Farming like it’s 1999! Das Harvest Moon 64 Bauerntagebuch (I). Der 1. Tag.

Heute vor genau 20 Jahren kam das Nintendo 64 nach Europa.

Ebenfalls vor rund 20 Jahren gelangte zum ersten Mal ein Titel der Harvest-Moon-Reihe in den Westen: Harvest Moon erschien als eines der letzten Super-Nintendo-Spiele in den USA und etwas später auch in Europa (und wird von nicht wenigen noch immer als der charismatischste Teil der Reihe angesehen).

Natsume nimmt dieses Jubiläum zum Anlass, den hierzulande kaum bekannten zweiten Heimkonsolenableger der damals noch unverbrauchten Reihe – Harvest Moon 64 – erstmals auf die Virtual Console zu bringen – und damit zum ersten Mal überhaupt auch nach Europa, wo das Spiel nach dem 1999er US-Release, einer ersten Ankündigung und etlichen Verschiebungen letzten Endes nie erschienen war.

hm64cover

Ich habe dem Chicago von Watchdogs und dem Shibuya von Tokyo Mirage Sessions den Rücken gekehrt, den langsamen Zug nach Flower Bud Village bestiegen und mich in ein nostalgisches Bauerndasein gestürzt, das ich bisher nur aus weniger offiziellen Formen der Emulation kannte…


Der Frühling des ersten Jahres.

1. Tag

Heute bin ich einem kargen, düsteren Zimmer aufgewacht: das einzige Zimmer im Haus meines verstorbenen Großvaters. Einen Moment lang frage ich mich, was ich mir dabei gedacht habe, dem Glitzer und der Erregtheit der Großstadt zu entsagen, um hier im Nirgendwo Äcker zu bestellen und Kühe zu melken. Ist es Nostalgie? Erinnerungen an eine sorgenfreie Kindheit, als ich, zuletzt vor 15 Jahren, hier ausgeholfen habe? Nun bin ich beinahe 30 und wie es scheint, sehne mich nach dem einfachen, rückständigen Leben auf dem Dorf und nach der Möglichkeit, noch einmal meine eigene Stärke zu spüren, noch einmal eine Landschaft zu erkunden, die nicht von der Bequemlichkeit ihrer Bewohner erdrückt wird. Ohne mein Smartphone, auf das meine Freunde mir die belanglosesten Kleinigkeiten simsen, ohne die App, mit der ich das Fahrzeug meiner Wünsche direkt vor den Gehsteig ordern kann… In diesem Winkel der Welt, in Flower Bud Village, würde mein Smartphone nicht funktionieren.

Das dunkle, müde Holz der Hütte wirkt wie aus einem vergangenen Jahrhundert, und das ist es schließlich auch. Ich wundere mich, wieso mein Großvater so wenige Dinge besessen hat? War es schiere Armut, die ihm diese Restriktionen auferlegte, oder hat er sich aus allem, was er nicht unbedingt zum Leben brauchte, einfach nichts gemacht? Bis auf das Bett, einen kleinen Tisch und eine geräumige Werkzeugkiste ist das Haus beinahe leer. Den aktuellen Kalender habe ich selbst an die Wand angehängt, um am Rande der Zivilisation nicht mein Zeitgefühl zu verlieren. Der einzige Gegenstand, der aus dem Rahmen fällt, ist der zwar 20 Jahre alte, aber ungewöhnlich große Fernseher. Konnte mein Großvater schlecht sehen? Ich vermute, ein Freund, der das Gerät nicht mehr benötigte, könnte es ihm geschenkt haben. Es gibt es nicht viel zu sehen: Drei Lokalsender, die über das Wetter und anstehende Festivitäten berichten und Landwirten hilfreiche Tipps versprechen… Ich denke, ich bekomme das auch so hin.

