Die Alternativ-Alternative zur Fußball-EM

Fünf, sechs Leute bilden einen Batzen um den Ball, der Rest der Mannschaften steht unbeteiligt in der Gegend rum. Das ist keine Erinnerung an den Sportunterricht, sondern internationale Klasse in Virtua Striker 3 auf dem GameCube. Um eines also gleich vorweg zu nehmen: Segas Arcade-Port hat mit den realitätsnahen Spielzügen der Konkurrenz von Konami und EA nichts zu tun. Wer aber aus aktuellem Anlass häufiger ein Fußballspiel in die Konsole einlegt, wer als Abwechslung zum aktuellen FIFA auch ISS 64 schon herausgekramt und bis zur Erschöpfung gespielt hat, wer also auf der Suche nach etwas ganz anderem ist, ohne sich aber von Nationalmannschaften ab- und gleich Mario zuwenden zu wollen: virtuaDemjenigen sei Segas Virtua Striker 3 ans Herz gelegt – der letzte von gerade einmal zwei Heimkonsolen-Ports eines traditionsreichen Fußballspiel-Franchises, an das wohl nur die Wenigstens schon einmal Hand angelegt haben.

Der GameCube-Port des 2001er Arcade-Games beschränkt sich ganz auf Nationalteams, unter denen sich zwar auch Exoten wie die Fiji-Inseln finden, Griechenland oder Ungarn aber fehlen. Der Nachstellung realer internationaler Wettbewerbe setzt das leider Grenzen. Lizensiert sind lediglich die Spieler der japanischen Mannschaft, allerdings bietet Virtua Striker 3 einen umfassenden Editor zur Erstellung eigener Spieler und Teams, wie es abseits des Platzes ohnehin eine beachtliche Menge an Optionen und Spielmodi vorweisen kann. Damit habt ihr die Möglichkeit, kleine und große Wettbewerbe nach eigenen Vorstellungen zu konfigurieren – mit bis zu 32 Mannschaften und ebenso vielen menschlichen Mitspielern, und einschließlich der Möglichkeit zwischenzuspeichern und das Turnier zu einem späteren Zeitpunkt fortzusetzen. Hinzu kommt ein Modus mit dem Namen Qualifikation Internationaler Pokal: ein relativ komplexer Managermodus, der mir in Relation zu den Limitierungen des Kern-Gameplays zwar vollkommen überdimensioniert erscheint, aber allemal zum einen oder anderen Match motivieren kann. Was während der EM-Saison wirklich zählt, ist aber wohl das Gameplay, und das gestaltet sich, wie oben angedeutet, nicht ganz unproblematisch.

Dass sich das Spiel immer wieder im chaotischen Klein-Klein auf engstem Raum verliert, liegt auch daran, dass auf die Pass-Mechanik keinerlei Verlass ist: Mit dem A- bzw. B-Knopf spielt ihr kurze bzw. lange Pässe (welche man wohl besser als flache und hohe Pässe bezeichnet hätte). Leider spricht das Spiel auf die Aufforderung zum Passen nicht nur ungewöhnlich schlecht an, es lässt sich auch kaum antizipieren, welcher eurer Mitspieler mit dem Pass bedacht werden wird (zumal die Kamera derart dicht am Geschehen fixiert ist, dass ihr potentielle Ballabnehmer oftmals gar nicht ausmachen könnt). Nur selten geht der Ball dahin, wo ihr euch erhofft hättet, dass er hingeht, und noch viel seltener kommt er beim fraglichen Mitspieler auch an – ein Umstand, mit dem die CPU ebenso zu kämpfen hat wie ihr. Geplante, ungebrochene Spielzüge in Richtung des gegnerischen Tors sind somit kaum möglich. Dass sich eure Mitspieler partout nicht freilaufen wollen, kommt erschwerend hinzu.

Wer nun meint, er könne das Passen umgehen, indem er im Alleingang aufs Tor dribbelt, muss feststellen, dass auch das keine erfolgversprechende Option ist: Eurem Spieler mangelt es an Wendigkeit, wie auch an der Möglichkeit zu sprinten. Generell stellt sich bei Virtua Striker 3 gerade zu Beginn immer wieder das Gefühl ein, dass euch das Spiel in ein enges Korsett zwängt, in dem sich nicht nur kein Raum für Kreativität bietet, sondern in dem ihr den programmierten Abläufen ausgeliefert seid, ohne je wirklich die Kontrolle zu haben. Lediglich die Torschuss-Mechanik ist einigermaßen gut gelungen: Zwar könnt ihr nicht bestimmen, wohin genau ihr schießen möchtet, allerdings die Wucht des Schusses. Diese erhöht sich in Abhängigkeit davon, wie lang ihr den X-Knopf gedrückt haltet, was allerdings das Risiko erhöht, dass euch der Ball in der Zwischenzeit abgenommen wird. Andererseits ist ein Ballverlust selbst in unmittelbarer Tornähe kein Beinbruch: Eine Rückeroberung ist oft möglich, da euer Gegner es selbst im Strafraum kaum einmal als notwendig erachtet, den Ball schlicht wegzuhauen und die Situation zu klären.

