Nischenspieler

Nunmehr bereits zum zehnten Mal fand am letzten Samstag die „Lange Nacht der Computerspiele“ an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) in Leipzig statt. Ich hatte in diesem Jahr leider nicht die Zeit, länger zu bleiben, und konnte mich deshalb auch nur mit einem Bruchteil des Gebotenen beschäftigen. Im Vergleich zum Vorjahr schien die Veranstaltung nochmals größer geworden und zieht längst ein breites Publikum an. Dabei ist die Lange Nacht der Computerspiele eigentlich ein ausgesprochen nerdiges Event, aber vielleicht ist es ja gerade die scheinbare (oder tatsächliche) Obskurität vieler Ausstellungsstücke und Programmpunkte, die auch die Massen zu begeistern vermag. Gemäß der offiziellen Website (siehe unten) umfasst die Veranstaltungsfläche mittlerweile 3000 Quadratmeter und man rechnete mit etwa 4000 Gästen – kein Vergleich zu den bescheidenen, frühen Jahren, als sich die Besucherzahlen noch im unteren dreistelligen Bereich bewegten. Das Event dürfte praktisch jedem eine Nische bieten und ein Besuch lohnt sich längst auch für Anreisende von außerhalb.

Für einen umfassenden Bericht über das gewohnt gelungene Event war ich in diesem Jahr nicht lang genug vor Ort, und auch deswegen möchte ich an dieser Stelle gar nicht weiter ins Detail gehen. Es soll mir heute nur um einige Retrogames gehen, die es mir in diesem Jahr besonders angetan hatten. Bereitete mir im Vorjahr vor allem The Typing of the Dead auf der Sega Dreamcast sehr viel Freude, waren es in diesem Jahr das originale Gex auf dem 3DO, Vector Pilot auf dem Vectrex, sowie eine japanische Bahnsimulation mir unbekannten Namens auf der Playstation 2. Letztere war mit einem speziellen Lokführer-Controller spielbar, war erstaunlich anspruchsvoll, aber auch sehr spaßig. Definitiv eine Art von Spiel, das ich gern auch daheim hätte, stünden dem nicht diverse Hürden im Wege.

Impressionen: Gex (3DO)

Etwas später am Abend spielte ichGex_screenshot (wohl zum ersten Mal im Leben) auf dem 3DO, in diesem Fall ein Exemplar von GoldStar. Anfangs lag die Ur-Version von Need for Speed im Laufwerk, die meiner Meinung nach wirklich schlecht gealtert ist und deren Präsentation zum Fremdschämen einlädt. Ich war noch nie ein großer Anhänger der Reihe, aber das hat auch mich negativ überrascht… Also kurzerhand die Disc getauscht und Gex eingelegt – mein allererster Live-Kontakt mit der ehemals recht populären Reihe von Crystal Dynamics.

Das Gex-Franchise hat es in den 90ern auf insgesamt drei Titel gebracht. Beim ersten handelt es sich um einen 2D-Plattformer der alten Schule, der zuerst 1995 auf dem 3DO erschien und dessen Held als Gegenstück zu Segas Sonic und Nintendos Super Mario konzipiert worden war. Dennoch wurde das Spiel schon wenig später auch auf die Playstation und den Sega Saturn portiert. Einige Jahre später erschien schließlich der erste von zwei dreidimensionalen Nachfolgern u.a. auf der Playstation und dem Nintendo 64. Das Gameplay orientierte sich nun (wie hätte es auch anders sein können) an den Jump’n’Run-Konventionen der Super-Mario-64-Ära und im Großen und Ganzen war dem Gekko der Sprung in die dritte Dimension gut gelungen. Der dritte und bis heute letzte Teil der Reihe folgte bereits ein Jahr später und wie sein Vorgänger konnte er gerade auf der Playstation gute Kritiken und recht hohe Verkaufszahlen erreichen. Natürlich ist Gex nur einer von vielen Videospiel-Helden der 90er, der in Vergessenheit geraten ist, und wer seine Gamer-Karriere erst nach den 1990ern begonnen hat, wird vom Gex-Franchise möglicherweise nicht einmal mehr gehört gehaben. Die Absolutheit des Verschwindens des früheren Chrystal-Dynamics-Maskottchens ist dennoch überraschend. Die PS1-Versionen der gesamten Reihe wurden vor einigen Jahren im Playstation Network wiederveröffentlicht, doch abgesehen davon liegt das Franchise seit dem Jahr 2000 vollkommen brach.

