Part I:
Bedauerlicherweise ist das Project-Zero-Franchise im Bewusstsein der Nintendo-Spieler bis heute nicht richtig angekommen.

Es mag ja kaum bekannt sein, aber: Nintendo hat ein Herz für Horrorgames. Während des Generationenwechsels vom Nintendo 64 zum GameCube unterstützte man Silicon Knights bei der Entwicklung von Eternal Darkness, wenig später verkündeten Capcom und Nintendo, dass die Resident-Evil-Hauptreihe fortan exklusiv für Nintendo-Konsolen erscheinen werde. Dieses Engagement aus den frühen Jahren des GameCube gehört mittlerweile der Vergangenheit an: Resident-Evil-Spiele auf Nintendo-Konsolen sind eine Seltenheit geworden, von Exklusivtiteln ist ganz zu schweigen, und über Silicon Knights ließ sich in den vergangenen zehn Jahren wahrlich nicht viel Gutes berichten.

Im Laufe der Wii-Ära hat sich Nintendo allerdings eines Franchises angenommen, dessen Qualitäten Nintendo-Spielern bis heute eher fremd zu sein scheinen. Koei Tecmos Project-Zero-Reihe – die in den USA unter dem Namen Fatal Frame bekannt ist – hat ihren Ursprung auf der Playstation 2 und wird in diesem Jahr bereits img02_onihren fünfzehnten Geburtstag feiern. Es ist noch kein halbes Jahr her, seit mit Project Zero: Maiden of Black Water der jüngste Teil der Reihe in Europa erschienen ist, doch erlebte Project Zero seinen ersten Release auf einer Nintendo-Konsole bereits 2008. Jener Wii-exklusive vierte Teil der Reihe, Mask of the Lunar Eclipse, war eine Ko-Entwicklung zwischen Koei Tecmo, den Grasshopper Studios und Nintendo, und hat bedauerlicherweise nie eine Veröffentlichung außerhalb Japans erfahren. Erst 2012 wurde bekannt, dass Nintendo mittlerweile Miteigentümer des Project-Zero-Franchises ist, dessen weitere Ableger seither exklusiv für Nintendo-Systeme erschienen sind.

Vor dem Hintergrund von Nintendos dezidiert familienfreundlicher Firmenphilosophie und der Tatsache, dass echte Horrorgames mehr denn je ein Nischengenre sind, kann man über die Gründe für Nintendos erneutes, stilles Engagement im Horrorgenre nur spekulieren. Ein Grund mag tatsächlich der sein, dass zentrale Gameplay-Elemente der Project-Zero-Serie sehr gut mit den speziellen Features des 3DS und der WiiU harmonieren. Die Angelegenheit erscheint dennoch umso merkwürdiger, schaut man sich an, dass gerade Nintendo of America kaum Interesse an der Reihe zeigt: Ein Wii-Remake des zweiten Teils erschien in Europa, nicht aber in den USA, und hat Nintendo of Europe den neusten, fünften Teil der Reihe immerhin noch in leider sehr geringer Stückzahl in die Läden gebracht, so ist er in den Staaten ausschließlich als digitaler Download im Nintendo eShop erhältlich.

Neben Capcoms Resident Evil und Konamis Silent Hill ist Project Zero eine der bekanntesten, klassischen Survival-Horrorserien aus Japan und zeichnete sich auf der Playstation 2 von Beginn an durch Eigenständigkeit und Originalität aus, was sich in sehr guten Wertungen widerspiegelte. Bis heute zeigen sich die beiden Serienschöpfer Makoto Shibata und Keisuke Kikuchi in ihren Funktionen als Director bzw. Producer für die Reihe verantwortlich, was wohl einer der Gründe ist, warum sich die Serie in all den Jahren treu geblieben ist und sowohl im Gameplay als auch in der Handlung große Kontinuität aufweist; gleichzeitig folgt jeder einzelne Teil der Reihe individuellen Leitmotiven und kann auch ohne Kenntnis der Vorgänger genossen werden.

Einen hervorragenden Einstieg in die Reihe erlaubt das Wii-Remake von Teil zwei, Crimson Butterfly. Nach Fertigstellung von Mask of the Lunar Eclipse, das einige Neuerungen im Gameplay sowie eine veränderte Kameraperspektive mit sich brachte, entschloss man sich, diese Innovation auf einen der älteren Titel zu übertragen. Laut Keisuke Kikuchi fiel die Wahl auf Crimson Butterfly, da dessen Ending den Spielern ganz besonders in Erinnerung geblieben sei. Dazu später mehr. Bedenkt man, dass nicht einmal der Wii-exklusive vierte Teil der Reihe außerhalb Japans veröffentlicht worden ist, können wir uns auf jeden Fall glücklich schätzen, dass Nintendo of Europe – anders als Nintendo of America – das auf den ersten Blick eher unscheinbare Remake ganz regulär und überdies vorbildlich lokalisiert nach Europa gebracht hat, und man bis heute keinerlei Probleme haben sollte, den Titel zu moderaten Preisen (online) zu ergattern. Aber was macht die Project-Zero-Serie eigentlich so besonders und wieso gilt gerade Crimson Butterfly als eines der unheimlichsten Spiele aller Zeiten?