virtua2Noch limitierter gestaltet sich das Gameplay in der Defensive, die halbautomatisch abläuft und euch kaum noch Einfluss auf das Spielgeschehen lässt: Eure Optionen beschränken sich auf die Möglichkeit zur Grätsche. Die wird nicht selten als Foul gepfiffen und wenigstens zu Beginn ist überdies kaum nachvollziehbar, wann ein solches noch dazu mit einer gelben oder roten Karte geahndet wird. Bezeichnend ist, dass die CPU offenbar mit den selben Problemen kämpft: Nicht ungewöhnlich, dass auf Gegnerseite drei Leute mit Rot vom Platz gestellt werden. Das scheint im Übrigen das Limit zu sein: danach könnt ihr Grätschen was der X-Knopf hergibt, mehr als einfache gelbe Karten und Strafstöße habt ihr nicht mehr zu befürchten. Andererseits haben selbst Platzverweise ohnehin kaum einen spürbaren Einfluss auf den Spielablauf: Solange sich noch zwei, drei Leute finden, die sich auf den Ball stürzen, ist es relativ egal, ob nun vier statt sieben Teamkollegen untätig auf den Positionen verharren.

Sun Light Stadium

Mittels eines einfachen Drucks auf die R-Taste könnt ihr auch inmitten des Spielgeschehens jederzeit die Taktik wechseln. Doch egal ob ihr euch für normal, offensiv oder defensiv entscheidet – die Auswirkungen sind, gefühlt, fast gleich Null. Tatsächlich hat die Offensiv-Einstellung vor allem zu Folge, dass meine Spieler ohne mein Zutun häufiger im Abseits stehen, was das Toreschießen auch nicht eben erleichtert. Derartige Unzulänglichkeiten sind der Grund, weshalb es Virtua Striker 3 nicht nur an Tiefgang mangelt, sondern warum der Sega-Titel spielmechanisch stellenweise geradezu unbeholfen wirkt. Manch einer mag sagen, das Gebotene hat mit Fußball wenig zu tun, und tatsächlich folgt Virtua Striker 3 in spielerischer Hinsicht seiner eigenen Logik, die nicht die einer Fußballsimulation ist: Das Spiel ist actionreich und schnell, auf wenige Elemente reduziert, und die Tore sind gerade in den sehr dynamischen Wiederholungen allemal schön anzuschauen. Japanischer Fantasie-Fußball in sauberen Fantasie-Stadien mit Wellness-Namen wie „Rose Brick Stadium“ oder „Sun Light Stadium“.

Den Schlüssel zum Spielgenuss habe ich damit schon angedeutet: Hat man die Limitierungen der Spielmechanik einmal akzeptiert und verinnerlicht, und alle falschen Erwartungen hinter sich gelassen, dann kann man mit Virtua Striker 3 ganz gut Spaß haben. Reduzierter Pseudo-Fußball zwar, aber immerhin so lang unterhaltsam, bis einmal mehr der Mangel an Tiefgang in den Vordergrund rückt, der dafür sorgt, dass sich jedes Match mehr oder weniger gleich anfühlt und kaum nachvollziehbar ist, warum ich das eine Spiel mit drei Toren Vorsprung gewonnen, das nächste mit zweien im Rückstand verloren habe. Es ist aber durchaus möglich, sich mit den Eigenheiten der Spielmechanik zu arrangieren, Wege und Möglichkeiten zu finden, die Sieg-Quote zu erhöhen. Virtua Striker 3 ist keineswegs „broken“ und könnte gerade denjenigen Freude bereiten, die ein ganz ungezwungenes Verhältnis zum Fußball haben und entsprechend unbelastet auf den Platz gehen. Gewinnen wird am Ende nicht der, der ein authentisches Verständnis von Spielzügen und -taktiken mitbringt, sondern derjenige, der etwa erkennt, welchen Abstand und Winkel sein Spieler zum ballführenden Gegner halten muss, um seine nächste Grätsche nicht mit einem Pfiff und einer roten Karte beantwortet zu sehen.

