Der fünfzigste Beitrag bei Spielkritik.
Part I:
Bayonetta from Mars
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Der Planet mit dem sagenhaften Namen Öde ist ein wüstes Land – „hier ist kein Wasser sondern nur Fels, Fels und kein Wasser und die sandige Straße“, um es mit Eliot zu sagen – und Vanessa Schneider ist der Kontrapunkt: ein singulärer fruchtbarer Organismus im Angesicht einer Phalanx stahlgrauer Maschinen, unter denen selbst die Endgegner Produkte der Massenfertigung sind: effizient, rein funktional, in Unkenntnis einer Ästhetik oder Ideologie. Ihre floralen, femininen Namen sind reine Ironie – Löwenzahn, Alraune, Orchidee. Identitätslose Industrieroboter, ihre alleinige Existenzgrundlage die Aufrechterhaltung des Equilibriums zwischen ihnen und ihrer antiseptischen Umwelt, welches eine schamlose Invasorin zu beschmutzen sich traut: Vanessa Schneider tanzt; und die Hölle bricht los.

Das unbestrittene Gravitationszentrum von P.N.03 ist seine Protagonistin, die das Geschehen ebenso entschieden und mit der gleichen aufsehenerregenden Artistik dominiert, wie ihre Schwester im Geiste, Bayonetta, ihren Kampf gegen die Heerscharen des Himmels. In den sterilen Räumlichkeiten gigantischer Forschungs- oder Industriekomplexe – Areale, die augenscheinlich sich selbst genügen, die keine andere Funktion offenbaren, als Umgebung zu sein – erscheint Vanessa als invasiver Bioorganismus, ein singulärer, unberechenbarer Funke Leben, der sich anschickt die abgestandene Luft in Schwingung zu versetzen, und das öde Land mit Donnergrollen wachzurütteln.

My body knows unheard-of songs. Time and again I, too, have felt so full of luminous torrents that I could burst – burst with forms much more beautiful than those which are put up in frames and sold for a stinking fortune.

Hélène Cixous, „The Laugh of the Medusa“ (1976)

Die notwendige Feuerkraft wohnt der Heldin bereits inne, auf phallische Schießeisen ist Vanessa nicht angewiesen. Und wenn auch die Abwesenheit der letztgenannten angeblich nur darauf zurückzuführen sei, dass den Entwicklern nicht ausreichend Zeit blieb, um die notwendigen Animationen fertig zu stellen, so verleiht gerade das Vanessas Kampfstil seinen individuellen, körperbetonten Charakter, den man aus dem Hack-and-Slay-Genre kennt, aber kaum aus Shootern. Die Bewegungsabläufe formalisiert, sich der unbedingten, der physischen wie intellektuellen, der ästhetischen Überlegenheit des weiblichen Körpers über die bloße Funktionalität der Feindsysteme bewusst, zelebriert Vanessa Schneider ihren so mühelosen wie zerstörerischen Feuertanz durch monotone Gegnerwellen. Die Action gipfelt in einer Reihe von Special-Moves – fette Energieeruptionen, die Vanessas klinisch-weiße Umwelt für Sekunden mit Sturzbächen aus Farbe fluten.

Ein höheres Ideal als Effizienz ist der Heldin die Wahrung der Form: Vanessa kämpft mit großer Geste, lässt die Hüften kreisen und agiert auch ohne die Fähigkeit zum Nahkampf mit dem vollem Einsatz ihres Körpers. Offensive und Defensive sind streng voneinander getrennt; das Ergebnis ist ein beständiges Wechselspiel zwischen todbringenden Energiestößen, wie sie Vanessa im wahrsten Wortsinn aus dem Ärmel schüttelt, und expressiven Ausweichmanövern – Pirouetten drehend und Räder schlagend entzieht sie sich Lasersalven und wärmesuchenden Raketen.

In spielmechanischer Hinsicht ist es gerade dieses streng formalisierte, nicht so sehr dynamische oder reaktionsbasierte, als vielmehr strategische Wechselspiel, das P.N.03 von anderen Actiontiteln – auch von Bayonetta oder Sin & Punishment – unterscheidet, obschon die Vorstellung einer Kreuzung aus den gerade genannten Spielen dem Kern der Spielmechanik von P.N.03 ziemlich nahe kommt. Ein anderer Vergleich, der sich anbietet, ist der mit dem XBox-360-Shooter Vanquish. Doch der Reihe nach: Um P.N.03 einen Platz in der Videospielhistorie zuweisen zu können, müssen wir an einen Moment zurückkehren, der den Beginn markiert von einigen der auf lange Sicht einflussreichsten Entwicklungen in den letzten 15 Jahren japanischer Videospielgeschichte.

Einen kleinen, spielhistorischen Exkurs zu den so genannten Capcom Five könnt ihr HIER lesen. Der zweite Teil der P.N.03-Kritik erwartet euch in wenigen Tagen.

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