GASTSPIELER: Von Spieleberatern und Co-Piloten

Ein Gastbeitrag von Patrick Pohsberg
Mehr zum GASTSPIELER Special erfahrt ihr hier.

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Ich weiß, es ist schwer zu glauben, aber es gab mal eine Zeit in der Spiele relativ schwer waren und man nicht einfach ins Internet gehen und sich auf Youtube einen Walkthrough anschauen konnte. So schwer, die letzten Level eines Spiels nur den besten hartnäckigsten aller Spielern vorzuenthalten. So schwer, Nintendo dazu zu veranlassen, neben den üblichen Anleitungsheftchen, in denen primär die Funktionsweise des Spiels erklärt wird, auch noch die sogenannten Spieleberater zu veröffentlichen.

In Zeiten ohne Internet und dem Videospieljournalismus noch in seinen Kinderschuhen, waren Spieleberater neben dem nicht immer ganz verlässlichen Austausch auf dem Schulhof eine solide Quelle für Tipps und Tricks zum Lösen meiner Lieblingsspiele. Da ich damals™ nur ziemlich begrenzten Zugriff auf unseren (Super) Nintendo hatte, verbrachte ich in meiner Kindheit viele Stunden abseits des Fernsehers damit, diese meist um die 80-seitigen Bücher zu studieren.

Anfangs natürlich um für meine nächste Spielsession vorzuarbeiten und die neuesten Kniffe ausprobieren zu können. Etliche Male blätterte ich den Berater zu den ersten drei Super Mario Bros. durch, bis ich endlich in der Lage war, bis in Welt 8 zu kommen und Bowser in den Allerwertesten zu treten. Die Möglichkeit, jede einzelne geheime Münze, alle Warpzones und jegliche versteckten Items in handgemalten(!) Komplettansichten eines jeden Levels direkt nachschlagen zu können ist ein Luxus, den wir in Zeiten des Internets überhaupt nicht mehr zu schätzen wissen.

Da ich Anfang der 90er noch viel gemeinsam mit meinem älteren Bruder gespielt habe, ergab sich neben dem typischen „Controller abgeben wenn ein Level geschafft oder Mario gestorben ist“ für mich auch immer wieder die Rolle des Co-Piloten. Während er spielte, hatte ich den Spieleberater zur Hand, konnte stets hilfreiche Tipps geben und das Spiel quasi als Kommentator voran bringen. Das war für mich seiner Zeit fast genau so spaßig wie selbst zu spielen.

Teilweise kam es auch vor, dass ich den titelübergreifenden NES-Spieleberater einfach durchblätterte und mir Spiele ausguckte, die interessant aussahen, einfach, weil es so coole Tricks gab. Rückblickend irgendwie bescheuert, besonders im Hinblick auf die meist sehr werblichen Texte in den redaktionellen Veröffentlichungen Nintendos. Aber das sei dem Kindheitsmoep0r verziehen, er konnte es ja nicht wissen.

Die bekanntesten Spieleberater dürften allerdings nicht die von den Super Mario Bros. sein, sondern die der großen Rollenspiele auf dem Super Nintendo: Secret of Mana, Secret of Evermore, Terranigma, Mystic Quest, Illusion of Time und Lufia. Aufgrund der Größe der Bücher gab es sogenannte Big-Box-Releases dieser Spiele, welche mittlerweile für stolze Preise bei eBay erhältlich sind. Ein Komplettpaket mit Spiel, Big Box (Karton) und Spieleberater kostet Sammler je nach Spiel auch heute noch dreistellige Beträge.

Im Gegensatz zu den lösungsfokussierten Beratern zu den Jump ’n Run-Titeln boten die Berater der SNES-Ära neben Tipps zum Lösen des Spiels auch viele interessante Hintergrundinfos zur Story und tolle Artworks. Da die besagten SNES-RPGs in der Regel leider nur Singleplayer anboten, las ich in meiner Zeit als Co-Pilot natürlich auch immer wieder die entsprechenden Spieleberater zu diesen Titeln.

Ich bin bis heute überrascht, wie viel mehr dem Spieler durch die Illustrationen und textlichen Ausführungen gegeben wird. Wo auf dem Bildschirm ein Pixelhaufen unter Umständen ganz vielleicht ein wenig darauf hindeutet, ein Drache zu sein, wird durch Beschreibung und Artwork zu einem Charakter mit Namen und manchmal sogar einer Hintergrundgeschichte.