Ein Aspekt, der unbedingt noch gelobt werden muss, ist die Grafik. Virtua Striker kam hier seit jeher eine Führungsrolle zu: Das Original aus dem Jahre 1994 war nämlich das erste Fußball-Videospiel, das ganz in 3D daherkam. Auch der GameCube-Port des dritten Teils wusste optisch zu begeistern: Zum Zeitpunkt des Releases war die Grafik von Virtua Striker 3 als einer der größten Pluspunkte des Spiels zu nennen gewesen – Oberklasse auf dem GameCube und den Konkurrenztiteln weit voraus, wenn auch zu farbintensiv und hochglänzend um wirklich „realistisch“ zu erscheinen. virtua1Aus heutiger Sicht relativiert sich dieser Pluspunkt selbstverständlich, doch von der generellen Unschärfe einmal abgesehen, macht das Spiel noch immer einen ordentlichen Eindruck. Dort wo die Fußballsimulationen der Konkurrenz Motion Capturing zum Trotze mitunter eher steif daherkommen, sind die Darstellungen in Virtua Striker angenehm schnell und flüssig. Dem Spielgefühl kommt das nach wie vor zu Gute. Sehr edel wirken auch die Lichteffekte, gerade bei Spielen in den Abendstunden. Wie etwa bei Star Wars: Rogue Leader bietet sich euch hier Möglichkeit, die Tageszeit aus der internen Uhr des GameCube abzuleiten. Weiterhin sorgt das Vorhandensein eines echten 16:9-Modus dafür, dass sich das Spiel auch auf modernen TV-Geräten heimisch fühlt.

Ist Virtua Striker 3 also doch ein gutes Spiel? Leider nein. In spielmechanischer Hinsicht ist Amusement Visions liebevoller Versuch selbst als Arcade-Game nur durchschnittlich. Es bietet weder den Feinschliff, noch die subtile taktische Tiefe, die die Gründe sind, weshalb andere Sega-Arcade-Klassiker auch eineinhalb Jahrzehnte nach ihrer Veröffentlichung noch regelmäßig in meinen Laufwerken landen. Virtua Tennis oder Beach Spikers: Virtua Beach Volleyball (wohl einer der größten Multiplayer-Geheimtipps auf dem Cube) spielen sozusagen in einer anderen Liga. Einmal abgesehen davon, dass Virtua Striker trotz allem Spaß macht, spricht für das Spiel jedoch vor allem eines: Es ist interessant, es ist anders. Dabei ist es mehr als eine bloße Kuriosität, sondern die Chance, eine Serie zu erleben, die sich ihren Platz in der Fußballspiel-Historie durchaus verdient hat – aufgrund technischer Innovationen, aber auch als langlebiger Vertreter des mittlerweile ausgestorbenen Genres der Arcade-Football-Games. Ich persönlich zähle Virtua Striker 3 seit jeher zu den schwächsten Titeln in meiner GameCube-Kollektion, möchte es in dieser Sammlung aber auch nicht missen.

Mit etwas Glück ist Virtua Striker schon für rund fünf Euro zu bekommen. Also nehmt das Fußballfieber zum Anlass und schaut mal rein: Neueinsteiger freuen sich über den unkomplizierten Spieleinsteig, Veteranen über das erfrischend andere Spielgefühl. Und für Arcade-Liebhaber ist dieser exotische Port ohnehin ein Muss.

Fun Fact: Wird die deutsche Flagge in den Menüs korrekt dargestellt, ist auf den wunderschön animierten Zuschauerrängen etwas schief gelaufen: Anstatt Schwarz-Rot-Gold zu schwingen, sind die Anhänger der deutschen Mannschaft schwarz-gold-rot beflaggt, schwingen also eine Art auf die Seite gelegtes Belgien. Mich würde interessieren, ob dieser Fehler schon im Arcade-Original vorlag und doch tatsächlich so übernommen wurde, oder erst auf dem Cube dazu kam? In jedem Fall ist dieser kleiner Fauxpas nicht untypisch für das Sega der damaligen Zeit – ebenso wie die unbeholfenen, stellenweise gar fehlerhaften deutschen Texte (wobei hier auch Infogrames als Publisher in der Verantwortung gewesen sein dürfte): „injury time“, die Nachspielzeit, wurde als „verletzt“ übersetzt; bei Freistößen und Ecken habt ihr die Wahl zwischen „kurzer Pass“, „longer Pass“ und „schieben“; und bei der Wahl des Bildschirmmodus bietet man euch die Optionen „Normal“, „Breit“ und „Breitbild“ – begleitet von folgender, aufschlussreichen Erklärung: „Normale oder breite Fernsehanzeige auswählen. Wenn du ‚Breit‘ wählen willst, gehe auf ‚Breitbild‘.“ Äh…

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