Ich verlasse das Haus, das fortan mir gehört, aber doch noch nicht das meine ist – und staune nicht schlecht, als der Bürgermeister der kleinen Gemeinde vor meiner Tür steht: Er möchte mich gern durchs Dorf führen. Gleichgültig nehme ich die Einladung an. Auf unserem Weg durchs Ortszentrum begegnen wir einigen Leuten, aber ich komme mir ein wenig überrumpelt vor und kann nicht alles, was ich sehe, auch behalten. Nach dem Mittag kehre ich zurück auf die Farm. Fünfzehn Jahre nach meinem letzten Besuch weiß ich kaum, wo ich beginnen soll. Planlos stürze ich mich in die Arbeit und beginne damit, das Feld zu bestellen. Die Benutzung der Werkzeuge erscheint mir ungewohnt nach so langer Zeit und anfangs mache ich allerhand Fehler und vergeude meine Energie. Dennoch habe ich es bei Sonnenuntergang geschafft, einen kleinen Teil des Grundstücks von Unkraut und Geröll zu befreien. Ein Anfang ist gemacht!

Ich beschließe, zur Feier meines neuen Lebens den nahegelegenen Moon Mountain zu erklimmen. Den Mondberg also. Einen Berg mit diesem Namen gab es auch in Kanto, wo ich vor langer Zeit eine Reise hin unternommen hatte. Den Weg zum Berg hat mir der Bürgermeister am Morgen bereits gezeigt, ansonsten hätte ich ihn in der einbrechenden Dunkelheit wohl auch nicht gefunden. Nachdem ich den Moon Mountain bis auf halbe Höhe bestiegen habe, stelle ich fest, dass es nicht weitergeht: In meiner Erinnerung hatte sich hier eine Brücke befunden, welche die vor mir liegende Schlucht überquert und einen Weg zum Berggipfel eröffnet hatte. Hat mich die Erinnerung getäuscht? Alles, was ich vor mir sehe, ist ein Abgrund, dunkel und bedrohlich unter dem ursprünglichen Nachthimmel, der von keinem Fitzelchen Lichtsmog erhellt wird. Ein klein wenig enttäuscht laufe ich zurück zur Farm und stelle fest, dass es trotz allem schon nach Mitternacht ist… Die Zeit steht nicht still, auch nicht hier auf dem Lande.

Die weiteren Schritte meines Bauerndaseins lest ihr morgen.

Update: Alle weiteren Teile des Tagebuchs erreicht ihr unter diesem Link.


Harvest Moon 64 ist ein tolles Abschiedsgeschenk für den WiiU-eShop, mit dem wohl kaum irgendwer noch gerechnet hätte. Es kostet 9,99 Euro und belegt nicht mehr als 100 MB des Speichers. Im Vergleich mit späteren Serienteilen ist das Gameplay weniger komplex aber auch ausgewogener. Landwirtschafts-Puristen dürfen sich über „Realismus“ ohne Monster freuen, die technische Umsetzung war aber auch schon für N64-Verhältnisse unterdurchschnittlich. Für mich, alles in allem, eine der kurzweiligsten und rundesten Episoden der Reihe. Eine Wertschätzung der unerwarteten Veröffentlichung in Form eines Downloads sei hiermit wärmstens empfohlen. [sk]

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6 Antworten

  1. Hach, Harvest Moon. Die N64-Fassung kenne ich zwar nicht, aber pre-Rune Story sind die sich doch alle irgendwie ähnlich und was habe ich Zeit mit Back to Nature und Friends of Mineral Town verbracht. Dein Text weckt vor allem eines: Riesige Schübe Nostalgie. Schön, dass dieses alte Gefühl auf der VC wieder zu kriegen ist. Schade aber weiterhin, wie ich schon öfter lamentiert habe, dass es die GBA-Teile einfach nicht auf den 3DS schaffen!

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    1. Back to Nature war ja die direkte Fortsetzung von HM64 und ist ihm damit einerseits recht ähnlich und setzt andererseits noch einmal einen drauf. Mein Einstieg in die Reihe war Harvest Moon 2 GBC, was in Japan auch erst nach HM64 rauskam und entsprechende Neuerungen mitbringt (zB ziemlich motivierendes Fische- und Insektensammeln). Allerdings gefielen mir die Spielwelt und die Interaktionen zwischen den Figuren nicht so gut wie bei HM64 – und ich hab es nie hingekriegt, zu heiraten.