Böse Geister

Project Zero 2: Wii Edition (auch bekannt als Deep Crimson Butterfly) ist prototypisch für die Qualitäten der Project-Zero-Reihe und unterscheidet sich von den meisten anderen Survival-Horror-Games vor allem in der Art seiner Gewaltdarstellung. Eure Gegner sind nicht Monster oder Zombies, sondern rachsüchtige Geister, und eure einzige Waffe ist eine Kamera mit paranormalen Eigenschaften – die sogenannte Camera Obscura, die Unsichtbares sichtbar macht und in der Lage ist, Geister nicht nur auf Film zu bannen, sondern auch zu exorzieren.

Dass ihr den Geistern nicht mit konventioneller Waffengewalt begegnet ist schon auf dem ersten Blick originell und anders. Noch dazu handelt es sich bei Geistern um einen Gegnertyp, der in Horrorspielen bis heute überraschend selten im Fokus steht, ganz anders als Zombies und andere, eher körperliche Monster. Auf dem zweiten Blick jedoch scheint sich das Gameplay von Project Zero 2 gerade in der Neuauflage gar nicht so sehr von einigen jüngeren Horrorspielen zu unterscheiden: Die Camera Obscura tritt an die Stelle der Pistolen und Gewehre, analoger Film dient euch als Munition. Hinzu kommt, dass die 3rd-Person-Perspektive (eine der Veränderungen des Wii-Remakes gegenüber img01_ondem Original, das sich noch fester Kameraperspektiven bediente) große Ähnlichkeit mit der in Resident Evil 4 hat. Wer aufgrund dessen nun aber einen action-orientierten Shooter erwartet – und in diese Richtung hat sich Capcoms Vorzeigehorror seit dem vierten Teil ja mehr und mehr entwickelt – wird überrascht werden: Project Zero 2 ist ein klassisches Action-Adventure durch und durch, und das ist immerhin etwas, das man heutzutage nicht mehr allzu häufig zu Gesicht bekommt.

Abseits der Kämpfe, die auch mal hektisch werden können, liegt der Fokus auf dem eher gemächlichen Erforschen der Locations, dem Verfolgen von Hinweisen, Sammeln von Gegenständen und Lösen simpler Rätsel. Nichts davon ist wirklich herausfordernd und die Karten sind auch nicht annähernd so labyrinthisch wie in den älteren Resident Evils (weshalb Project Zero 2 durchaus auch dazu taugt, in kürzeren Sessions zwischendurch gespielt zu werden), doch unterhaltsam und aufgrund der Story regelrecht packend ist das Ganze allemal. Wer aufmerksam ist und mitdenkt, kommt auf jeden Fall schneller voran und kann auch tiefer in die Handlung eintauchen.

Schaut man sich die dem Spiel zugrunde liegenden Strukturen näher an, wird deutlich, dass das zentrale Thema des Bannens von Rachegeistern mittels Fotografie alles andere als aufgesetzt und die Camera Obscura keinesfalls nur ein kosmetischer Ersatz für eine Shotgun ist: Plot und Gameplay, Grafik und Steuerung greifen wunderbar ineinander und immer wieder auf die Leitmotive des Spiels zurück. Es ist das Zusammenwirkung all seiner Teile, das Crimson Butterfly so interessant macht; spielte man den Titel allein des klassischen Survival-Horror-Action-Adventure-Gameplays wegen, würde man kaum glücklich. Project Zero 2 ist thematisch anspruchsvoller und intelligenter als die meisten Konkurrenztitel es sind (auch wenn gerade auf der Wii mit Silent Hill: Shattered Memories und Cursed Mountain gleich zwei weitere, sehr empfehlenswerte Genre-Vertreten existieren, die ebenfalls ohne blutgetränkte Waffengewalt auskommen). Und wenn auch das Spiel auf explizite Gewaltdarstellungen und gelegentlichen Splatter nicht verzichtet, so kommt der wahre Horror – der, der bleibt, nachdem die Konsole abgeschaltet ist – er kommt schleichend und subtil.

Den zweiten Teil des Reviews lest ihr hier.

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