann. Oder aber man schleicht sich in den Weinkeller der Winzerei und zapft sich einen lieblichen Rotwein, direkt aus dem Fass, hinein in die Flasche. Nach Herzenslust und kostenlos kann man dort so viel Alkohol trinken, wie man nur möchte.

Ernsthafte Konsequenzen hat man übrigens keine zu befürchten. In einer lustigen Animation läuft dem Charakter das Gesicht rot an und er schwankt schwummrig umher, aber drei Sekunden später ist auch schon wieder alles beim Alten. Egal was man auch trinkt, bis zur Benommenheit wird es nicht reichen; Schlägereien und andere Aktionen, die man hinterher bereuen könnte, sind in Flower Bud Village nicht zu haben. Da stellt sich die Frage, was bringt mir all die Sauferei? Zumal sie zumindest in der Bar nicht gerade günstig ist?

Der große Treibstoff zur Rotation um die eigene Achse

Letzten Endes läuft alles auf den ersten Tag des neuen Jahres, den 1. Frühlingstag hinaus: Die gesamte Landbevölkerung kommt auf dem Dorfplatz zusammen und gibt sich einem exzessiven Trinkgelage hin. Manch einer wird sagen, dass das vom realen Silvesterabend oder vom deutschen Karneval ja gar nicht so weit entfernt ist, aber Harvest Moon 64 macht sich gar nicht erst die Mühe, den Kern der Sache mit Feuerwerk oder Kostümen zu kaschieren. „Drinking Festival“ nennt sich der Spaß. Heute wird gesoffen, das ist alles.

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Konkret besagt der Brauch, dass, wann immer zwei Leute einander grüßen, diese beiden ein Gläschen miteinander zu trinken haben. Bezeichnenderweise haben nicht wenige Leute ihren Spaß daran, einem anderen mehr als einmal das Hallo anzubieten. Wer hier nicht trinkfest ist, muss noch wenigen Runden aufgeben und wird vom stärksten Mann des Dorfes nach Hause getragen. Wer allerdings das Jahr hindurch eifrig trainiert hat, der darf sich bis zum Schluss unters Volk mischen und exzessiv „socialisen“. Denn mit jedem Gläschen sammelt man kräftig Freundschaftspunkte beim jeweiligen Trinkkumpanen!

Mann um Mann und Frau um Frau (nur die kleinen Kinder fehlen) trinke ich die Leute der Reihe nach unter den Tisch (oder besser: ich sorge dafür, dass sie den Rückzug nach Hause antreten). Die einzelnen NPCs sind dem Alkohol dabei auf individuell unterschiedliche Art zugetan bzw. können unterschiedlich viel vertragen. Die fromme Bäckerstochter Elli erklärt etwa, dass sie eigentlich gar keinen Alkohol trinke – ihn allerdings zum Backen benutze. Also hinter damit! Als Obermotz unter den Intensivtrinkern entpuppt sich aber auch hier Karen: Während die meisten Leute nach dem zweiten Gläschen das Weite suchen, verträgt Karen davon gleich fünf oder sechs. Wer da mithalten kann, dem begegnet sie mit Respekt, dem ist ihre Liebe fast schon sicher.

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Selbstportrait mit Kater

Und siehe da: Nach zwei, drei Dutzend Gläsern mit allen, die sich noch auf den Beinen halten konnten, bin ich der Last Man Standing!

Nur, was hab ich nun davon? Ein schaler Nachgeschmack, ein mentaler Kater sozusagen, der macht sich in mir breit und ich fühle mich in meinem Triumph auf einmal furchtbar leer. Ich trank, bis keiner sonst mehr wollte, trank mich in die Einsamkeit und stehe nun allein inmitten des verlassenen Dorfplatzes. Wie so oft in Harvest Moon 64, so steckt auch in diesem Moment, hinter der knuffigen Knetmännchen-Optik, eine gutes Stückchen Wahrheit: Wer nicht weiß, wann Schluss ist, der steht schnell mal ganz allein frühmorgens auf dem Marktplatz und lallt Passanten an, unterdessen die Bekanntschaften vom letzten Abend längst in ihrem warmen Bett liegen.

In diesem Sinne: Prost!


Harvest Moon 64
Natsume / Victor Interactive 1999
Nintendo 64 (nur US und Japan), seit 2017 im europäischen WiiU-eShop

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