      Das SNES-Original hab ich auch erst durch die Wii-VC kennenlernen dürfen. Mein persönlicher Bruch mit der Reihe geschah mit A Wonderful Life auf dem GameCube: wirkte vor Release wie ein Traum! War dann nach kurzer Zeit aber die pure Langeweile, erforderte ein wahnsinniges Zeitpensum und war voller Design- und Programmierfehler. Und die Übersetzung… Magical Melody schien dann wieder vieles besser zu machen und ich konnte es kaum erwarten, es zu spielen, doch der Alptraum sollte sich wiederholen: Unzählige Verschiebungen und letztlich kein Release in Europa.
      Erst der Wii-Port kam dann auch zu uns, wirkte auf mich aber sehr dubios, und es half auch nicht gerade, dass die erste echte Wii-Episode zu dem Zeitpunkt schon in Japan erhältlich war.

      Ich gebe dir vollkommen Recht, was die (wohl sehr guten) GBA-Teile angeht und erweitere die Kritik auf die WiiU VC: In den USA ist Friends of Mineral Town nämlich seit fast zwei Jahren im eShop erhältlich! Ich hatte mich direkt drauf gefreut, dieses herausragende HM endlich auch zu spielen, aber wieder einmal ließ und lässt der EUR-Release auf sich warten.
      Umso überraschender war es dann, als Natsume das nie zuvor hier erschienene HM64 aus heiterem Himmel ankündigte.

      Soviel zu meiner Geschichte des Hoffens und Wartens – mit Happy End, immerhin. 😉

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      1. Auch ein Release im Wii U-eShop würde mir nicht genügen. Natürlich weil ich keine habe; aber selbst wenn, fände ich es eine Frechheit, die Spiele, die technisch problemlos auf dem Handheld funktionieren würden, auf die teurere, kaum verkaufte Heimkonsole zu beschränken. Zumal die 3DS Ambassadors schon zu Release des 3DS ~20 GBA Titel bekommen haben, die bis heute nicht öffentlich sind.
        An A Wonderful Life habe ich komischerweise sehr gute Erinnerungen, obwohl es nicht viele Qualitäten von HM im allgemeinen teilt. Das habe ich damals auf der PS2 in der Special Edition besessen. Die Alterungsmechanik, die Erntegöttin, den Aufbau des Dorfes mit in meiner Erinnerung sehr lebhaften Charakteren…Das habe ich alles geliebt. Der Pflanz-Aspekt war zwar sehr zurück gefähren, umso mehr Details steckten aber in der Tierpflege. In der SE konnte man sogar bei einer seltsamen Topfpflanze Saatgutarten kreuzen! Irgendwie gab mir dieses Spiel immer ein besonderes Gefühl der Freiheit, obwohl es realistisch gesehen ziemlich eingeschränkt war.

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        1. Hmm, großes Potential sah ich in A Wonderful Life auch, und ich hab mir auch viel Mühe gegeben, das Spiel zu mögen. Allerdings zogen sich die Tage immer so sehr in die Länge, und ich wusste nicht, was ich tun sollte, als die immer gleichen Gespräche erneut zu führen, auf minimale Gewinne zu warten… Da ist Harvest Moon 64, so limitiert und primitiv das Spiel auch erscheint, irgendwie deutlich dynamischer. Da geschehen ständig so kleine Überraschungen. Und ich muss mich auch nicht fragen: Wie schlag ich jetzt die Zeit tot? Sondern: Was stelle ich mit der kurzen, mir zur Verfügung stehenden Zeit an? Damit auch ein Spiel, das man durchaus ein zweites, drittes Mal durchspielen kann…
          Bei A Wonderful Life hab ich irgendwann im zweiten Spielabschnitt aufgehört, weil alles so lang dauerte und ich nicht das Gefühl hatte, irgendwie voranzukommen. Ich wollte schon gern sehen, wie sich die Handlung und das Dorf weiter entwickeln… Aber letztlich gehörte es zu den ganz wenigen Spielen, die ich tatsächlich iweder verkauft habe. Deinen Punkt bzgl. der Freiheit verstehe ich aber. Man konnte da schon herumexperimentieren, und dass Farm und Dorf ein gemeinsames Areal bildeten und nicht durch einen Blackscreen getrennt waren, trug sicherlich auch dazu bei. Andererseits hätte die Grafik womöglich schöner aussehen können, hätte man die Areale derart separiert.

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