Leider sind die Spieleberater in der Regel nur noch bei eBay erhältlich und so kommen wohl die meisten Spieler der jüngeren Generationen trotz bester Intentionen nur noch selten in den gesamten Geschmack dessen, was die Rollenspiele der goldenen Zeit Mitte der 1990er Jahre zu bieten hatten.


Der Autor: ihcu75w-e1479124276527-300x289

Patrick Pohsberg (@moep0r)
Schreibt auf OMGWTFBBQ1337.de sowie für Zockwork Orange und den CineStar.de-Blog.

Patrick ist Vielspieler, Filmenthusiast und Internetmensch. Er trägt gern Bart und trinkt gern Bier. Seit dem NES Classic sitzt er wieder täglich mehrere Stunden auf dem Wohnzimmerfußboden und spielt „noch 5 Minuten“ Nintendo. Wie vor 25 Jahren. Auf OMGWTFBBQ1337.de bloggt der Bielefelder vor allem über Filme – und das seit fast zehn Jahren. Freunde klassischer J-RPGs sollten sich auch seinen kooperativen „Frühstückszock“ nicht entgehen lassen: Live von 6 bis 7 streamt Patrick seine frühmorgendlichen Streifzüge, die Spätaufsteher auch zu allen anderen Tageszeiten nachverfolgen können.

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8 Antworten

  1. Vielen Dank für diesen interessanten Artikel Patrick.

    Du hast vollkommen recht. Die Spieleberater sind weit mehr als reine Lösungsbücher. Sie sind oft eine mediale Ergänzung des Erlebnisses „Videospiel“ gewesen und haben durch ihre Inhalte / Aufmachtung zum Gesamtkunstwerk beigetragen. In der frühen Konsolenzeit (Anfang der 1980er Jahre) hatte Activision damit begonnen, Tips & Tricks in die Anleitungen der Spielmodule zu schreiben. Dies waren ebenfalls „kleine Spieleberater“, die spätere Spieleberaterbücher im Mini-Format vorweggenommen haben.

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  2. Ist vermutlich nicht beabsichtigt, aber beim Lesen könnte man fast denken, dass es heute keine Lösungsbücher mehr gibt, dabei sind die ja eigentlich nie ausgestorben. Man kann natürlich darüber streiten, ob man die wirklich braucht, aber ne schöne Lektüre sind sie eigentlich immer und auf jeden Fall interessanter als einfach nen Text-Guide bei Gamefaqs zu lesen oder ein YT-Video zu schauen.

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  3. Dieser Artikel weckt viele Erinnerungen, verbrachte auch ich ausgesprochen viel Zeit damit, in den schönen Spieleberatern der angesprochenen SNES-RPG-Riege herum zu blättern. Kurioserweise besaß ich in der SNES-Ära selbst keinen der entsprechenden Titel und war so auf das Ausleihen von Freunden oder aus der Videothek angewiesen. Wobei gerade bei letzterer die Spieleberater eine seltsame Neigung zum Verschwinden hatten.
    Damals wusste man glücklicherweise noch nicht, dass die Existenz der beigelegten Spieleberater auf den Umstand zurückzuführen war, dass die Entwickler die Westler für zu dumm für ihre Spiele hielten.

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  4. Hach. Sentimentalität. Und das jetzt auch noch bei einer melancholischen ersten rieselnden Schneedecke draußen:) Danke – Patrick!Apropos Spieleberater: Da ich gerade endlich einmal wieder in Atkatla abhänge habe ich doch tatsächlich noch das alte Handbuch von Baldur´s Gate II (die alte Ausgabe mit den 5 CDs :D) wieder entstaubt – ein Schmuckstück. Und ähnlich wie bei den Spieleberatern: Eine Schande, dass die Handbücher mit der Zeit immer dünner und schließlich – in Zeiten von Steam etc. – ganz entschwunden sind…
    Hach.

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    1. Das Verschwinden der gedruckten Handbücher. Elektronische Spielanleitungen. In-game Tutorials…! Ein unheimlich spannendes Thema, finde ich. Gibt es dazu irgendwelche Artikel?

