„In diesem Herbst werdet Ihr eine andere, eine neue Welt betreten: die faszinierende Pokémon-Welt!“ (Pokémon Rot/Blau, Thomas Rinke; Club Nintendo Magazin, Ausgabe 3/99)

Ergänzend zum großen Club Nintendo Feature stelle ich in unregelmäßigen Abständen einige der besten und interessantesten Artikel vor, aussagekräftige Scans aus den klassischen Heften inklusive. Diesmal: Die Anfänge von Pokémon in Deutschland.

In gut zwei Wochen feiern die Rote und die Blaue Edition von Pokémon ihren siebzehnten europäischen Geburtstag. Ganze siebzehn Jahre – das zeigt, wie schnell die Zeit vergeht, und wäre dennoch keine besondere Erwähnung wert, wären Pokémon nicht seit diesem Sommer im Gespräch wie schon lange nicht mehr. Während die im November kommenden 3DS-Episoden „Sonne und Mond“ vor allem solche Spieler ansprechen dürften, die mit der Serie schon vertraut sind, verdankt sich der ungeahnte Erfolg des Mobile-Releases „Pokémon Go“ ganz entscheidend den Erstkontakten – Neueinsteiger, Jung und Alt, die nie zuvor einen Pokémon-Titel gespielt hatten.

„Der Pokédex – da werden Sie geholfen!“

Der Erfolg der Roten und der Blauen Edition im Jahre 1999 war keine Selbstverständlichkeit und war von Nintendo von langer Hand vorbereiten worden. Es gab den Anime im Fernsehen, es gab Sonderhefte, Promotiontouren, und noch einiges mehr – und natürlich gab es Artikel im offiziellen Club Nintendo Magazin. Nintendo war bemüht, schon lange vor dem Release einen multimedialen Hype aufzubauen, im Rahmen dessen Originaldarstellungen aus dem Spiel nur am Rande von Bedeutung waren. Diese Strategie, die uns heute nur allzu vertraut ist, da kaum ein AAA-Blockbuster ohne sie auskommt, war damals noch viel weniger geläufig und dürfte in der Geschichte Nintendos ohne Beispiel gewesen sein.

In Japan hatte sich Pokémon von 1996 an zum Überraschungserfolg entwickelt, der sich in den USA unterstützt durch umfangreiches Marketing zwar wiederholt hatte, aber längst nicht garantiert gewesen war. Das deutsche Club Nintendo Magazin berichtete erstmals 1998 von dem „Phänomen“ – das auch explizit als solches präsentiert wurde. Man betonte, wie unvergleichlich erfolgreich die Spiele in Japan waren, und wie dieser Erfolg darin begründet sei, dass Pokémon die Urinstinkte des Menschen in seiner Rolle als Jäger und Sammler ansprächen. Im Frühsommer 1999 setzte sich die Marketing-Maschinerie dann richtig in Bewegung. Was das Club Nintendo Magazin anbelangt, so wurde das Spiel in einem zweiseitigen Preview in Ausgabe 3/1999 erstmals näher vorgestellt (vgl. die ersten beiden Scans). An den englischsprachigen Screenshots kann man erkennen, dass die Lokalisierung ins Deutsche zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen war. Das ist wohl auch der Grund, warum im Artikeltext (mit Ausnahme Pikachus) keine Pokémon oder Ortschaften mit Namen genannt werden. Der Europa-Release war zu diesem Zeitpunkt augenscheinlich noch für September geplant (als auch die Animeserie auf RTL II starten würde). Letztlich sollte es aber erst am 08. Oktober so weit sein.

Es ist offensichtlich, dass die Pokémon-Games der ersten Generation nicht gerade zur Liebe auf den ersten Screenshot verführten. Es handelte sich bei der Roten und der Blauen Edition originär um Entwicklungen für den monochromen Ur-GameBoy und auch als solche nicht gerade um technische Meisterleistungen. Demgegenüber sollte der GameBoy Color zum Zeitpunkt ihres Europa-Releases bereits seit vielen Monaten auf dem Markt sein – und andere Spiele präsentierten sich in schönsten 56 aus 32.768 Farben. Ohnehin zeigte sich die damalige Games-Landschaft nicht gerade von ihrer zurückhaltenden Seite: Der Europa-Release der Sega Dreamcast war auf Mitte Oktober angesetzt – weniger als zwei Wochen nach Pokémon. Playstation-Besitzer durften sich im selben Monat unter anderem auf Final Fantasy VIII freuen. Und auch die Spielebibliothek des Nintendo 64 hatte seit dem vorangegangenen Herbst quantitativ wie qualitativ gewaltig zugelegt (um nur einige zu nennen: Ocarina of Time, Turok 2, Star Wars: Rogue Squadron, F-Zero X, Mario Party und Castlevania). Nicht unbedingt die Voraussetzungen, unter denen ein technisch schwachbrüstiges, offensichtlich dringend erklärungsbedürftiges GameBoy-Spiel besondere Aufmerksamkeit erwarten durfte.

Dass es die dann doch erhielt war, wie oben angedeutet, das Resultat einer beispiellosen Marketingkampagne. Im Club Nintendo Magazin setzte sich die Berichterstattung in Ausgabe 4/1999 direkt fort (zufällig die selbe Ausgabe, aus der ich kürzlich schon den bemerkenswerten ShadowMan-Artikel vorgestellt habe). Vier Seiten umfasste dieser erste Artikel im Rahmen regulärer Spielepräsentationen – und deutschsprachige Screenshots und Pokémon-Namen gab es nun auch. Micky Auers Artikel verströmt einiges an 90er Flair und konzentriert sich darauf, den Lesern die Grundzüge des Spielprinzips nahezubringen. Etwas merkwürdig erscheint dabei, dass zwar Supermärkte und Pokémon-Center, Heiltränke und Maschinen beschrieben werden, das Kampfsystem und das der Elementtypen hingegen nur am Rande Erwähnung finden.

„Pokémon leben meist außerhalb der Städte in der Wildnis.“

„Im hohen Gras, in sanft sich im Wind wiegenden Kornfeldern“ solltet ihr Pokémon entdecken können – und während es einiger Fantasie bedurfte, solche Kornfelder auf dem GameBoy zu erkennen, sind derartige Erlebnisse seit Pokémon Go zur physischen Realität geworden. Andererseits: „In düstere Höhlen und sogar in die Tiefen des Meeres“ verschlägt die Realität wohl nur die allerwenigsten – die in Ermangelung eines ausreichenden GPS-Signal selbst dann Schwierigkeiten haben dürften, dort Pokémon zu fangen. Welches Spielerlebnis letzten Endes das intensivere ist? Glücklicherweise braucht man sich in dieser Frage auf keine Antwort festzulegen. Was die Spielergenerationen von damals und heute miteinander verbindet, das sind die praktisch unveränderten Pokémon-Designs, die in zwei Jahrzehnten noch keines Redesigns bedurften – selbst Popkultur-Ikonen wie Lara Croft können da nicht mithalten.

Ken Sugimoris Entwürfe der ersten 150 Pokémon sind von einer so bemerkenswerten Zeitlosigkeit, dass sie wohl auch den nächsten Pokémon-Reboot im Jahre 2033 tragen können, wenn Bisaflor und Glurak als lebensgroße Hologramme in die Parks und Fußgängerzonen projiziert werden.

Impressionen aus der nachfolgenden Club Nintendo Ausgabe 5/1999 seht ihr HIER.

Rechtliche Hinweise zu den Heftauszügen

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