Das Gex-Original auf dem 3DO hat mir auf jeden Fall erstaunlich viel Spaß gemacht: Ihr steuert den fernsehsüchtigen Gekko, der von seinem TV-Gerät verschluckt wurde, durch fünf an diverse Film-Genres angelehnte Welten, die reich sind an pop-kulturellen Referenzen. Ich spielte mich bis fast an das Ende der an eine Horrorfilm-Ästhetik angelehnten erst Welt; die Spielmechanik und der Schwierigkeitsgrad sind für einen mehr als zwanzig Jahre alten Titel recht zugänglich. Gameplay und Leveldesign sind sehr klassisch, aber nach wie vor unterhaltsam. Insbesondere wurde die Gekko-Natur des Protagonisten sehr gut ins Gameplay integriert; hervorstechendes Merkmal ist seine Fähigkeit, kurzerhand an den meisten Wänden und Decken entlang kriechen zu können. Die Spielgeschwindigkeit ist deutlich langsamer als bei Mario oder Sonic und zumindest in der ersten Welt gibt es kaum fordernde Sprungeinlagen; stattdessen legt Gex den Schwerpunkt auf das vergleichsweise freie Erkunden der Levels, ein Hauch von Metroidvania durchweht das Spiel. Leider fehlt es der Steuerung im Vergleich zu den Genre-Königen an Präzision. Dafür überzeugt Gex technisch und künstlerisch. Die Levels der ersten Welt sind sehr schön anzuschauen, allerdings fällt der Bildausschnitt im Vergleich zur Konkurrenz recht klein aus, was die Orientierung erschweren kann. Die 1990er-Ästhetik hat aus heutiger Sicht ihren ganz eigenen Reiz und vor allem das Charakterdesign von Gex ist ein typisches Produkt der MTV-Ära.
Mein Interesse hat Gex auf jeden Fall geweckt: Gut möglich, dass ich mir in absehbarer Zeit die Umsetzung für das Sega Saturn hole, oder auch einen der Nachfolger für das N64, denn diese beiden Konsolen habe ich glücklicherweise daheim.

Fun Fact: Die späteren Eternal-Darkness-Entwickler von Silicon Knights steuerten einen Teil der Gegnerdesigns bei, da das Haupt-Entwicklerteam von Crystal Dynamics unter Zeitdruck und Ressourcenmangel litt (mehr Infos: siehe Link unten). Tatsächlich hatten beide Firmen noch an Blood Omen: Legacy of Kain eng zusammengearbeitet; eine erfolgreiche Kollaboration, der allerdings ein undurchsichtiger Rechtsstreit um die Lizenzrechte am Franchise folgen sollte.

Impressionen: Vector Pilot (Vectrex)

Ich bin ein großer Fan des Vectrex seit ich es vor ca. acht Jahren zum ersten Mal auf der Langen Nacht der Computerspiele spielen durfte. Das kaum bekannte Spielesystem aus dem Jahre 1982 ist sicherlich eine der ungewöhnlichsten Heimkonsolen aller Zeiten und wirkt selbst heute nach spektakulär. Das hat es seinen pixelfreien Vektor-Grafiken zu verdanken, die jedes Spiel in einem spektakulären, retro-futuristischen Look erscheinen lassen. Videos und Screenshots, aber auch Emulationen werden dem nicht gerecht – man muss es schon selbst gesehen und gespielt haben, um dieses ganz besondere Gefühl nachvollziehen zu können. Das alles ist umso bemerkenswerter, bedenkt man an, wann das Vectrex erschienen ist – im Vergleich zu anderen Heimkonsolen des Jahrzehnts mutet die sanfte und dynamische (wenn auch in vielerlei anderen Punkten natürlich sehr limitierte) Optik der Vectrex-Titel geradezu magisch an. Und auch wenn heute, in Zeiten von Retina- und 4K-Ultra-HD-Displays, die letzten verbliebenen Vorzüge von Vektorbildschirmen im wahrsten Sinne des Wortes zunehmend unsichtbar werden, so ist ihre ganz eigene Ästhetik nach wie vor faszinierend.

Nachdem ich in vergangenen Jahren schon viel Spaß mit Mine Storm hatte, habe ich mich gefreut, in diesem Jahr ein neues Game im Modulschacht zu sehen: Vector Pilot sieht spektakulär aus und spielt sich auch so. vectrexIn dem Shoot ‚Em Up steuert ihr ein Jagdflugzeug in fünf verschiedenen Epochen gegen anrückende Gegnermassen, wobei ihr euch frei in alle Richtungen bewegen könnt, die Level also keinen Anfang und kein Ende im räumlichen Sinne haben. Der Jäger bewegt sich von selbst vorwärts, eine Taste dient zum Feuern, mit zwei weiteren dreht ihr das Vehikel nach links bzw. rechts um die eigene Achse. Ihr schießt auf gegnerrische Flugzeuge, verdient euch hin und wieder ordentlich Bonuspunkte durch das Aufgabeln eines Rettungsschirmspringers, und in den späteren Levels müsst ihr recht spektakulär zielverfolgenden Raketen ausweichen. Wie bei vielen Vectrex-Games spring zunächst einmal die butterweiche Darstellung ins Auge. Hinzu kommen in diesem Fall eine erstaunlich hohe Spielgeschwindigkeit und die schiere Masse an gleichzeitig darstellbaren Objekten. In den späteren Levels gerät die Hardware an ihre Grenzen und es kann zu Rucklern kommen, aber das trübt den Gesamteindruck nur minimal.

Genau genommen handelt es sich bei Vector Pilot allerdings gar nicht um ein offizielles und nicht einmal um ein klassisches Vectrex-Game. Veröffentlicht im Jahre 2001, ist Vector Pilot einer von zahlreichen Homebrew-Titeln für die Konsole. Vom Belgier Kristof Tuts im Alleingang entwickelt, holt das Spiel augenscheinlich viel aus der Hardware des Vectrex heraus.

Ein Vectrex hätte ich auch sehr gern daheim. Dass die Konsole aussieht wie ein Arcade-Automat im Kleinformat ist ebenfalls nicht zu verachten. Leider sind funktionsfähige Exemplare des Geräts nicht billig und so heißt es dann wohl doch: bis zur 11. Langen Nacht der Computerspiele im nächsten Jahr.

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