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  5. Ich besitze, obwohl vor allem auf Nintendo-Konsolen daheim, nur genau zwei Spieleberater. Das mag auch daran liegen, dass ich nie ein SNES hatte. Genau wie die alten Club Nintendo Hefte, die „vor meiner Zeit“ erschienen sind, haben mich auch die Spieleberater der Vor-N64-Zeit schon immer interessiert… Vielen Dank für den Artikel! Für die nächste Spielesession vorarbeiten, Co-Pilot sein…, wirklich faszinierend. 😀

    Mein erster Berater war dann der zu Link’s Awakening. Ich hab einfach nicht kapiert, wie ich den Endboss im zweiten Dungeon besiegen soll. Eigentlich war es gar nicht so schwierig… Aber Internet hatte ich noch lange nicht, und es war mein erstes Zelda und vermutlich auch mein erstes so komplexes Spiel generell.
    Nachdem ich den Spielberater dann hatte, hab ich praktisch das gesamte Spiel unter Anleitung gespielt und darf sagen, dass das mein Spielerlebnis in keiner Weise beschädigt, sondern – wie Patrick schon angedeutet hat – enorm bereichert hat! Leider habe ich den Spieleberater gerade nicht zur Hand, aber die abenteuerlichen Texte und die wunderschönen, düsteren Artworks, die es kaum irgendwo sonst zu sehen gab, haben mich wie ein gutes Buch mitgerissen. Eine multimediale Erfahrung könnte man sagen. Der Berater lieferte die Handlung und die „enhanced visuals“, und das Modul den Sound und das Gameplay dazu. 😉

    Mein anderer Berater war dann, viel später, der zu Pokemon Stadium auf dem N64. Auch sehr nützlich.
    Und wenig später war die Zeit der Spieleberater dann auch schon vorbei. Welches war eigentlich der Letzte? Auf dem GameCube gab es zumindest keinen mehr. Bei Zelda Wind Waker hatte ich dann meinen ersten Kontakt mit einem lizenzierten Drittprodukt, von Piggyback, glaube ich. Und was soll ich sagen… Das Buch verrät gewiss alle Secrets, lässt keine Fragen offen, ist bestens strukturiert, etc. pp. Aber eben auch nur das. Ein simples Lösungbuch, das all das vermissen lässt, was den Link’s Awakening Berater einst ausgezeichnet hatte.
    Plötzlich wurde ich mit „Sie“ angesprochen, tun Sie dies, tun Sie das. Humor und Spannung gab es nirgendwo, so manche Online-FAQs lesen sich spritziger.
    Beim Nintendo-Spieleberater wurden Links Abenteuer hingegen in der dritten Person erzählt, sodass ich stets das Gefühl hatte, einen Roman zu lesen, oder als Gefährte an Links Seite zu reisen. Nie hatte ich das Gefühl, Instruktionen zu erhalten.
    Ich vermute, dass war bei den SNES-RPG-Beratern ähnlich?

    Mich würde mal interessieren, ob oder in welchem Umfang die hierzulande erhältlichen Spieleberater Eigenentwicklungen von Nintendo of Europe, oder Übersetzungen, oder, oder sind? Weiß da jemand näheres? Zu Spielen wie Lufia oder Terranigma gab es in den 90ern auch Guides in den Club Nintendo Magazinen, die meist den Spielbeginn beschrieben und dann irgendwann aufhörten. Da ich selbst keinen Spieleberater zum Vergleich heranziehen kann, frage ich mich: Waren das wiederum Auszüge aus den Spieleberatern, Adaptionen, komplett neue Texte?

    Ebenfalls würde mich interessieren, wo eigentlich die ziemlich unorthodoxe Bezeichnung Spieleberater herrührt? Wenn es schon zu Super Mario Bros. solche Berater gab – das wusste ich gar nicht! – dann stammt der Begriff wohl aus NES-Zeiten? „Berater“, schon seltam. Evtl. eine ungewöhnliche Übersetzung von „game guide“? Und „Spiele“, im Plural, obwohl die meisten dieser Hefte doch nur ein Spiel behandelten…

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  6. Lange ist es her, aber schön war die Zeit 😀

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