[#52 Games] Thema 31: Spiel im Spiel

„Spiel im Spiel“ ist das Thema der aktuellen Ausgabe von #52Games, einer Aktion der Kollegen des Zockwork Orange, bei der es darum geht, einen Artikel zu einem vorgegebenen Stichwort zu verfassen. hqdefault-1

Für die volle multimediale Dröhnung sei zunächst dazu aufgerufen, diesen Artikel mit dem Genuss der folgenden Musik zu begleiten. Danke.

Mein liebstes „Spiel im Spiel“ ist ein ideales Trink- und Partyspiel, ein Game, das absolute Neueinsteiger auch um drei in der Nacht noch kapieren, wenn die andere Hälfte schon unter dem Tisch liegt. Ein Spiel, das auf die karge Ästhetik simulierter Vektorgrafiken setzt und dessen Soundtrack vernünftige Menschen in den Wahnsinn treiben kann. Eine der besten Multiplayer-Erfahrungen auf dem an starken Multiplayertiteln reichen GameCube (aber auch auf PS2 und XBox). Ein Spiel, das den verheißungsvollen Namen Anaconda trägt!

Besagtes Anaconda ist ein Bonus-Game in Free Radicals Kult-Shooter TimeSplitters 2 und ist im Kern nichts anderes als Snake. Ich weiß nicht, ob die Jüngeren unter euch das überhaupt noch kennen, Snake? Es war einmal, bevor es Smartphones gab, da fand sich das auf vielen Handys. Und bevor wir Handys hatten, da hatten wir diese primitiven, billigen LCD-Konsolen mit achtundfuffzighundertzwölfundvierzig integrierten Spielen, und diese Konsolen hatten Bildschirme, die anstelle echter Pixel nur so komische Punkte und Linie kannten. Ist aber nicht weiter wichtig. Anaconda ist also Snake, mit stufenloser Bewegungsfreiheit allerdings, und mit bis zu vier Spielern.

Darin liegt der Reiz von Anaconda, im Multiplayer. Weil das Spielfeld keine Hindernisse kennt, mit Ausnahme der undurchdringlichen Außengrenzen, erwartet euch der Tod vor allem in Gestalt der mit fortgesetzter Nahrungsaufnahme immer länger werdenden Schlangenkörper. Spielt man allein, stellt sich eine Herausforderung erst spät ein. Nämlich dann, wenn der Körper eurer Schlange so lang geworden ist, dass er selbst zum Hindernis und somit zur größten Gefahr wird. Bei mehreren Leuten ist das anders, da die Spieler hier tatkräftig versuchen können, ihren Kontrahenten den Weg abzuschneiden. Der mit gehaltenem A-Button zugeschaltete Extraspeed sorgt dabei für die nötige Spieltiefe und ermöglicht kühne Manöver, die nicht selten in den eigenen Tod münden. Wenn die Köpfe zweier Schlangen aus entgegengesetzten Richtungen auf einen Batzen Nahrung und damit aufeinander zurasen – und am Ende beide draufgehen, weil niemand nachgeben und abdrehen wollte – oder wenn beide abdrehen, und keiner die Nahrung bekommt…! Kann man sich wohl vorstellen.

Das hier eingebettete Video für das Multiplayergeschehen nicht unbedingt repräsentativ, da die Leute dort offensichtlich auf Highscore spielen und bewusst darauf verzichen, sich gegenseitigen zu behindern.

Lustige Unfälle geschehen auch dann, wenn die eigene Schlange am Schwanzende eines Mitspielers entlang schlängelt und der Körper des Kontrahenten gerade in diesem Moment anwächst (womöglich noch ganz unverhofft, weil ihm irgendein unkontrolliert durch die Gegend schießendes Stück Nahrung in den Mund geflogen kam) und man ihm infolgedessen mit aller Wucht ins Hinterteil kracht.

Und mit diesen Eindrücken überlasse ich alle weiteren spielbegleitenden Mehrdeutigkeiten der Fantasie meiner Leser.

Encore: RetroRacer und AstroLander

Besonders klasse fand ich immer, wie kreativ und liebevoll Anaconda in TimeSplitters 2 eingebettet ist: Man schaltet das Spiel nicht einfach irgendwie frei, sondern muss es in Gestalt eines Nintendo-typischen Plastikspielmoduls in einer der Missionen aufsammeln. Hat man das getan, ist Anaconda zwar dauerhaft freigeschaltet, aber einfach im Menü auswählen und starten ist auch nicht drin. Stattdessen müsst ihr einer beliebige Storymission den „Temporal Uplink“ auswählen, eine Gerätschaft, die den Tricordern aus Star Trek ganz frappierend ähnelt und deren Hauptfunktion ansonsten in der Darstellung einer Levelkarte besteht. Mit einem Druck auf den B-Button schaltet ihr in den Gaming-Modus: Die Kamera zoomt auf den Bildschirm des Uplink-Gerätes und es erscheint ein Menü, das euch aus bis zu drei Bonus-Games auswählen lässt.

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Neben Anaconda sind nämlich noch zwei weitere Pseudo-Arcade-Games in TimeSplitters 2 versteckt; allerdings sind die nicht leicht zu bekommen. Kann man Anaconda bereits im ersten Level auf dem leichtesten Schwierigkeitsgrad einsammeln, muss man für AstroLander auf Normal spielen und etwas weiter in der Story fortgeschritten sein. Aber auch das lohnt sich: AstroLander ist seines Zeichens ein einwandfreier Klon von Ataris 1979er Arcade-Klassiker Lunar Lander. Es gilt, durch gefühlvolles Kontrollieren der Antriebsdüsen und im Kampf gegen die Schwerkraft und begrenzte Treibstoffreserven, eine Raumfähre möglichst schnell, exakt und sanft auf einer Planetenoberfläche zu landen. Ein reines Single-Player-Game, aber außerordentlich spannend und herausfordernd.

Das letzte Spiel im Bunde nennt sich RetroRacer und darf wiederum im Multiplayer gespielt werden. Allerdings bedarf es des Erfolges in der vorletzten Storymission auf dem höchsten aller Schwierigkeitsgrade, um dieses kleine Rennspiel einsammeln zu können. Um besagte Mission auch nur beginnen zu dürfen, müssen alle vorangehenden Missionen ebenfalls auf Hard abgeschlossen worden sein. Ich persönlich habe Zeit meines Lebens nie auch nur die erste Mission auf diesem Schwierigkeitsgrad geschafft (und das, obwohl ich behaupten darf, alle Missionen in Perfect Dark, dem geistigen Vorgänger von TimeSplitters 2, auf dem Hard-Äquivalent Perfect Agent abgeschlossen zu haben). In Vorbereitung dieses Artikels habe ich das mysteriöse RetroRacer schließlich auf Youtube sehen dürfen, wo es relativ belanglos ausschaut… Allerdings scheint der Reiz auch hier eher im Verborgenen und in den Untiefen seiner so einfachen wie schwer zu meisternden Steuerung zu liegen.

Leider bot Future Perfect, die Fortsetzung von TimeSplitters 2 keine solchen Bonusspiele mehr. Mit Sicherheit ist auch das ein Grund, warum ich damit nie den selben Spaß hatte.

Ihr dürft die Musik nun wieder abstellen. Ihr werdet sie heute ohnehin nicht wieder los.

TimeSplitters 2
Free Radical / Eidos 2002
Directors, Producers: Stephen Ellis & David Doak
GameCube, PlayStation 2, XBox

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